Bereitschaftsarchiv

Zur Front

22. Februar 2011

Konditionierungen

Ich schrieb schon von diesen Dingen, aber ihre Gewalt wurde mir jüngst wieder spürbar, weshalb ich noch einmal auf sie zu sprechen kommen möchte.

Betrachten wir der Einfachheit halber zunächst einmal nur Deutsche, Engländer und Franzosen. Insbesondere in Deutschland wurde viel Aufheben über die charakterlichen Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen und deren Aufbruch in der Reformation gemacht. Ich will das gar nicht bestreiten, doch wer sich zu sehr darauf konzentriert, verliert die Perspektive auf das Ganze, denn jenes Kapitel ist wirklich nicht mehr als ein Detail, wenngleich auch ein weltgeschichtlich bedeutendes.

Wichtiger also als dieser Unterschied im sozialen Bereich, der Norddeutsche an sich ist eben asozial, ist zum Beispiel die Frage, welche Formen der Normabweichung es in Deutschland, England und Frankreich gibt, denn diese Frage führt einen zu einer Reihe frappierender Einsichten.

Die einzige Form der Normabweichung in Deutschland ist die des Penners, in England sind es die Exzentriker und in Frankreich kann man überhaupt keine Lebensnorm finden. Das muß Gründe haben und das hat auch Gründe. Deutschland, England und Frankreich besitzen nationale Tugenden, welche sich, im Lauf der letzten doch recht abwechslungsreichen Jahrhunderte jedenfalls, weder geändert, noch an Verbindlichkeit eingebüßt haben. Daraus ergeben sich schwer wiegende Konsequenzen, doch zunächst einmal seien diese Tugenden vorgestellt.

Die französische nationale Tugend ist die Achtung des Rechts, was einmal zugestanden wurde, das gilt für alle Zeit, auch wenn sich die Machtverhältnisse gravierend verändert hätten. Diese Besonderheit der Franzosen nutzten schon ihre Könige dazu, Lizenzen zu verkaufen. Und an dieser Neigung zur Lizensierung hat auch die Französische Revolution nichts geändert.

Die englische nationale Tugend ist die Anerkennung von Talent, insbesondere in kriegerischen und allgemeiner in nützlichen Angelegenheiten. Daraus ergibt sich mehreres, einerseits daß Menschen Freiräume eingeräumt werden, damit sie ihr Talent beweisen können, andererseits aber auch, daß, sollten sie Talent besitzen, von ihnen verlangt wird, auf den Posten zu gehen, auf welchen sie geschickt werden, wo sie dann allerdings wiederum einen gewissen Spielraum besitzen.

Es gibt heute natürlich niemanden mehr, welcher talentierte Engländer auf ihren Posten schickt. Diese Tugend setzt, wenn sie in einen funktionalen Ablauf eingebunden sein soll, eine Art Timokratie voraus. Als sich England vor ein paar hundert Jahren in eine Oligarchie der Reichen verwandelte, wurde die nationale Tugend also zu einem Relikt. Nichtsdestotrotz ist die Konditionierung der Engländer auf sie bis heute ungebrochen.

Die deutsche nationale Tugend nun kann man getrost darin sehen, Gott ein wandelnder Tempel zu sein. Und es ist eben nur die Einfallslosigkeit des Norddeutschen, welche daraus ableitet, er müsse also sparsam und fleißig sein. Wichtig ist dabei die Unbedingtheit der Argumentation, die gnadenlose Verfolgung dessen, was als größtes gemeinschaftliches Lob Gottes anerkannt wird. Da er die Sache so angeht, wird der Deutsche immer finden, daß die gemeinschaftliche Anstrengung zentral gelenkt werden muß, sich entsprechend der Führung unterstellen und dies auch von allen anderen Deutschen einfordern.

So wie der Engländer einen König an der Spitze einer Timokratie braucht, braucht der Deutsche einen Philosophenkönig. Beides ist heute selbstverständlich nicht gegeben, und ich möchte jetzt darauf zu sprechen kommen, was das für Deutsche und Engländer bedeutet.

Fangen wir mit den Deutschen an. Die unbedingte Hörigkeit der Deutschen macht es unmöglich in Deutschland auch nur irgendeine Sache lokal vor Ort ohne Hinzuziehung irgendwelcher Autoritäten zu verbessern. Und wer es auch nur versuchte, würde von allen Seiten angegriffen. Derweil hoffen alle Deutschen, daß die Regierung Wunder was auf den Weg bringt. Pointiert gesagt, die Deutschen bezahlen das Fehlen eines Königs mit der Fähigkeit, sich auch nur um eine einzige, und sei es noch so kleine Angelegenheit ihres Zusammenlebens kümmern zu können. Die deutsche Konditionierung führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung, wenn den Deutschen kein König vorsteht, und zwar schnell.

Bei den Engländern sieht es freilich etwas besser aus, weil es gesellschaftlich akzeptiert ist, wenn jemand mal zusieht, wie man was verbessern könnte, und ein bißchen herumexperimentiert. Sollte er dabei erfolgreich sein, wird er auch Gehör finden und kann also die Umstände ein Stück weit verbessern. Das Problem ist freilich, daß die Engländer annehmen, daß, wenn jemand auf einem Posten steht, es jemanden gegeben habe, welcher ihn da hinbeordert hat und dabei das Gemeinwohl bedacht hat. Weil sie das annehmen, entwickeln sie selbst nicht die geringste Initiative, sich selbst um das gesamtgesellschaftliche Gleichgewicht zu kümmern. Wie es ist, ist es richtig. Das mag man freilich im Nachhinein Darwinistisch neu zu begründen suchen, aber daher stammt der soziale Instinkt der Engländer nicht, in ihm lebt definitiv der Glaube an einen nicht mehr existierenden König fort. Und wenn diese Neubegründungen nicht so recht taugen, wonach es zunehmend aussieht, und was ich auch erklären könnte, allerdings nicht ohne ein neues Thema anzufangen, dann gilt letztlich für die Engländer ebenso wie für die Deutschen, daß ihre Konditionierung zur Selbstzerstörung führt, wenn ihnen kein König vorsteht, allerdings langsam.

Es ist beunruhigend zu sehen, wie zäh diese Konditionierungen sind und zugleich, wie einschränkend. Allerdings wird man dergleichen nur in Westeuropa finden, was mit dem Urheber dieser Konditionierungen zusammenhängt, der katholischen Kirche. Ob es reine Experimentierfreude war, oder ob diese Konditionierungen eine wichtige Funktion in der mittelalterlichen Machtarchitektur spielten, mit dafür sorgten, daß Rom über den Thrönen der europäischen Könige sitzen konnte, kann ich zur Zeit noch nicht sagen, und so sehr interessiert mich dieses Thema auch nicht, nur im Falle der Juden ist es natürlich offensichtlich, daß ihre Konditionierung essentiell mit Roms Macht zusammenhing und Dank Hitler auch weiterhin -hängt, doch davon handelte ich ja zuvor schon ausführlich.

Post scriptum vom 25.2.2011. Ein bißchen wie bei Dornröschen gibt es für die Deutschen doch immerhin einen Ausweg aus ihrer Lage, wenn ihnen nämlich klar würde, daß es ihre eigene Aufgabe ist, das Amt der idealen Regierung anzunehmen, was allerdings konditionierungsgemäß nur zentralistisch geschehen könnte, also in Form eines direktdemokratischen Zentralstaats. Klein genug dafür ist Deutschland wohl, man sollte die Möglichkeit nicht leichtfertig vom Tisch wischen, vielleicht ist sie das Beste, was mittelfristig für Deutschland erreichbar ist.

Labels: , , , ,

Folgende Beiträge Zur Front Vorherige Beiträge