Bereitschaftsarchiv

Zur Front

29. Oktober 2013

Doublethink and cognitive dissonance or On the architecture of public thought

Man acts partially informed and must weight his stakes for the different ways that things may turn out.

How often does generosity turn out to be waste and vice versa, the coward prudent and the prudent a coward, the cruel stern and the stern cruel.

So man makes a choice and keeps its opposite at hand.

And not always are his motives pure, does he only try to stay up to date, when he switches from one state of affairs to the other, often enough he chooses that state of affairs, that is most popular with his audience, including himself.

No-one needs to teach him this, it's his nature and has been, since he began to talk. Orwell coined doublethink for it and sort of suggested that man would be trained in it.

He never is. But he is being manipulated by putting problems before him, which make him choose one alternative or the other, and this is done repeatedly with the intent to channel his thinking into the answering of the questions of the resulting complex, which leads him not to insight, but makes him predictable as he takes the stance that the evidence, that is presented to him, supports.

Looking at the business of the manipulators, there are obviously two possible problems.
  1. People stick with the wrong alternative in the face of evidence that should persuade them of the other.
  2. People under the influence of conflicting propaganda refuse to make up their mind.
No. 1 is called cognitive dissonance and no. 2 doublethink.

I'm writing this blog entry in English, because native English speakers neither write nor think like this. They never say what a thing is, they always use it.

I've written already about the topic at hand in two posts, namely in Zum Sinn des Sprechens and in Diskurskontrolle durch Wahlgestaltung, the reason why I'm picking it up again is precisely this nonsensical approach to public discourse, where trivial notions like doublethink and cognitive dissonance are thrown in not to point out the trivial reality that underlies them, namely that you have to consider that you might be wrong or that one version of reality is convenient in one set of circumstances and another in another, respectively that nobody likes to see the horse lose, on which he has put his stakes, but are given a mystical flair so as to have people helping with the problems that the manipulators have whenever they get lucky and find one of those unicorns.

An army of self perceived intellectuals that do nothing more than to parse public statements and enforce the rules of the game.

I never had any sympathy for people who wanted to push their questions on me, you offer them or you live in a society of cynical prodders. Offering business opportunities is their excuse, sure, but that doesn't make their society one bit better.

Labels: , , , ,

28. Oktober 2013

La grande bellezza (2013)

Ich möchte ein paar Worte über La grande bellezza verlieren, weil sich der Film an die Reihe der großen Leerstellenportraits anfügt, also jene Werke, welche etwas beschreiben, indem sie die Lücke zeigen, welche sein Fehlen hinterläßt.

Dostojewski tat das in Verbrechen und Strafe mit dem Gesetz des Handelns, welches sich aus dem Wesen eines Menschen ergibt, Tišma in Das Buch Blam mit einem sich erinnernden Gott.

Und La grande bellezza nun entfernt die Willkür aus dem Lebensweg der Menschen, und zwar über das Vehikel der Orientierung am objektiv Schönen, oder, um es genauer zu sagen, indem der Film die Leere zeigt, welche entsteht, wenn alles, was dem objektiv Schönen dient, bereits getan wurde, beziehungsweise bereits von anderen getan wird.

Die Jugendliebe, welche sich der Vollkommenheit der Empfindung des Augenblicks bewußt ist, und auf weiteres verzichtet, die Stadt, welche überall wie ein Gedicht erscheint, dessen kunstvolles Maß jeder Eingriff nur stören würde, die Kirche, deren Diener die letzten Grade der Verbundenheit mit Gott erreicht haben - nicht alle, aber doch genügend viele, um ihrem Anspruch gerecht zu werden.

Aus allem spricht die große Schönheit, die zu große Schönheit, welche die Normalsterblichen tatenlos und zunehmend verbittert-verkniffen - fies! - zurückläßt. Oder auch kindlich resigniert, zurückgestutzt auf die letzte sichere geistige Entwicklungsstufe.

Der Vorzug des Films dabei ist seine Betonung des Absoluten, welche die Zivilisationskrankheit um es herum geradezu unwesentlich erscheinen läßt, und dadurch ein Milieu schafft, welches nicht hoffnungslos übersäuert ist, denn das ist die große Gefahr, wenn man die Sinnlosigkeit des Lebens einseitig darstellt.

Und das tut der Film ja, er ist ein Leerstellenportrait, welches indes, wie auch Verbrechen und Strafe und Das Buch Blam, die Leerstelle entschuldigt und dadurch nie den Geruch einer Anklage gewinnt. Und so muß ein Leerstellenportrait auch vorgehen, es muß die Leerstelle als gänzlich normal darstellen, um den schärfsten Widerspruch dagegen zu provozieren.

Im hier vorliegenden Fall eben, daß Schönheit keine objektive Tatsache ist, sondern durch die subjektiven und willkürlichen Entscheidungen der Menschen zu ihr in die Welt hineingebracht wird, und selbst wo das nicht stimmen sollte, und eine Stadt tatsächlich objektiv schön sein sollte, die Schönheit des Lebens der Menschen in ihr doch auf genau diese Weise erst noch erzeugt werden muß.

Labels: ,

20. Oktober 2013

Und noch ein paar Worte zum deutschen Wesen

Ladies und Gentlemen,

welcher Sprache entstammen diese Redensarten?
  • Be careful that you are not eaten by dogs! als warnender Hinweis bei Anzeichen von Disziplinlosigkeit.
  • She tore his arse up. als Beschreibung eines Ehestreits.
  • Do you want an eardrum rupture? als Mahnung für ein ungezogenes Kind.
  • Hold the client by the pole! als Aufforderung, es einem Kunden nicht langweilig werden zu lassen.
Ach, sagen Sie bloß, daß Ihnen das noch nie aufgefallen ist, wenn jemand vor die Hunde geht, ihm der Arsch aufgerissen wird, er was auf die Ohren kriegt oder er bei der Stange gehalten wird?

Na, na, na, schon so daran gewöhnt?

So gewöhnt an diese Grobheiten, diese Übertreibungen und Brutalitäten?

Wer sind Sie denn?

Lassen sich deutsche Konzernlenker eigentlich chauffieren oder fahren sie selber?

Jemand anders mit 240 Sachen über die Autobahn brettern lassen?

Wo man doch selbst das Auto verdient?

Nein, wirklich zu tun hat das Eine mit dem Anderen nichts, jedenfalls nicht, soweit es den Ursprung des jeweilgen Verhaltens betrifft. Dem Deutschen gefällt halt die Übertreibung und Direktheit - und das Autofahren. Und doch, von einer bestimmten Warte aus betrachtet gibt es einen Zusammenhang, dann nämlich, wenn man sich fragt, warum beides so uniform verbreitet ist, warum es kaum einen Deutschen gibt, welcher anders empfindet.

Worauf führt das? Nicht auf eine geteilte Hatz, in welcher die Gründe des gemeinsamen Laufens nie zur Sprache kommen und kommen können?

Einerseits sind diese nie besprochenen Selbstverständlichkeiten eine feine Sache, weil sie Einführungen und Vorstellungen überflüssig machen, andererseits aber auch gerade darum allgemein entwürdigend, denn Würde ist allseitige Ansprechbarkeit: Wer nur in eine Richtung denkt und blickt, er könnte Khan der Goldenen Horde sein, er bliebe klein. Freilich, das heißt weder, daß Würde voraussetzt, diese Offenheit allen gegenüber zur Schau zu stellen, noch, daß darauf verzichtet werden müsse, Schlüsse aus dem bereits Erfahrenen zu ziehen.

Ich denke, die Situation hat sich in Deutschland deshalb so entwickelt, weil es bei gut laufenden Geschäften zu keiner bleibenden Identifizierung mit den Herrschaftsstrukturen gekommen ist, die Regierung war stets schwach gegenüber den Regierten, aus deren innerer Dynamik der Lauf der Geschichte zumeist entstand, ohne daß auch nur einer Anlaß gehabt hätte, sie zu reflektieren, jedenfalls kein Deutscher, und die Reflexionen Fremder verfehlen stets das Wesentliche.

Unbeherrschter Überschwang als verbindendes Element, geschuldet einem wohl eher gutmütigen Eigensinn, welcher erst einmal einen Zuhörer will, bevor er sich überlegt, was er ihm gesagt hat.

Nun, rein deutsch ist das nicht, aber in Deutschland liegt es in sonst beispielloser Reinheit zu Tage.

Ja, liegt es. Auch Besonnenheit kann man spielen, nur Würde, Würde nicht.

Labels: , ,

Die Auferweckung des Lazarus

Hin und wieder schlage ich die Bibel an der Stelle des Zeitpunktes des letzten Eintrags auf, um zu sehen, ob es wohl eine Beziehung zu ihm gibt. So auch heute morgen.
Johannes 11:5. Jesus aber hatte Martha lieb und ihre Schwester und Lazarus.
Und ich denke, daß dies tatsächlich in einer Beziehung zur Rolle von Mann und Frau steht, nämlich wenn man die Geschichte so liest, daß Lazarus nicht wirklich gestorben ist, sondern nur für seine Schwestern und Freunde, weil diese sich nur noch für Jesus interessiert hatten.

Und weil Jesus Martha und Maria lieb hat, stellt er die vormaligen Verhältnisse wieder her und gibt sie ihrer Familie zurück.

Und er geht ja noch weiter. Gleich nach dieser Episode wird der Entschluß gefaßt, Jesus zu töten und Jesus nimmt Abschied mit den Worten:
Die Zeit ist gekommen, daß des Menschen Sohn verklärt werde. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.
Es gibt also einen Sinnzusammenhang zwischen dieser Deutung der Auferweckung des Lazarus und der weiteren Entwicklung der Geschichte Jesu. Seine Zeit als Person ist um, seine Zeit als Idee beginnt.

Labels: , , , ,

Als Mann geboren zu sein

Das Weibliche ist formlos, formlos ist das Weib.

Es obliegt dem Mann, ihm Form zu geben,
es zu lichten Höhen zu erheben.

Die sicherste Weis, es anzufassen,
es zum Phallusse, beten zu lassen.
Die lichten Höhen, da sein Herze liebt,
wo es sich seines Lebens Pflicht ergibt.

Die ganze Welt möchte mit ihm streiten,
dem Weib das reine Glück zu bereiten.
Der Akt, welcher ihm ihr dabei voraus,
stößt es stets wieder aus dem Glück hinaus.

Doch muß er nicht mehr vergeblich kämpfen,
wenn Kinder der Mutter Herz besänftgen.
Der Mann trägt die Last, bis er getragen,
das Weib belastet, bis es beladen.

Labels: , , , ,

19. Oktober 2013

Ginkgo - ein Mißverständnis

Es ist wirklich kurios, wie aus einem buddhistischen Tempelbaum ein Sinnbild für die sublimeren Bestrebungen der bürgerlichen Eliten werden konnte.

Gut, Hype seit 300 Jahren. Und wie alle diese ersten Hypes des (heraufdämmernden) bürgerlichen Zeitalters von besonderer Langlebigkeit. Aber nicht irgendein Hype, sondern einer, welcher auf einer sonderbaren Einseitigkeit der Wahrnehmung beruht. Denn vom ganzen Baum sehen die Europäer für gewöhnlich nur das Blatt.

Und das ist bei einem Baum wie dem Ginkgobaum, dessen ganzer Wuchs Urtümlichkeit ausstrahlt, nicht gerade leicht nachzuvollziehen.

Es ist, genauer gesagt, das willkürliche Aufbrechen der Krone im Alter, weit stärker noch als bei Lärchen, und der dicke, runzelige Stamm, welche einen ausgesprochen starken und eindeutigen Eindruck ausüben, einen Eindruck von Ewigkeit, Unnahbarkeit und Rücksichtslosigkeit.

Und es ist wahrlich kein Wunder, daß der Baum als solcher zum buddhistischen Wahrzeichen wurde. Seine Blätter, die sind, buddhistisch bis ins Mark, Samsara, ein verführerischer und täuschender Reiz.

Und irgendetwas krampft sich in meinem Herzen zusammen, wenn ich ein Video sehe, in welchem ein Mädchen mit weit aufgerissen Augen den Baum hinaufstarrt und die sekündlich herabfallenden Blätter bestaunt: Wie zauberhaft!

Wie dumm! Wie instinktlos!

Ben Wagin pflanzt ihn gegen die menschliche Zivilisation, als Ausdruck eines Glaubens, welcher uns am liebsten ausgerottet und die Erde geheilt sähe. Der beste Baum auch dafür, wiewohl kein Lebewesen einer so groben Idee ganz entspricht und Stahl und Stein ihre besten Wahrzeichen bleiben, ironischerweise vielleicht, aber ist es wirklich Ironie - oder schlicht Irrsinn?

Das Archaische, gleich ob Ginkgo oder Atlantikwall, verweist auf die Unzulänglichkeit menschlicher Vernunft und die Notwendigkeit ihrer Berichtigung durch höhere Gewalt. Dies ist freilich charakteristisches Merkmal der tibetisch-japanischen Spiritualität, und hat sich als solches bewährt, aber von seiner Verpflanzung nach Europa ist abzuraten, gerade weil es so gar nicht verstanden wird, weil sich um es eine so benebelte Rede von Versöhnung und Ausgleich rankt, gestern und heute, Mensch und Natur, wo doch in Wahrheit nur Lehen und Tribut, die Zeit selbst, Wachstum und Krisis besteht.

Ich empfände Angst davor, einen Ginkgobaum anders als in ein Tal zu pflanzen. Ein Gewächs des Urgrundes, da darf es auch bleiben, auf Höhen herrschen sollte es nicht.

Labels: , ,

14. Oktober 2013

Wie die Bibel Apollon versteht.

Garstig wäre es, wenn Gott der Weisheit und Kunst Feind wäre, und so scheint es freilich, wenn man Apollon als Abaddon Lucifer gleichstellt. Nun mag man die Gleichsetzung von Apollon und Abbadon bezweifeln, aber Lucifer bleibt doch auch dann eine apollinische Gestalt.

Freilich, Lucifer selbst mag als Bild des Teufels eine Verzerrung sein, aber dafür müßte es ja auch wieder einen Grund geben, denn schließlich nennt man etwas ja nicht grundlos teuflisch.

Bei aller Unsicherheit in diesen Dingen bleibt es doch dabei, daß der Teufel im Christentum eine lichte Seite hat - und nicht nur dort - und wir werden gleich sehen, daß es ausgesprochen sinnig ist, Apollon als Gott der Wissenschaft und Kunst für diese Seite heranzuziehen.

Natürlich wird man Apollon dabei nicht ganz gerecht, und doch ist es eine Denkfigur von einigem Wert.

Liest man die Offenbarung, so ist es hinreichend klar, daß sie eine instrumentelle Wissenschaft beschreibt, eine die Waffen erfindet und Weisen, Leute einzuschüchtern, wie es etwa durch das Fernsehen geschieht. Auch eine, welche das Herz der Menschen verhärtet und ihrer Reue im Wege steht. Eine Wissenschaft also, welche eine Fessel ist, mittelbar und unmittelbar, in ihren Früchten ebenso wie in ihrem Denken selbst.

So klar sind die Hinweise auf die Kunst nicht, und doch ahne ich, daß von einer Kunst die Rede ist, welche den Menschen Verlotterung als Normalität darstellt. Und so kann man Apollon ja auch verstehen, als Herr der Stimmung der Massen, sowohl begrifflich als auch emotional, welcher ihnen ihre Haltung gibt.

Und ich glaube, so ist er zu verstehen, wenn er christlich Teufel genannt wird. Der Teufel will die Menschen stimmen, Gott sie sich entfalten lassen, weil er als Sorge bereits in allen ist und sie von innen stimmt, sodaß äußere Stimmung immer Überstimmung und Verderben der Natur ist.

Und der Meister dieser Überstimmung ist der Herr der überstimmenden Wissenschaft und Kunst, daher dieses Bild des Teufels, welches seine Verkörperung in seinen mächtigsten Werkzeugen darstellt.

Labels: , , , ,

Die Grundaxiome der Physik und der Mechanik im speziellen

Seit ein paar Wochen trage ich mich mit dem Gedanken, die Mechanik einmal axiomatisch zu begründen, denn ich war mir sicher, daß die impliziten Annahmen, welchen ich als zwölfjähriger Schüler folgte, besser sind als die Newton'schen Axiome. Um also nicht eine klare Einsicht, welche ich einst hatte, verloren zu sehen, halte ich sie hier fest.
1. Materie ist etwas Kraft Aufnehmendes.
2. Kraft ist etwas Materie Erfüllendes.
3. Die Verkörperung der Materie wird von ihrem
    Sättigungsgrad an Kraft bestimmt.
Anmerkung. Die Frage, wie sich Kraft messen läßt, bleibt einstweilen unbeantwortet.

In der Mechanik nun unterscheidet sich die Verkörperung der Materie nur in einem einzigen Punkt, nämlich in der Geschwindigkeit des Körpers. Diese also muß dem Sättigungsgrad der Materie an Kraft entsprechen, und wofern starre, nicht rotierende Körper betrachtet werden, ist der Sättigungsgrad der Materie an Kraft in einem Körper für alle in ihm vorhandene Materie stets der gleiche, womit die zur Beschleunigung eines starren, nicht rotierenden Körpers notwendige Kraftzufuhr proportional zu der Menge von Materie in ihm ist, welche wir auch als seine Masse bezeichnen.

Um nun etwas weiter zu kommen, machen wir die folgenden Annahmen über den frontalen Zusammenstoß zweier Körper.
4. Die Masse der Körper bleibt erhalten.
5. Die gewichtete mittlere Bewegung der Körper bleibt
    erhalten.
6. Die Quantität der gewichteten exzentrischen Bewegungen
    der Körper bleibt erhalten.
5.) bedeutet, daß sich (m1v1+m2v2)/(m1+m2) nicht ändert und 6.) bedeutet, daß sich |m1(v1-(m1v1+m2v2)/(m1+m2))|+|m2(v2-(m1v1+m2v2)/(m1+m2))| nicht ändert.

Letzteres kann aber unter den zuvor gestellten Bedingungen nur dann der Fall sein, wenn sich (allenfalls) die Vorzeichen der exzentrischen Geschwindigkeiten zugleich umkehren, also jene von v1-(m1v1+m2v2)/(m1+m2) und v2-(m1v1+m2v2)/(m1+m2).

An dieser Stelle können wir nun auf die Frage zurückkommen, wie sich Kraft wohl messen lasse. Wir suchen nach einer bijektiven Funktion des Betrages der Geschwindigkeit, welche nur positive Werte annimmt, da unser Verständnis von Kraft in einem mechanischen System seiner Unruhe entspricht.

Weiterhin möchten wir, daß sich die Gesamtkraft bei einem frontalen Zusammenstoß nicht ändert, sondern daß intern lediglich Kraft ausgetauscht wird, der Idee folgend, daß Kraft nur in Materie steckt und auch stets in Materie bleibt.

Andererseits gibt es stets nur zwei Lösungen von 4.) - 6.), wobei die eine, nämlich daß sich überhaupt nichts ändert, aufgrund der Undurchdringbarkeit starrer Körper stets ausgeschlossen wird, und diese Lösungen ergeben sich ebenso, wenn man statt 6.) fordert, daß m1(v1)2+m2(v2)2 erhalten bleibt. Wenn die Lösungen aber durch die Invarianz von m1v1+m2v2  und m1(v1)2+m2(v2)2 bestimmt werden, dann können wir keine zusätzlichen Invarianzen mehr fordern, also keine, welche sich nicht aus der Invarianz dieser beiden Größen ergeben. Warum aber sollten wir dann die Kraft anders messen, als durch m1(v1)2+m2(v2)2, bis auf allenfalls eine Konstante?

Mit Kraft ist hier also die kinetische Energie gemeint. Es gibt noch andere Erwägungen, welche dieses Maß nahelegen, insbesondere die bei einem elastisch verformenden Stoß zu beobachtende Gleichung mv/t=F=e/s.

Das ist aber alles nicht ganz zwingend, und letztlich ist das Maß der Kraft eine Konvenienz. Die Herleitung der beiden elementaren Invarianzen, also des Impulses und der kinetischen Energie, aus kinetischen Intuitionen ist hingegen durch letztere einigermaßen zufriedenstellend begründet, und mehr als diese braucht man zur Berechnung eindimensionaler mechanischer Vorgänge auch nicht.

Die Ausdehnung der mechanischen Gesetze auf den dreidimensionalen Raum erfolgt durch den folgenden Satz.
Mechanische Prozesse sind stabil unter eindimensionalen Projektionen.
Er folgt von alleine, wenn man 4.) - 6.) auf seitliche Zusammenstöße anwendet, denn 4.) - 6.) sind stabil unter eindimensionalen Projektionen.

So in etwa war mein Erkenntnisstand mit 12 Jahren, ich bin froh, ihn wieder einigermaßen unbeschadet hergestellt zu haben, trotz der seitdem vollzogenen Änderung meines Glaubens weg vom Beharren und meiner weiterführenden Bildung. Ob Thomas, wenn er das liest, wohl weiß, wer ich bin?

(Nein, keine Anspielung. Thomas B., Klassenkamerad und -bester. Hatte mal zuviel getrunken und mir seine Bewunderung für meinen Zugriff auf die Physik unter die Nase gerieben. Er lerne das nur alles, während ich wüßte, wie es sein muß. Entscheiden Sie selbst, ob er damit seinen Namen zurecht trägt.)

Labels: , ,

Der Abgrund

Propheten und Priester, gehen allesamt mit Lügen um und trösten mein Volk in seinem Unglück, daß sie es gering achten sollen, und sagen: "Friede! Friede!", und ist doch nicht Friede.
Wie ich im Beitrag Machttransformation und -regeneration schrieb, muß auf die höchste Konzentration der Macht in den Händen Weniger ihre größte Zerstreuung in den Händen Vieler folgen, und zwar indem die Not den Glauben der Vielen herauskristallisiert, welcher sie alsdann neu zusammenschließt.

Andererseits hängt diese Abfolge vom technischen Entwicklungsstand ab, denn dieser bedingt das Gleichgewicht zwischen oberer und unterer Macht. Während in der vorindustriellen Zeit die Masse der Menschen rechtlos gehalten werden konnte, ohne daß dies die Basis, welche durch geteilte Vorstellungen des sozial Akzeptablen die Spitze bindet, zu sehr ausgedünnt hätte, wurde es im industriellen Zeitalter nötig, die Basis zu verbreitern, um die neuen Möglichkeiten der Spitze auszugleichen.

Im Informationszeitalter nun wäre es nötig, die Basis durch Hirnimplantate und dergleichen mehr zu halben Kampfrobotern aufzurüsten, um das Gleichgewicht auch weiterhin zu wahren. Unterbleibt dies, so besteht ein systemisches Übergewicht an oberer Macht, welches die Machttransformation und -regeneration so lange verhindert, wie die Grundlagen des technischen Entwicklungsstandes bestehen bleiben.
Denn sie werden sagen: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen, gleichwie der Schmerz ein schwangeres Weib, und werden nicht entfliehen.
Kriege, als äußerste soziale Anstrengungen, können, so lange ein Gleichgewicht zwischen oberer und unterer Macht besteht, nur mit Rücksichtnahme auf die Basis geführt werden, müssen also sozial akzeptabel sein, und das heißt konkret die Lebensgrundlage der Gesellschaft verbreitern (Existenzebene der Lust), die Gesellschaft von funktional einschränkenden Umständen befreien (Existenzebene der Achtung) oder die eigene Verfassung als Rechts- oder gar Pflichtenstaat sichern (Existenzebene der Sorge).

Wir sind heute soweit, diesen Gründen zu wehren, oder stehen jedenfalls an der Schwelle dazu, wenn Einsicht unsere Akzeptanz von Ordnungsrahmen, sowohl für uns selbst, als auch für andere, leitete. Die Verheißung des Friedens ist also nah.

Nur ist es kein Friede, denn indem die Basis ihre Macht verliert, ändert der Krieg sein Antlitz.
Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da trunken sind, die sind des Nachts trunken; wir aber, die wir des Tages sind, sollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung zur Seligkeit.
Nacht ist Unkenntnis. Hesse hat, neben vielen schlechten Gedichten, auch ein gutes geschrieben.
Entgegenkommen

Die ewig Unentwegten und Naiven
Ertragen freilich unsre Zweifel nicht.
Flach sei die Welt, erklären sie uns schlicht,
Und Faselei die Sage von den Tiefen.

Denn sollt es wirklich andre Dimensionen
Als die zwei guten, altvertrauten geben,
Wie könnte da ein Mensch noch sicher wohnen,
Wie könnte da ein Mensch noch sorglos leben?

Um also einen Frieden zu erreichen,
So laßt uns eine Dimension denn streichen!

Denn sind die Unentwegten wirklich ehrlich,
Und ist das Tiefensehen so gefährlich,
Dann ist die dritte Dimension entbehrlich.
Das Beunruhigende der Tiefe, des Inneren der Dinge, besteht darin, daß dort wohl etwas ist, was wir aber nicht kennen. Unser Umgang ist auf die Oberfläche beschränkt, und was noch neben uns an anderen Dingen in der Welt ist, wird den meisten Menschen durch ihn vertraut. Sie sprechen, was sie sehen, als Dinge an und legen ihre Beobachtungen in ihr Wesen. So wird die Welt ihnen nah, aber nur ein Teil der Welt, ihre Oberfläche. Und wenn sie noch so viele Schnitte führen, stets bleibt der Abgrund, auch wenn ihn einige erfolgreich verdrängen.

Wohl hingegen denen, welchen Gott nah und die Welt durch Gott nahe ist.

So, und damit habe ich den 666sten Beitrag auf diesem Blog, hoffe ich, würdig geschrieben.

Labels: , , , , , , , ,

13. Oktober 2013

Gesellschaftliche Disziplin und Eigenverantwortung

Die Qualität des Lebens in einem Staat hängt wesentlich davon ab, in wie weit sich seine Verantwortungsträger an Verhaltensstandards messen lassen.

Ich möchte an dieser Stelle auf eine diesbezügliche Staffelung hinweisen. In einem Rechtsstaat sind Verantwortungsträgern bestimmte Verwendungen ihrer Macht untersagt und, so er tatsächlich einer ist, auch strafbewehrt erschwert.

Die Grundlage dessen ist eine gesellschaftliche Übereinkunft über persönliche Schutzbereiche, welche der Rechtsstaat also schützt. Dies verhindert aber natürlich nicht, daß Verantwortungsträger ihre Verantwortung ausschließlich nach Maßgabe ihrer eigenen Sympathien und Aversionen tragen, und ein Rechtsstaat wäre auch schlecht beraten, wenn er diesen Mißstand mit seinen Mitteln aufheben wollte, denn das macht seine Verantwortungsträger nur schlecht gelaunter und bewirkt sonst nichts.

Dennoch ist ein Rechtsstaat im Vergleich zu Staaten, in welchen es keine persönlichen Schutzbereiche gibt, ein recht angenehmer Lebensort. Man schimpft auf die Verantwortungsträger, aber man fürchtet sie nicht.

Andererseits zeigt sich in den schlecht beratenen Tendenzen heutzutage eben, daß dieses Schimpfen nicht rein oberflächlich ist, sondern daß es vielen Menschen in einem bloßen Rechtsstaat doch an etwas wesentlichem mangelt.

Ich hatte dieses Thema ja auch schon am Wickel, als ich vom Gegensatz zwischen Privatsphäre und gesellschaftlicher Transparenz schrieb. Indes möchte ich hier nicht auf die charakterlichen Voraussetzungen unterschiedlich verfaßter Gesellschaften abheben, sondern es bei der rein institutionellen Seite belassen.

Institutionell also haben wir zum einen das Recht, und was darüberhinaus?

Die Aufgabe, auch Pflicht genannt.

Das Problem heute, wenn man es noch einmal genauer betrachtet, besteht darin, die Aufgabe als eine freie Wahl der Gesellschaft zu betrachten, und zwar buchstäblich in dem Sinne, daß die freie und geheime Wahl dazu dienen soll, die Aufgabe auszuwählen, welcher sich das Volk mehrheitlich verpflichtet fühlt.

Das ist ziemlich erheiternd, wenn man es aus diesem Blickwinkel betrachtet. Natürlich wählt das Volk immer nur die Aufgabe, welche zuvor beworben wurde, aber dessen ungeachtet ist ja auch schon die Vorstellung als solche, daß man sich seine Pflichten wählen könnte, absurd. Nichtsdestotrotz geht ein Großteil der deutschen - und nicht nur der deutschen - Bevölkerung mit der Gewißheit zur Wahl, dem Staat eine würdige Aufgabe zu wählen, und es ist nur natürlich, daß dabei die tatsächlichen Pflichten vernachlässigt werden.

Diese Erscheinung ist nun aber wieder die Frucht der Religionsfreiheit, also des Fehlens von Religion. Glauben zum politischen Gegenstand zu machen, und nichts anderes heißt es ja, die Menschen darüber abstimmen zu lassen, worum sie sich gemeinsam sorgen sollten, bedeutet, das Heilige gegen sich selbst auszuspielen, denn das ist das Wesen aller Politik, daß durch das Ausspielen verschiedener Interessen gegen einander Kompromisse gefunden werden. Das Heilige aber ist von der Art, daß es verbunden werden muß. Und diese Verbindung bedarf des Austauschs in ernsthaftem Bemühen.

Das Volk, indem es Parteien wählt, deren Profil in der einseitigen Sorge um Teilaufgaben besteht, ist nicht nur von diesem Austausch ausgeschlossen, es sabotiert ihn darüberhinaus auch noch auf anderer Ebene.

Wenn man diese Dinge betrachtet, fällt es schwer zu glauben, daß die modernen Staaten zu einem anderen Zweck verfaßt wurden, als die glaubensmäßigen Gemeinsamkeiten ihrer jeweiligen Gesellschaften aufzulösen, siehe die Jesuiten, siehe die Offenbarung.

Nun denn, aber kommen wir zur eigentlichen Angelegenheit zurück. Was wäre mithin ein Pflichtenstaat?

Einer, in welchem die staatlichen Pflichten, ebenso wie das Recht, im Einklang mit dem Empfinden seiner Gesellschaft expliziert und verbindlich wären. Sie festlegen können aber nur von dieser Gesellschaft Betraute, und zwar im Austausch in ernsthaftem Bemühen. Damit bilden diese aber eine Kirche, zwangsläufig eine.

Ein Staat ohne Staatskirche kann also kein Pflichtenstaat sein, sie ist seine kanonische charakteristische Institution.

Ein Ausweg aus dieser Notwendigkeit ist einzig dadurch gegeben, Rechte und Pflichten für alle Zeiten festzuschreiben, denn dann sind nur noch Richter der Schrift zu bestimmen, und das kann kommunal unabhängig erfolgen.

Doch zurück zur dynamischen Situation. Die Kirche bestimmte die Pflichten und das Volk selbst seine Rechte, gerne auch vermittels Parteien, denn zu diesem Zweck haben sie ihre Funktion. Bleibt aber noch ihre Vermählung mit einander, und diese kann meines Erachtens nur vom Volk in direkter Abstimmung in jedem strittigen Fall erfolgen.

Das politische System eines Pflichtenstaates ist also ausgesprochen aufwendig, und so leicht könnte sich heute kaum ein Staat seinen Mantel umhängen. Andererseits wäre ein so verfaßter Staat den übrigen Staaten gesellschaftlich weit überlegen.

Labels: , , , ,

11. Oktober 2013

Der Wahnsinn

Sie fletschen die Zähne und wollen nichts hören,
ach, würden sie Vater und Mutter ehren!
Doch machte das Opa und Oma froh?
Denn Vater und Mutter, die waren schon so.

Labels: , ,

Machttransformation und -regeneration

Es gibt drei verschiedene Formen von Macht, materielle Macht oder Reichtum, soziale Macht oder Angeschlossenheit und geistige Macht oder Abgeklärtheit.

Schon bei Tieren ist es so, daß es zu Machttransformationen kommt. Ein Tier, welches über materielle Macht verfügt, verwendet diese darauf, sich fortzupflanzen. In seinen Nachkommen ist seine materielle Macht zersplittert, indes besteht aufgrund ihrer Verwandtschaft mit einander unter ihnen eine instinktive Nähe, welche ihre soziale Macht als Rudel erhöht, bis schließlich ihre Bereitschaft, den Stärksten unter sich anzuerkennen, die materielle Macht wiederherstellt.

Freilich tut sie dies nur dann, wenn sich das Rudel erfolgreich gegen andere Rudel durchsetzt, was natürlich Kampf bedeutet. Schafft es das Rudel nicht, diesen Kampf zu gewinnen, und auch kein anderes, sondern bildet sich ein Machtgleichgewicht heraus, so geht die soziale Macht nicht wieder in materielle Macht über, sondern zerfällt ebenfalls, was für Tiere das Ende der Rudel- oder Herdenbildung bedeutet.

Mag sein, daß dies den Bären einst widerfahren ist, sie sind ja entfernte Verwandte der Wölfe.

Beim Menschen kommt nun noch die geistige Macht hinzu, welche gerade aus der Zersplitterung von materieller und sozialer Macht geboren wird, da der Mensch so lange von ihr nichts wissen will, wie er noch über materielle oder soziale Macht verfügt. Verfügt er aber über diese nicht mehr, so macht er von seiner geistigen Freiheit Gebrauch und besinnt sich. Besinnt er sich aber, so findet er seinen Glauben, und indem sich viele besinnen, finden sie ihre glaubensmäßige Verbundenheit, welche ihnen alsdann soziale Macht in Form ihres gegenseitigen Vertrauens auf einander gibt.

Dieses Vertrauen allerdings bleibt nicht stabil, sondern es führt im Zuge der Konzentration des Kapitals zu seiner Verwandlung in materielle Macht. Diese wiederum schafft es dann beim Menschen, wie beim Bären, nicht, sich durch die erfolgreiche Verdrängung aller Feinde durch den eigenen Nachwuchs zu regenerieren, sondern zersplittert zunächst in soziale und anschließend in geistige Macht, womit sich der Kreis schließt.

Labels: , , , ,

8. Oktober 2013

Das ewige Gerede

Hesse führte es mir leider wieder vor Augen, das ewige Gerede. Dieses Aneinanderreihen von Beobachtungen, gebündelt nicht vom eigenen Empfinden, sondern von den zeitlos gültigen Urteilen des Volkes. Ich verzichte auf ein spontanes Beispiel, will mir die Laune nicht gänzlich verderben. Es ist ja auch nicht nötig, andere geben mir Stoff genug.

Hesse also zuletzt, indem er Josef Knecht verwundert nicht bedenken läßt, daß er als Magister keinen Lehrer mehr hat und in Ermangelung der Krücke des hierarchischen Aufstiegs die Linearität des Erkenntnisgewinns in Frage stellend seine Abwendung von Kastalien mit Phrasen schmückt, deren Kern recht eigentlich ist, daß es doch schön sei, wenn man etwas täte.

Gewiß, es geht uns um Transzendenz, und für die der Achtung Verhafteten im speziellen um schicksalshafte Verknüpfungen. Und wenn sich Kastalien außerhalb des Schicksals gegründet wissen will, so muß es damit einen achtungsverhafteten Menschen frustrieren.

Das ist banal, nicht tief. Das ewige Gerede hilft genau das zu kaschieren, darum gefällt's mir nicht. Bleiben wir noch kurz bei dem Beispiel, denn es ist interessant, Hesse hat's nur unbearbeitet gelassen.

Angenommen, den Kastaliern ginge es nicht um Achtung, sondern um Sorge, was hieße das für ihren Orden?

Nun, ich hab's zuletzt bereits gesagt, es hieße, daß es die Aufgabe des Ordens wäre, sich den in der menschlichen Existenz zeigenden Widersprüchen zu stellen, sie auszuhalten, bis sich Wege aus ihnen auftäten.

Hat Hesse gar keinen Begriff von.

Doch genug von ihm. Das ewige Gerede ist mächtig. In ihm wirkt die Tendenz, in der Welt genau das zu erkennen, was man von vornherein in ihr erwartete.

Vielleicht die Stelle etwas selbstkritisch zu werden. Hege ich seit jeher eine bestimmte Erwartung an die Welt? Heute sieht's wohl so aus, aber man kann's nicht redlich sagen. Meine Grundeinstellung, an welcher sich auch allem Anschein zum Trotz nichts geändert hat, ist, daß ich schlicht zu wenig wisse, daß die Existenz grenzenlos und unbekannt ist. Nun, darin steckt eine Hoffnung, aber die Erwartung verbietet sich.

Und ich bin auch überrascht von meinem Leben und werde ständig wieder von ihm überrascht. Meine Träume kommen aus mir, mein Leben nicht.

Und doch, es gibt bei all dem einen Punkt im eigenen Bewußtsein, der sich auf die Schenkel schlägt. Eine Stimme, die sagt: Na, aber irgendetwas wird immer sein. Glaub' mir, ich bin schon alles gewesen.

Das wäre mein ewiges Gerede. Meine Tendenz... in der Form aber impotent. Das Mögliche muß zuerst gemocht werden, um sich zu bewähren. Mir ist reden also wesentlich, um das Geliebte zu erfassen, weil ich die Hoffnung habe, daß sich die Gründe, welcher seiner Existenz entgegenstehen, auflösen werden, auf welchem Wege auch immer. So ist die Sorge.

Soll aber der, wem das Reden unwesentlich ist, darum dem ewigen Gerede überlassen sein?

Darin liegt Tragik. Ewige Wiederholung. Verzicht auf's Gebet.

Ja, seltsam, nicht? Gerade dadurch, daß man das nächste Ziel immer wieder von neuem ins Auge faßt, wird die Ewigkeit erträglich. Wohl auch für die anderen, nur daß sie kurzsichtiger sind.

Johannes war groß. Wie groß! Was muß ein Mensch erlebt haben, um so weit zu sehen?

Gut, mag es also Eigennutz der Weitsichtigen sein, daß sie die Kurzsichtigen nicht dem ewigen Gerede überlassen, damit sie selbst die Ewigkeit ertragen können, wen kümmert das?

Denn dieses ewige Gerede... nehmen wir nur mal AIDS als Beispiel. Ein Virus, aus einer Rinderkrankheit gezüchtet, den Homosexuellen und Schwarzen im Zuge der Impfung gespritzt? Gottes Strafe für die Primitiven, welche die demographischen Verhältnisse zu Recht rückt? Eine Erfindung der Homolobby, um mehr Geld für die Behandlung all ihrer verschiedenen Krankheiten zu bekommen, welche opportun unter dem Begriff der Immunschwäche zusammengefaßt wurden?

Man wird sich nicht einigen, denn überall stützt sich die Meinung auf letzte Möglichkeiten, an welche sie im Gegensatz zu den anderen glaubt, ja, die anderen Meinungen neigen stark dazu, gerade diese Möglichkeiten gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen.

Ewiges Gerede letztlich auch das, nur konkretisiert, eingekleidet in seine gerade aktuelle Bestätigung.

Aber die Menschen nicht dem ewigen Gerede zu überlassen, heißt nicht, es aus der Welt zu schaffen, sondern lediglich, ihnen Themen vorzusetzen, auf welche sie alleine nicht verfielen.

Sind nicht unwichtig solche Themen, daß die meisten kurzsichtig sind, hat dabei auch seine gute Seite, denn eine Idee gewinnt nichts durch die Zahl ihrer Anhänger in der Diskussion, wenigstens da nicht!, und also hat jeder Weitsichtige nicht nur die Pflicht, sondern auch die Möglichkeit seinen Beitrag zu leisten.

Labels: , , , , , ,

7. Oktober 2013

Erwachen

Ich tippe vielleicht vorweg Hesses Stufengedicht ab.

Transzendiere! Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewöhnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neue Räume jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Ich habe so das unbestimmte Gefühl, daß es Mondlichtbilder sind, welche den Menschen diese Dinge eingeben. Hesse evoziert ständig die laue, leicht frische, teilbewölkte Nacht, etwa Kärntens.

Nun, aber Vollmond ist nicht Vollmond. Zur Verdeutlichung.

Uschi Obermaiers Vollmond.
Mein Vollmond hier.

Zu was leitet der Vollmond die Menschen nahe Malibu? Mir will er friedlich scheinen, ein Zaubernetz auswerfend, zu Feiern bei Wein und Gesang einladen. Im Gegensatz dazu jetzt der Vollmond hier, wie er bald wieder zu sehen sein wird, für die längste Zeit des Tages - nun ja, soll man es Nacht nennen? - was hat er zu sagen?

Er scheint mir der heimliche Herr der Welt zu sein, welcher die Welt im rechten Lichte zeigt, den Schnee blau glitzern läßt, dem Objektiven den subjektiven Bezug verleiht. Die Welt ist Zauber und er der Zaubermeister.

Man könnte auch sagen, bei Malibu kündet der Mond von seinem Reich, hier aber ist sein Reich.

Hach, was wird uns noch zu Teil? Das ist einfach nicht die Mentalität des Nordens. In ihr gibt es letzte Gründe. Die Kälte thront über der Welt, die Wärme führt ihr Spiele auf.

Nein, Hesses Stufen sind primär Einbildungen, wahres Erwachen ist stets Erweiterung des eigenen Erlebens, nicht Ersetzung, und neu binden tut es uns nur in dem bescheidenen Umfang, in welchem das erweiterte Verständnis Verhaltensweisen neu bewertet. Sehr wenig geschieht da im Laufe der Jahrzehnte, wenn drei Fragen im Laufe eines Lebens eine neue Antwort finden, ist es schon viel.

Sechs Dinge habe ich in meinem Leben gelobt. Von zweien wurde ich frei. Wenn ich auch noch vom dritten Gelübde, dem zweiten, frei werde, ist es mehr, als ich es je zu hoffen wagte.

Wie schwer es uns doch zu glauben fällt,
daß ein See auf uns zusammen wartet
und er derselbe ist,
welchen wir uns im Geheimen ausmalen.

Wir verstehen nicht,
daß wir ihn nicht beherrschen,
sondern er sich uns nur soweit in die Hand gibt,
wie es ihm gefällt.

Labels: , , , ,

4. Oktober 2013

Möglichkeiten persönlicher und faszinativer Kunst

Kunst besteht dort, wo Rezeption zu einem transparenteren Ort geleitet, das heißt zu einem Ort, welcher nicht alltägliche Einsichtnahmen erlaubt.

Diese Einsichtnahmen nun eröffnen entweder den Blick auf eine Person, ihr Wesen und ihre Lebensumstände, das Schicksal, welches beide verknüpft, oder sie bilden ein Faszinosum, auch Genre genannt.

Die klassische Musik ist kein Genre, sondern persönliche Kunst, faszinative Kunst entsteht für den Markt, für anonyme Kunden, deren Faszination der Künstler einzig kennt und bedient. Persönliche Kunst hingegen hat ein genau bekanntes Objekt, dessen Wesen sie möglichst wirksam einfängt. Dabei ist dieses Objekt nicht notwendigerweise ihr Auftraggeber. Freilich, bei der ältesten Hofmusik war es so, und der Künstler verherrlichte den König direkt. Später allerdings gefiel es dem Adel zusehends, seine eigene Menschenkenntnis und -zuwendung dadurch unter Beweis zu stellen, zeitlose Schicksale und dann auch zeitgenössische Schicksale seiner ihm Anvertrauten von Künstlern darstellen zu lassen.

So also stieg der Barock über Gluck zu Mozart hinab.

Der Nationalismus war die letzte Knospe dieses Zweigs, doch da brach er ab, seitdem ist persönliche Kunst die Ausnahme.

Woran liegt das? Ich, mit meinen bescheidenen Mitteln, widme mich den Menschen, welche mir am Herzen liegen. Ich würde es nicht tun, wenn ich nicht das Gefühl hätte, daß ich auf diese Weise Dinge ausdrücken kann, welche sonst unvermittelt blieben, Dinge, welche mir wichtig sind, weil sie für mich mustergültige Konstellationen beschreiben, Dinge, welche immer wieder erlebt werden und der Einordnung und Anknüpfung bedürfen, wie es alle wichtigen Stationen im Leben tun. Aber damit Kunst im Sinne der einleitenden Definition bestünde, wäre es nötig, daß das so Erfaßte an Menschen geriete, welche ihr Leben gerade entlang dieser Stationen lebten, denn andernfalls brächte sie ihnen kaum Gewinn.

Persönliche Kunst lebt also von einem Gestell, welches ihr ihr Publikum zuführt, sei es Hofzeremoniell, klassische Bildung oder Ständeordnung, es muß eine Gemeinsamkeit im Leben der Betroffenen geben.

Es ist also einigermaßen einleuchtend, daß mit der zunehmenden Freiheit des Volkes, die Relevanz persönlicher Kunst quantitativ abnimmt, sie immer nur einer kleinen Gruppe etwas bedeutet und diese auch nur schwer erreicht.

Dieses Kulturgut ist also verloren, wenn nicht Koerzion oder verbesserte Organisation Gleichgesinnter es zurückbrächten, wobei es selbst natürlich umgekehrt auch der Organisation und Einheit der Lebensform dient.

Ein Genre hingegen zieht eben als Faszinosum die Menschen zu sich, zum Beispiel in die Jazzbar. Dies aber geschieht immer dadurch, daß es ein Lebensgefühl vermittelt, welches fertig angenommen werden kann. Da also, wo persönliche Kunst den Zuhörer für Figuren im Lebensspiel gewinnen will, welche er in Eigenregie auf seine persönliche Lage übertragen muß, führt die faszinative Kunst ihn in eine Unterwelt mit ihren eigenen Regeln ein. Die persönliche Kunst zielt auf die Bewährung des Einzelnen im Allgemeinen, die faszinative Kunst auf die Einbindung ins Milieu.

Ich  jedemfalls habe kein Interesse daran, ein Milieu zu erschaffen, mir geht es um eine neue Allgemeinheit und die Bewährung in ihr.

Labels: , , , ,

3. Oktober 2013

Kastalien

Komm! Ich zeig dir den Glanz!
Spürst du ihn schon, siehst du ihn ganz?
Wie, du willst dein Elend tragen?
Seinem Lichte hier und jetzt entsagen?
Hinfort mit dir, du dummer Tor!
Hier ist der Glanz, ich steh' davor!

Labels: , , ,

Josefs Seelenpflege

Fürwahr, heiter ist der sich wohl haltende Mann!
Doch beißt sich die Schlange nicht in den Schwanz,
wenn Haltung Heiterkeit sich einverleibt,
statt sie als Urteil zu empfangen?

Labels: , , ,

Plinios Leid

Ach, wie sieht sich der enttäuscht,
wer sich einer Auslese stellte,
weil sie ihm gut und notwendig erschien,
und dann sein Glück anderweitig sucht.

Labels: , , ,

1. Oktober 2013

Das Glück zu haben und das Glück zu sein

Wo sollte sich der Wille deutlicher zeigen als im gesuchten und erfahrenen Glück?

Was wir suchen, haben wollen, ist uns vertrauter als das, was wir seiend erfahren, und dem ganz gemäß habe ich bisher auch nur dieses Gesuchte beschrieben: Die Lust will den Genuß, die Achtung die Anerkennung und die Sorge den Frieden.

Aber was ist ihr wahres Glück, ihr gelebter Triumph? Was erfüllt sie, wann sprächen wir davon, daß ihr Leben gelungen sei?

Und dies hängt nun mit den transzendenten Akten zusammen, in ihnen konkretisiert sich erfahrenes Glück. Der Triumph der Pflanze ist die Umwandlung der Elemente der Luft und des Bodens in ihre Gestalt, diese Potentierung des Wunders des glücklichen Zusammenkommens chemischer Prozesse, passendes Sinnbild des Glücks der Lust gegen alle Widerstände in der geliebten Form zu existieren, sie zu erreichen und zu erhalten, sich in ihr durchzusetzen, gerade dann, wenn es unglaublich scheint, wenn es unerklärbar bleibt.

Der transzendente Akt ereignet sich als unbedingte Bejahung eines Willens, das Gesuchte wird zum einzig bestimmenden, und was die Lust in der gegenständlichen Verkörperung findet, das findet die Achtung in der Synchronisation, wo alles auf magische Weise zusammenfindet, um als Teile eines unsichtbaren Körpers zusammenzuspielen, versinnbildlicht etwa im Vogelschwarm.

Das ist denn auch das Glück der entsprechend bestimmten Menschen, ihr Körper, ihre Kraft, ihre Fähigkeiten oder ihre Stellung, ihre Bekanntschaften, ihre Vermittlung.

Was aber ist das erlebte Glück der Sorge?

Ständig schlägt sie Haltungen vor, erwägt sie, verwirft die schlechten und schlägt auf der Grundlage der übrig gebliebenen neue vor. Aber wann kommt sie dabei ans Ziel, wann erfüllt sich ihre Natur?

Es ist der Moment, in welchem man erkennt, daß die Gesetzmäßigkeiten des Lebens nicht so sind, wie gedacht, daß es da einen Raum gibt, in welchem man, indem man eine neue Haltung annimmt, etwas erst noch zu Studierendes erzeugt. Und dabei wiegt der Einwand, daß dieses möglicherweise Wunschdenken sei, überhaupt nichts, denn nur darin ist Erfüllung und Glück der Sorge möglich.

Das wahrhaft Seiende ist eine Harmonie, oder auch eine Disharmonie, wertend ist der Ausdruck hier nicht gemeint, und es liegt im Bereich der Möglichkeit unserer Sorge unsere Haltung schließlich auch bezüglich der in uns klingenden Saiten festzulegen, also etwa den Grad unserer Sensibilität, wie ich es im Beitrag Ekstasen beschrieben habe.

Heilung und Verfluchung bedeuteten dabei die Behebung von Disharmonie, nur auf unterschiedliche Weisen, bei der Heilung wird ein Splitter gezogen und bei der Verfluchung der betreffende Körperteil amputiert. Beides ist übrigens ein Zurücksetzen, wobei im Rahmen der hiesigen Betrachtung der Unterschied zwischen Fortschritt und Zurücksetzung nicht augenfällig wird, denn subjektiv, in Bezug auf das empfundene Glück, macht es keinen Unterschied, ob man gelungen zurücksetzt, also heilt, oder gelungen fortschreitet. Flüche, freilich, sind keine Glücksmomente, sondern ähneln in etwa dem Gefühl, das man hat, wenn man viel Blut verloren hat, ein erschütternder, verunsichernder Ernst. Soweit es unsere Sorge betrifft, sind wir also wirklich erschaffen, um zu lieben.

Im Gegensatz zum mathematischen Denken, welches aus Voraussetzungen Folgerungen ableitet, geht das Studium der Welt stets den umgekehrten Weg, nicht nur in der Physik, also dem Studium ihrer vorgefundenen Phänomene, sondern auch bei der Neustimmung der Welt durch die probehafte Annahme einer entsprechenden Haltung, das heißt, die Neustimmung ist keine blinde Änderung der Weltformel mit unübersehbaren Folgen, sondern stets eine Verlagerung des eigenen Willens in eine durch ihr Verhalten zur Welt beschriebene Seinsform. Wir erklären uns bereit, etwas zu sein. Und dann obliegt es sozusagen der göttlichen Intelligenz sich darüber Gedanken zu machen, welcher Weltmechanismus eine solche Existenz inmitten aller übrigen Existenzen erlaubt, was natürlich auch bedeuten kann, daß Gott sie nicht erlaubt.

Jetzt muß ich allerdings zugeben, daß dieses Bild doch sehr dem Bild des Magisters Ludi, welcher darüber entscheidet, welche neuen Figuren in das Glasperlenspiel aufgenommen werden, und welche nicht, entspricht, und ich vielleicht vor dessen Hintergrund auf es gestoßen wurde. Hätte Hesse es mit ihm gemeint, hätte er es jedenfalls gut versteckt.

Labels: , , , ,

Folgende Beiträge Zur Front Vorherige Beiträge