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„Daß du nicht weißt, was dir frommt, des faß ich jetzt deines als Pfand!“
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23. Januar 2022

Die sozialen Ausformungen des Glaubens

Mal von Ingrid Bergman abgesehen, und sie war ja auch nur Halbdeutsche, ist diese Darbietung der gerade einmal 21 jährigen Meret Becker die größte Leistung einer deutschen Schauspielerin aller Zeiten: Heute back' ich, morgen brau' ich und übermorgen hol' ich Brösel! Jach! Juchu!


[Grandioser Film, gerade auch die Stellen, welche nicht Zeichentrick sind. Allein schon der Einfall, den Text des Hochzeitsmarsches mitzusingen, wiewohl für Streiter der Tugend, schreite voran! Zierde der Jugend, schreite voran! auch noch Zeit gewesen wäre.]

Nun, und dann wieder das Übliche, allzu Übliche. Was wahrscheinlich nicht allzu viele Menschen verstehen ist, daß ein richtiges Urteil über einen Gegenstand nicht zwangsläufig ein verständiges Urteil über ihn ist. Allzu oft beurteilen wir etwas, versichern uns, daß unser Urteil stimmt, und gehen dann um kein Stück klüger weiter.

Also, Meret Becker und allen jungen, aufgeweckten Menschen gewidmet, eine vollständige platonische Dialektik der sozialen Ausformungen des Glaubens, welche ihnen dabei helfen möge, sich in Glaubensfragen in unserer Gesellschaft zurechtzufinden.

Zunächst einmal unterscheiden wir die sozialen Ausformungen des Glaubens danach, ob der Glaube etwas persönliches oder etwas gemeinschaftliches betrifft.

Betrifft er etwas persönliches, so fragen wir, ob uns dasjenige, woran wir glauben, innerlich bekannt ist oder nicht. Ist es uns bekannt, so sind wir eigenständig, und bei demjenigen, an was wir glauben, handelt es sich um die von mir betrachteten Lebensziele.

Sind wir hingegen von dem, woran wir konkret glauben, einstweilen geschieden, so fragen wir weiter, ob wir uns in unserer Ausgeschlossenheit blind dem Lauf der Welt überlassen oder blind dem Urteil anderer vertrauen. Überlassen wir uns blind dem Lauf der Welt, so sind wir passiv und nehmen einstweilen mit dem abstrakten Glauben an unsere Versetzung durch äußere Anstöße vorlieb. Und wenn wir blind dem Urteil anderer vertrauen, so sind wir Darsteller, welche einstweilen mit dem abstrakten Glauben an die Bestätigung durch ihr Publikum vorliebnehmen, wobei es dazu kommen kann, daß Darsteller und passives Publikum sich gegenseitig in gemeinsamer Blindheit den Weg zu demjenigen, woran sie jeweils konkret glauben, weisen, wiewohl naturgemäß nicht ohne zu stolpern.

Betrifft der Glaube etwas gemeinschaftliches, so fragen wir, ob es etwas gleichbleibendes oder etwas zeitgemäßes ist. Offensichtlich kann etwas Gleichbleibendes nicht von etwas Zeitgemäßem abhängen und gleichzeitig gleich bleiben, und also bildet das Gleichbleibende die Grundlage, auf welcher das Zeitgemäße aufbaut. Wenn also einer an etwas gleichbleibendes gemeinschaftliches glaubt, so glaubt er an eine Institution und ist ihr Diener. Und wenn er an etwas zeitgemäßes gemeinschaftliches glaubt, so glaubt er an eine Handlungsstrategie und macht bei ihr mit.

Betrachten wir als Anwendung dieses Verständnisses nun Politik und Religion.

Eigenständigkeit hat in der Politik nichts zu suchen, Passivität auch nicht. Bleiben Darsteller, Diener und Mitmachende. Woran können wir sie erkennen? Nun, an der Beständigkeit dessen, was sie sagen. Wenn jemand über Jahrzehnte dasselbe predigt, so sucht er Diener für eine Institution, in unserer Zeit vornehmlich seine eigene Partei, zu gewinnen. Wenn er hingegen von Dingen redet, welche in absehbarer Zeit erledigt werden müssen, so sucht er Mitmachende. Und wenn er stets das sagt, was ihm den größten Zuspruch verspricht, so sucht er sich als Darsteller auf sein Publikum einzustellen.

Es geht schon in Ordnung, Meret, vor einer Verbindung von Darstellern mit einem überwiegend passiven Publikum auf der Hut zu sein. Das Urteil stimmt. Aber daneben sollte man besser auch sehen, daß so mancher vorgibt, es ginge ihm um eine Handlungsstrategie, wenn alles darauf hindeutet, daß es ihm nur um die Stärkung bestimmter Institutionen geht.

Die Religion ist etwas inklusiver als die Politik: Darstellern gibt sie die Möglichkeit, sich in gepriesener Funktion hervorzutun, Mitmachenden ihren Zuspruch bei anstehenden Projekten, ihren Dienern verspricht sie das ewige Leben und Passiven Inspiration durch Gesang und Predigt. Nur mit denjenigen, welche konkret an etwas glauben, kann sie, wenigstens heutzutage, nichts anfangen - mit Ausnahme Philadelphias, also derjenigen, welche die Barmherzigkeit antreibt, was angesichts dessen, daß sich sogar die Schüler der Synagoge Satans vor ihnen verneigen, allerdings nicht weiter bemerkenswert ist.

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21. September 2022

Materialismus und Kristallisation der Macht

Der Mensch operiert auf der materiellen, der sozialen (sonst funktionalen) und der ideellen Ebene, und auf jeder Ebene gibt es zum einen eine Operationsweise und zum anderen ein Operationsumfeld, in welchem erstere operiert, nämlich
  • auf der materiellen die Lebensart, inmitten welcher die Lebensweise operiert,
  • auf der sozialen das Gesellschaftsklima, in welchem die Sitte operiert, und
  • auf der ideellen den Geist, inmitten welchem die Vervollkommnung operiert.
Die Macht liegt naturgemäß auf der materiellen Ebene und besitzt natürlicherweise nur eine materielle (eher fluide) Struktur. Von der Kristallisation der Macht sei dann die Rede, wenn sich die materielle Macht die soziale und ideelle Operation einverleibt und sich deren (eher rigide) Strukturen aneignet, konkret indem
  • die Lebensweise zur Angliederung verkommt und aus Autarken Satelliten werden und
  • die Sitte aus der Konzilianz zum Anschluß und aus Richtern Vertreter.
Wenn die Macht kristallisiert, wird ihr das Wesentliche und das Schöne geopfert, das Wesentliche durch die Angliederung und das Schöne durch den Anschluß, und es ist dieses Opfer, welches es der Macht erlaubt, sich die soziale, beziehungsweise ideelle Operation einzuverleiben. Mit anderen Worten führt also Materialismus, die Bevorzugung des Materiellen, zur Kristallisation der Macht, ein Prozeß, welcher nicht von den Mächtigen angestoßen wird, sondern von den Ohnmächtigen, welche recht eigentlich ihre Seele verkaufen.

Die Franchisenahme beruht darauf, Lebensart (Speisen, Kleider, Unterhaltung) durch Angliederung an das Franchise zu kommerzialisieren, und stellt in ihrer Abhängigmachung des Kunden ein zentrales Handelsinteresse dar, wovon ich auch schon schrieb.

Und bei dem Anschluß geht es darum, sich durch den Anschluß an einen Beschluß materielle Vorteile zu versprechen, zumeist vermittelt durch die eigene Abhängigkeit in angegliederter Position, wobei es letztlich keine Rolle spielt, ob diese durch Franchises entstanden ist oder durch Aufhebung des Privateigentums in einem sozialistischen Staat, welcher seinerseits, wenn man so will, als ein das ganze Leben umfassendes, wenn auch nicht kommerzielles, Franchise angesehen werden kann.

Wie auch immer, ist die eigene Abhängigkeit erst einmal gegeben, so bedarf es nur jemandes, welcher ihr ideologische Vorgaben aufbürdet, Beschlüsse, welchen man sich anschließen muß, um sich der Beziehungen, von welchen man abhängig ist, weiter erfreuen zu dürfen. Und so kommt es halt zum rituellen Anschluß, selbst an Beschlüsse, welche einen zum Tode verurteilen, wie bei Genrich Jagoda. Darum geht es bei der attack therapy, wie Philip K. Dick sie nannte, oder bei den Kampf- und Kritiksitzungen, wie Mao Zedong sie nannte, und wie sie Billy Wilder zu Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini Horst Buchholz in Eins, Zwei, Drei widerfahren ließ, wie sie heute noch an manchem Landesinstitut für Schule stattfinden und gegenwärtig in Schauprozessen an Alex Jones vorexerziert werden, wie sie also überall auftreten, wo sich Menschen zum Sozialismus bekennen oder seinen Anschein erwecken wollen.

Freilich, am stärksten sind diesem Treiben gegenwärtig Journalisten auf Twitter ausgesetzt, und von dieser Berufsgruppe aus legen sich konzentrische Kreise des Anschlusses über die Gesellschaft. Folgendes möchte ich dazu bemerken: Im Gegensatz zur Angliederung kann hier nicht von einem klar erkennbaren Interesse an dieser Entwicklung die Rede sein, denn letztlich erweist sich der erzwungene Anschluß als gesellschaftszersetzend, wie es an der Paranoia osteuropäischer Gesellschaften leicht zu beobachten ist. Doch wenn der Anschluß erst einmal gesellschaftlich etabliert ist, stellt er eine Art Knochen dar, welcher einen leicht am Gaumen verletzt, wenn er quer steht, soll heißen, daß die politische Führung, welche die Beschlüsse vorgibt, sie gezwungenermaßen, also um den eigenen Menschenpark nicht unnötig zu verwüsten, der Mehrheitsmeinung anpaßt.

Allerdings gibt es, wenn auch kein tatsächliches, so doch vielleicht ein scheinbares Interesse in den Augen jener an dieser Entwicklung, welche die Menschen nach ihrem Lebenswandel kategorisieren und meinen, sie, wenn sie sich nur geeignet anschlössen, wie Figuren auf dem Schachfeld zu beliebigen Zwecken lenken zu können. Die heutige Datenverarbeitung legt dieses Vorgehen nahe, und gegenüber dem Staatssozialismus scheint es jedenfalls flexibler. Auch würde es fließend in eine künstlich intelligente Administration übergehen, und das wäre ja auch der gänzlich zu erwartende Endpunkt davon, seine Seele zu verkaufen.

Gegenwärtig ist aber das andere wichtiger, nämlich der querstehende Knochen. Können wir behaupten, uns die Konzilianz derer bewahrt zu haben, welche ihr gegenseitiges Urteil schätzen? Oder haben uns die Ereignisse der letzten Jahre davon überzeugt, daß es Kräfte gibt, welche den Anschluß gesellschaftlich etablieren wollen, welchen also nichts am persönlichen Urteil liegt, und an deren Urteil wir also auch kein Interesse besitzen? Denn wenn es auch nur das letztere wäre, und wir ansonsten weiterhin das Urteil unserer Mitmenschen schätzten, könnten wir doch angesichts der Verwurzelung der auf den Anschluß hinarbeitenden Kräfte in unserem politischen System es nicht in seiner gegenwärtigen konzilianten Form belassen, sondern müßten es, zumindest in Fragen seiner Reform, durch ein auf Anschluß basierendes System ersetzen, in welchem das Reformprogramm nicht diskutiert, sondern verrteten wird, und da fragt sich dann halt nur noch: Welches Reformprogramm bringt weniger Menschen gegen sich auf? Hätten wir Zeit, so könnten wir uns das natürlich alles in Ruhe überlegen und einen ausgereiften Entwurf vorlegen, aber wie es steht, scheint die Wahl zwischen blauen Söldnern und roten Milizen zu bestehen.

Wir sollten uns nicht ständig zwingen, Kröten zu schlucken, aber einstweilen werden wir's. Es mag aber auch sein, daß nicht unsere Disziplin entscheidet, sondern unsere Übelkeit - letztlich rächt sich beides am Richtigen.

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17. Juli 2012

Objektivismus

Ich schätze Alexander Benesch durchaus zu einem gewissen Grad und deshalb werde ich nun doch das tun, was nicht zu tun, ich mir eigentlich vorgenommen hatte, nämlich den aus meiner Sicht objektivistischen Unsinn Ayn Rand's als solchen bloßzustellen.

Beginnen wir zu diesem Zweck mit einigen einfachen Bemerkungen.
  1. Zustimmung ist entweder freiwillig oder erzwungen.
  2. Freiwillige Zustimmung ist entweder unmittelbar eigennützig oder mittelbar.
  3. Mittelbar eigennützige Zustimmung besteht stets darin, eine gesellschaftliche Umgangsweise zu verankern.
Ad 3. Nun, wenn wir das Leben als Spiel betrachten, so gibt es offenbar nur die beiden Möglichkeiten, daß ein Spielzug für uns vorteilhaft ist oder eine Regeländerung aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen von uns so eingeschätzt wird.

Es gibt also drei Arten von Zustimmungen, die erzwungenen, die erkauften und die zuversichtlichen.

Ein Objektivismus, welcher seinem Namen alle Ehre machte, würde die dritte Sorte nicht zu unterdrücken suchen, sondern schlichtweg ignorieren.

Er  würde die Politik als das Problem ansehen, erzwungene Zustimmungen überall durch erkaufte Zustimmungen zu ersetzen, davon ausgehend, daß er sich um die zuversichtlichen Zustimmungen keine Sorgen zu machen braucht.

So verhält es sich nun aber nicht. Die Grundformel ist einfach genug.

Du kannst alles tun, so lange es keinem anderen schadet.

Aber so einfach und klar das klingt, in der Realität kommt es schon sehr bald zu Fragen, wo es nicht offensichtlich ist, ob eine bestimmte Tat einem anderen schadet oder nicht.

Beispielsweise, wenn ich bei der örtlichen Bürgerwehr nicht mitmache, schade ich da anderen oder tue ich es nicht?

Das wird man so allgemein nicht beantworten können, es hängt nämlich sehr von den Umständen ab. Die Art von Problemen, welche hier auftritt, ist das kostenlose Trittbrettfahren. Ich profitiere unter Umständen von der Bürgerwehr, aber ich beteilige mich nicht an ihren Kosten.

Eine andere Art von Problemen ist die Sabotage von Projekten, welche allen viel brächten. Ist es noch zulässig, auf ein Recht zu pochen, wenn dessen Bruch einem selbst keinen meßbaren Schaden zufügt, aber der gesamten Gemeinschaft große Erleichterungen brächte?

Nehmen wir an, wir lebten in einem Tal und jemandem gehörte ein längliches Grundstück, welches den Rest des Tales von der Außenwelt abschnitte. Schadet der keinem anderen, wenn er die anderen Bewohner des Tals sein Grundstück nicht betreten läßt?

Nun, es tut hier nichts zur Sache, sämtliche Streitigkeiten aufzuzählen, welche (auch) unter Libertären diskutiert werden und zu welchen unterschiedliche Auffassungen bestehen, wobei Rothbard wohl den extremsten Standpunkt einnimmt.

Wichtig ist mir hier nur, daß der Anspruch des Objektivismusses, sich eindeutig aus der Vernunft abzuleiten, unhaltbar ist.

Und damit fangen die Probleme an, denn es gibt im Objektivismus kein Verfahren, um zu politischen Übereinkünften zu kommen. Der Objektivismus unternimmt die Abschaffung der Politik. Er unternimmt die Verewigung der Gesetze. Und wenn niemand mehr an einem alten Gesetz festhalten wollte, es wäre unverrückbar, da unverfälscht aus reiner Vernunft abgeleitet.

Also ist es in der Praxis auch so, daß jede libertäre Fraktion ihren Guru hat, dessen Urteil für alle Anhänger verbindlich ist. Ayn Rand beispielsweise hat ihren Anhängern vorsorglich verboten, Beethoven und Mozart zu hören, weil sie das zu einem falschen Politikverständnis verleiten würde, auch untersagte sie es ihrer so genannten Gemeinschaft der Vernünftigen, nicht zu rauchen, da aristokratisch seinen Mitmenschen den Rauch ins Gesicht zu blasen ihrer Meinung nach wohl ganz wesentlich für die Verbreitung der objektivistischen Weltsicht ist.

Dieses ist aber nur konsequent, es ist keine Marotte von Ayn Rand gewesen, sondern ergibt sich zwangsläufig daraus zu behaupten, daß das Recht etwas objektives ist.

Was heißt es, daß 1+1=2 objektiv richtig ist?

Nun, es heißt, daß es genügt, wenn ein Mensch das überprüft. Sein Urteil ist objektiv, das heißt, jeder andere Mensch käme zu dem selben Urteil und deshalb ist es ganz überflüssig, daß es noch ein zweiter Mensch überprüft.

Wenn Recht objektiv wäre, so wäre es in der Tat die Aufgabe eines Genius' es einmal bis in seine letzten Winkel zu verfolgen und es in Stein zu meißeln.

Ja, das wurde auch schon gemacht, wohl war. Und natürlich ist im Recht vieles objektiv oder doch von der Art, daß subjektive Unterschiede nicht allzu wichtig sind, also beispielsweise, auf welche Weise jemand hinzurichten sei: Steinigung, Guillotine oder elektrischer Stuhl, was soll's letzten Endes.

Doch bleiben auf diese Weise bestimmte Probleme eben bestehen, welche, wenn eine politische Lösung unterbunden wurde, durch Gewalt gelöst werden müssen (Gewalt hier sowohl im Sinne des Zuckerbrots als auch der Peitsche, zwingen und kaufen).

Politische Lösung heißt an dieser Stelle Gesetzgebung, also die zuversichtliche Zustimmung zu erreichen, egal durch wen. Das kann das Volk sein, eine Gruppe von freimaurerisch zusammengeschlossenen Großkapitalisten, ein Rabbiner oder ein Ajatollah.

Allgemein gesprochen entweder jeder, unabhängig von seiner Qualifikation, oder eine Gruppe von Experten einer bestimmten Qualifikation.

Nun sind zwei Gruppen aus unterschiedlichen Gründen zu dieser Aufgabe berufen. Einmal das Volk, weil es die beschlossenen Gesetze auszubaden hat und also Feedback kriegt, und zum anderen die Geistlichkeit, weil sie sich satzungsgemäß mit den Dingen beschäftigt, welche Recht begründen können und sie also die besten Chancen hat, Zuversicht in ein neues Gesetz herzustellen.

Freilich, das ist allgemein gesprochen. Wenn es um die Marktordnung geht, wird man besser Wirtschaftsexperten zu Rate ziehen. Indes ist es nicht per se abwegig, daß die Geistlichkeit ihre eigenen Wirtschaftsexperten hat, wie es ja bei der katholischen Kirche der Fall ist. Aber diesbezüglich möchte ich nicht ins Detail gehen.

Der weiseste Modus des Zusammenspiels von Volk und Geistlichkeit ist meines Erachtens, wie ich ja auch schon zuvor gesagt habe, derjenige, daß das Volk beschließt und die Geistlichkeit lediglich beeinflußt, und gegebenenfalls andere Experten ebenso.

Damit ist nichts über Herrschaftsstrukturen gesagt. All dies hat damit rein gar nichts zu tun. Das hier ist nichts weiter als das kleine Einmaleins der Gesetzgebung.

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10. November 2016

I Ching Report

Ich hatte selbstverständlich das I Ching zur amerikanischen Präsidentschaftswahl befragt, aber die Ergebnisse waren nicht gerade vielsagend, und ich wollte auch nicht in die Wahl eingreifen, angesichts dessen, was die Offenbarung Amerika vorherbestimmt, weshalb ich es vorzog, sie unveröffentlicht zu lassen. Jetzt allerdings möchte ich sie nachreichen.

Clinton.
- -
- -
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-o-
-o-
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The Power of the Great.
Perseverance furthers.
Nine in the second place means:
Perseverance brings good fortune.
Nine in the third place means:
The inferior man works through power. The superior man does not act thus. To continue is dangerous. A goat butts against a hedge and gets its horns entangled.
Das war das erste Urteil, welches ich erhielt, und es sieht natürlich gut für Trump aus, da es bei Hillary Clinton ja keine Frage ist, ob sie ein inferior man oder ein superior man ist. Nur daß das folgende Urteil für Trump auch nicht gerade gut aussieht.

Trump.
-x-
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- -
- -
Enthusiasm.
It furthers one to install helpers and to set armies marching.
Six at the top means:
Deluded enthusiasm. But if after completion one changes, there is no blame.
Im Nachhinein im Hinblick auf Alex Jones' Rolle als installierter Helfer vielleicht doch ganz interessant, aber die letzte Zeile ist natürlich verheerend.

Auch ganz interessant ist der Gegensatz zwischen beiden Hexagrammen. Das obere Trigramm ist beide Male Macht, aber das untere ist bei Clinton Yang und bei Trump Yin, lustigerweise, um das nebenbei zu bemerken, da Yang ja das männliche und Yin das weibliche Prinzip darstellt. Es besagt wohl, daß Trump's Kampagne sich wie ein Schwamm mit den Möglichkeiten, welche Macht verleiht, vollgesogen hat, während Clinton's Kampagne von feststehenden Zielen ausgegangen ist, welche nach dem Erringen der Macht nun endlich umgesetzt hätten werden können - etwas, worauf die amerikanischen Wähler offensichtlich keine übergroße Lust verspürten.

Nun gut, worin auch immer Trump's Wandel bestehen oder bestanden haben mag, wenn er sich denn vollzieht oder vollzogen hat, für das Weitere habe ich folgendes Hexagramm erhalten.

-o-
-o-
- -
- -
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Inner Truth.
Pigs and fishes. Good fortune. It furthers one to cross the great water. Perseverance furthers.
Nine in the fifth place means:
He possesses truth, which links together.
Nine at the top means:
Cockcrow penetrating to heaven. Perseverance brings misfortune.
Hier ist dem Kommentar des I Chings zuzustimmen, dieses Urteil besagt offensichtlich, daß Trump scheitern wird, wenn er es bei Hahnengeschrei beläßt. Er wird handeln müssen, um längerfristig Taten in anderen zu inspirieren.

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9. September 2022

Dostojewskijs Kirche

Nach Dostojewskij besteht die Kirche aus allen Menschen, welche sich als Kinder Gottes betrachten und bemüht sind, Gutes zu tun. Ohne hier Haare spalten zu wollen und wohlwissend, was damit gemeint ist, stimme ich dieser Auffassung zu.

Er sagt dann (in den Brüdern Karamasow), daß die katholische Kirche seit Karl dem Großen sich selbst als Staat auffassen würde, das heißt die Anforderungen an einen Staat als Anforderungen an die Kirche akzeptieren würde, was meines Erachtens aber nicht stimmt, da die katholische Kirche anfänglich den kirchlichen Ansprüchen durch die verschiedenen Königreiche nachkam, nämlich den Adel für das Wohl des Volkes zu interessieren und ihn durch die Stellung der Juden zu kontrollieren.

Indem die Adeligen hingegen zunehmend Einfluß auf die Papstwahl gewannen, verlor die katholische Kirche ihren kirchlichen Anspruch, was darin gipfelte, die Welt zwischen Spanien und Portugal aufzuteilen, und die Reformation ist in erster Linie als Protestbewegung der übergangenen Adeligen zu verstehen, welche ihrerseits, in der Lage, in welcher sie sich befanden, dem kirchlichen Anspruch nur partiell, nämlich auf ihre Untertanen beschränkt, gerecht werden konnten.

Es bestand also in der Zeit zwischen 1529 und 1789 kein wesentlicher Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten im Hinblick auf ihren kirchlichen Anspruch, sehr wohl aber in ihrem Verständnis des kirchlichen Auftrags, was auf Seiten der Protestanten in der Gründung der Vereinigten Staaten gipfelte, welche aber von Beginn an unter dem intellektuellen Einfluß des kommenden französischen Säkularismus standen.

Säkulare Staaten, wie sie seit 1789 bestehen, können hingegen nicht als Kirchen verstanden werden, auch nicht als Kirchen mit auf ihre Bürger beschränktem Anspruch, sondern lediglich als Zweckgemeinschaften. Dostojewskij bringt dasselbe Argument wie Pastor Milch, nämlich daß sich niemand gegen das Urteil der Kirche stellen wird, was auch stimmt, wenn wir von der Kirche im obigen Sinne sprechen, aber die Kirche im obigen Sinne verfügt, wenigstens heutzutage, nicht über die Möglichkeit, ihre Urteile zu formulieren, ja, noch nicht einmal über die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Die Kirche im obigen Sinn ist existent, aber nicht zu greifen oder zu verorten, jedenfalls nicht in hinreichendem Umfang, und deshalb zählt das eigene Urteil mehr als das öffentlich vorgetragene, das eigene Gewissen mehr als die Anschuldigungen in einem stalinistischen Verhör, aber dies sind die Stützen der heutigen Gesellschaft nicht bereit zuzugeben: Sie klammern sich vielmehr an ihre Unfehlbarkeit von Amts wegen, wie an den Mast eines untergehenden Schiffs.

Allerdings besteht immernoch eine transzendente Verbundenheit der Kirche, und im Falle von transzendenten Zurechtweisungen muß man ihr Urteil anerkennen. Ich bin gewisser Frivolitäten schuldig, von welchen ich nicht wußte, ob sie mehr schaden oder nutzen würden, und es auch jetzt nicht weiß, doch ich weiß, daß mein Handeln frivol war. Ich rede in erster Linie von meinem Fingerzeig auf Steamboat Geyser als Ankündigung einer möglichen Deutung der fünften Schale des Zorns Gottes: Selbst wenn es eine sein sollte, ist mein Fingerzeig zu sehr von Sensationalismus angetrieben worden, und es ist auch nicht recht, sich durch jeden weiteren Ausbruch bestätigt zu fühlen, als ob man ewig in dieser Position verweilen könnte, weder voran-, noch zurückschreitend. Nun denn, ich weiß, daß ich nicht würdevoll bin, aber es kann auch keine Würdevollheit geben, wenn sich die Kirche nicht präsentiert.

Post Scriptum vom selben Tag. Daß ein säkularer Staat keine Kirche bilden kann, folgt natürlich unmittelbar aus der gegebenen Definition, aber in der Sache liegt es daran, daß durch den Glauben an Gott ein implizites Ziel für die Gemeinschaft gegeben ist, welches jederzeit neu expliziert werden kann, ohne beliebig zu werden: Der Glaube an Gott als den Schöpfer der Welt führt zu einer Sicht auf seine Schöpfung und insbesondere den Menschen, welche aktiv den gottgefälligen Umgang mit ihr und insbesondere ihnen sucht, und nur wenn eine derartige Übereinstimmung in einer Gemeinschaft besteht, kann sie in der Sache eine Kirche sein. Jeder säkulare Staat muß sich hingegen auf einen expliziten Vertrag berufen, welcher zwar auch neu verhandelbar sein kann, aber ohne implizite Garantien: Am nähesten käme er der Kirche noch dadurch, daß er sich eine Verfassung gäbe, in welcher er bestimmte (gottgefällige) Eigenschaften für obligatorisch für seine Institutionen erklärt, aber schließlich würden Rechtsanwälte diese Eigenschaften in ihr Gegenteil verkehren, selbst wenn anfänglich keine Fehler, wie etwa der vierte Verfassungszusatz der Vereinigten Staaten, gemacht wurden, welcher in seiner Favorisierung  der Mafia zu allerlei verkorksten Gegenmaßnahmen wie civil asset forfeiture nötigt.

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31. Juli 2022

Die drei Phasen des Kontrollverlusts

Ich betrachtete im Beitrag The penultimate proof of God's existence: The Revelation den Kontrollverlust der Vereinigten Staaten als Folge von Subversion, zum einen, weil ich gerade zuvor über eine Einteilung der Phasen von Revolutionen gestolpert war, und zum andern, weil Gott versprochen hat, ihn durch die Schalen seines Zorns zu beschleunigen.

Das kann man so stehen lassen, doch ist es etwas unnatürlich, weshalb ich den Vorgang noch einmal etwas natürlicher darstellen möchte.

Wenn sich eine Herrschaft gegen Gottes Willen vergeht, so wird sie die Kontrolle verlieren, und Gott wird ihren Kontrollverlust obendrein beschleunigen. Zunächst wird sie die in sie gesetzten Erwartungen enttäuschen, was der revolutionsvorbereitenden Phase der Demoralisierung entspricht, in welcher Gott ihren tatsächlichen Zustand durch geeignete Zeichen aufdeckt, dann wird sie sich verirren, was der revolutionsvorbereitenden Phase der Destabilisierung entspricht, in welcher Gott ihren Irrtum durch geeignete Zeichen klar macht, und schließlich wird sie sich mit ihren Beschlüssen an den Menschen vergehen, was der revolutionären Phase der Krise entspricht, in welcher Gott die allgemeine Not durch geeignete Zeichen faßbar macht.

In jedem Schritt vollzieht sich Gottes Urteil, nur daß die Leute selbst im dritten Schritt zu seinem Vollstrecker werden, indem sie sich vor weiteren Vergehen, wiederum Schritt für Schritt, schützen, und jene, welche mehr von dem, was im Argen liegt, sehen als andere, müssen sich vor Augen halten, daß sich Gottes Urteil weitervollzieht bis auch das, was andere einstweilen nicht sehen, nicht mehr im Argen liegt.

Anders kann es nicht sein, so lange sich die Menschen nicht der zivilisatorischen Aufgabe bewußt werden, vor welcher sie stehen.

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14. Januar 2014

Betrachtungen zum Altsächsischen (d-)

Das dro/uht-Wortnest.

Drohtin (Gefolgsherr), wohl von dragan (tragen, seltsamerweise sowohl zu engl. und nsächs. ziehen, möglicherweise, weil es eine nicht angegebene Nebenbedeutung ist, etwa im Satz: thana wiirook droog after them alaha - die Weihrauchkugel an ihrer Kette wird ja quasi gezogen), also Träger, vielleicht auch Zieher. Dazu druht-folk (Gefolge), druhtning (Gefolgsmann, im konkreten Fall der Brautführer des Hochzeitsgefolges) und druht-skepi (Herrschaft, im Sinne des Organisators, Ausrichters, Trägers).

Eine Hochzeit ist ein schönes Beispiel für eine derartige Veranstaltung, in welcher das Gefolge den Vorgaben des Trägers folgt, außerhalb des Militärs und Hofzeremoniells. Allgemeiner wird man dieses Verhalten auf jedem Fest finden: ein unausgesprochenes Einverständnis, sich nach den Vorgaben des Ausrichters zu richten. Dem Wesen nach mehr Kunst als Arbeit, mehr Willkür als Not, vielleicht auch, wenn man es so betrachtet, im Falle des Militärs - wie wäre ein rein zweckmäßiges Militär organisiert?

Natürlich bedient sich auch die Kirche dieser Struktur und mit drohtin ist im Heliand gemeinhin Christus gemeint, und ich wage zu behaupten, daß das Verlangen, an einer solchen Aufführung teilzuhaben, das Kennzeichen Erwartender (also insbesondere Achtender und Versuchender) ist - übrigens schön getroffen in den ersten drei Captain Future Folgen Der Herrscher von Megara.

Das droom-Wortnest.

Nein, hier geht's nicht um's Träumen, sondern um's Trommeln. Droom (Treiben, Getreibe, Leben) und droomian (sich fröhlich bewegen, jubeln).

Das draa/oo-Wortnest.

Alles rund um engl. dread. Ant-draadan (fürchten, bangen), droobi (lichtlos, trübe), droobian (sich betrüben, zurückschrecken), gi-droobian (erschrecken), droor (triefendes Blut), droorag (blutig).

Wiederum recht feinfühlig.

Das doom-Wortnest.

Also, doomsday stimmt, engl. doom aber nicht ganz. Doom (Urteil), a-doomian (urteilen), doom-dag (Tag des Gerichts). Urteil allerdings in etwas freierer Bedeutung, alles was entschieden wurde, gleich wie gut begründet, vielleicht am ehesten durch Machtwort getroffen. (Es wurde ein Machtwort gesprochen, jetzt sind wir doomed. als mögliche Begründung der Bedeutungsverschiebung im Englischen - oder es wurden eine Zeit lang nur Todesurteile verhängt.)

Übrigens auch schon im Altsächsischen in seiner heutigen Bedeutung als -tum Suffix: Deutsch-tum = Deutsch-doom = zum Deutschsein verurteilt. Wiederum ein Indiz dafür, daß es in der altsächsischen Gesellschaft normal war, den einzelnen Mitgliedern Rollen vorzuschreiben.

Das der-Wortnest.

Hier also die Verwandtschaft des Wortes derb - auch etwas überraschend: derbi (kriegerisch, feindlich, frech, ruchlos), derian (schaden, beschädigen), derni (heimlich, heimtückisch), dernian (verhehlen).

Ob nsächs. Deern tatsächlich davon abstammt? Unfreundlicher könnte sich kaum ein Mensch über seine Töchter auslassen, obwohl es natürlich stimmt: Geheimnisse haben die immer... aber so als Anrede: Junge Deern... (hüstel) Hallo, junge Giftmischerin! - Sollte man mal ausprobieren...

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8. November 2017

Sprächen Tiere unser Urteil

Das Spiel entfaltet sich aus dem Bestreben des Agens, seine Möglichkeiten zu erfahren, und der Traum entspringt der Sucht des Agens, sich zu beweisen.

Wird sie so betrachtet, so erscheint die Sorge als das Spiel mit der eigenen Stimmung, die Modifikation der eigenen Haltung mit dem Ziel, den also Erfassenden zu erfahren, das ganze Leben eines Menschen schrumpft zu einem Ding, der Geschäftigkeit der Jungen eines Tiers.

Und die das Vorstellungsvermögen lenkende Vernunft, die Besinnung, erscheint als sein fortgesetztes Wachträumen.

Sprächen also Tiere unser Urteil, wären wir Gestimmte nie erwachsen und kaum erwacht.

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27. Juni 2022

Instabile Theorien

Eine Aussage wird durch eine Beschreibung eines Modells gebildet, welche die Verhältnisse zwischen seinen Gegenständen festhält.

Und verfeinert werden Aussagen durch die Synthese von Modellen, etwa wenn verschiedene Auffassungen eines Gegenstandes in einem Dialog zur Sprache kommen.

Umgekehrt wird eine Aussage durch eine Deutung ihrer verortet, welche nach ihr entsprechenden Modellen in geeigneten Gegenstands- und Verhältnisklassen sucht, wobei diese Klassen möglicherweise auch zu suchen sind, etwa bei Gleichnissen.

Nicht immer fällt die Verortung leicht, etwa wenn die Aussage lautet: Es läßt sich einsehen, daß es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt, wo die Verortung dann in der Auffindung eines Modells bestünde, welches aus einem geordneten Netz von Aussagen bestünde, von welchen die Anfangsaussagen alle einsehbar wären, alle Knotenaussagen einsehbar aus den vorangegangenen Aussagen hervorgingen und die letzte Knotenaussage die Aussage über die Primzahlzwillinge wäre, oder wenn wir fragen, in wiefern ein bestimmter Bibelspruch auf die gegenwärtige Lage anwendbar ist, wo die Verortung den Kontext respektiert, in welchen wir die Lage stellen, und das Gleichnis, welchem wir ihn vergleichen.

Also kommt es bisweilen dazu, daß wir in unserem Urteil, ob und wie sich eine Aussage verorten läßt, schwanken. (Die Verortung einer Aussage ist eine Ausrichtung zu ihr, und ebenso die Beurteilung, ob sie sich verorten läßt.) Und eine Theorie, welche aus Aussagen besteht, deren Verortung schwankt, heiße instabil.

Ein wichtiges Beispiel einer instabilen Theorie begegnet uns gegenwärtig im Bereich der Ethik, nämlich die Vorstellung, daß das Gute in der verdienten Behandlung der Menschen bestehe, wobei es mir weniger um die Hartherzigkeit geht, welche im historischen Vergleich normal ist, als um den Wahn, Gutes zu bewirken.

Es ist nämlich so, daß die verdiente Behandlung von Faktoren abhängt, welche sich jederzeit ändern können und es bisweilen auch tun. Da sich diese Änderungen weder vorhersagen, noch auch nur alle momentanen Faktoren verläßlich registrieren lassen, schwankt das Urteil darüber, ob eine bestimmte Behandlung gut ist oder nicht, die ganze Zeit, was einen kopflosen Fanatismus erzeugt.

Stabilität gewinnt Ethik durch die sich nicht ändernde Liebe des Menschen, durch welche er seine Art und die Ordnung seiner Existenz bekräftigt, welche er durch seine Taten allgemein zu fördern vermag, ohne sich damit zu beschweren, wer diese Förderung verdient. So war es, und so wird es bleiben. Weiß ein Löwenzahn etwa, wohin sein Same weht? Muß er es wissen, um zu gedeihen? Groß ist die Mühe, um gnadenvoll zu wirken, aber wer die Gnade kennt, wird sie nicht scheuen, noch wird er anderen zusätzliche bereiten, er weiß, daß er ein Diener ist und andere gleich ihm in einem Dienst, der alles, was gnadenvoll ist, erzeugt, und sich also dem eingereiht hat, was er einzig liebt.

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8. April 2021

Musikalische Horizonte

Verkörperung, Spiel und Routine begegnen uns auch musikalisch.

Routine.


Spiel.



Verkörperung.



Das Komponieren selbst ist immer Verkörpern, doch die Komposition kann unterschiedliche Handlungsweisen darstellen. In sofern Kulturen von musikalischen Darstellungen einer der obigen drei Handlungsweisen bestimmt werden, kann man von ihrem musikalischen Horizont sprechen.

Ich hatte vor Jahren einen Albtraum, welcher sich um eine sterbende Sonne drehte. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, daß er mein Unwohlsein ausdrückte, von einer Kultur des spielenden musikalischen Horizonts gefangen genommen zu werden, denn die Musik drückt die höchsten Aspirationen einer Gesellschaft aus, und wenn diese in Spielen bestehen, gibt es wenig Hoffnung, Gottes Willen in einer solchen Kultur zu verkörpern.

Damit eine Gesellschaft Gott vertrauen kann, muß sie sich für die Verkörperung des Göttlichen begeistern können. Andernfalls kann sie sich allenfalls noch an das Urteil der Mitmenschen halten, wenn nicht gar nur an die Stärken des Einzelnen. Doch ist das Urteil der Mitmenschen ohne das Göttliche ein kalter Stern.

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5. Mai 2023

Daimonen gegen Demutsperversion

Warum verteidige ich Daimonen? Weil ich ihnen mehr vertraue als der katholischen Kirche.

Daimonen sind die natürlichen Feinde der katholischen Kirche, wie ich im folgenden zeigen werde, und deshalb kann es auch nicht verwundern, daß die katholische Kirche ständig Lügen über sie verbreitet.

Was sagt einem Kind, wie es seine Eltern dazu bringt, es auf eine Weise zu behandeln, mit welcher es zurechtkommt? Ein Daimon, genauer gesagt ein versetzender.

Was erlaubt es uns, τοῦ κόσμου τούτου zu überwinden? Derselbe Daimon, welcher es auch Prometheus und Jesus Christus erlaubte.

Daimonen sind, wie ich seltsamerweise erst im gestrigen Beitrag klar verstanden habe, starre, das heißt unveränderliche Verhaltensmuster, sozusagen das ROM, in welchem die tragenden Teile des menschlichen Betriebsystems abgelegt sind und auch den Unerfahrenen zur Verfügung stehen.

Die Wahrheit ist, daß ich Zeit meines Lebens keinem Menschen vertraut* habe oder auch nur Sympathie für ihn empfunden hätte, welcher nicht von einem Daimon geleitet wurde, gerade weil ich schon mit drei Jahren verstand, daß die Menschen sich gründlich verrannt haben.

Spaßeshalber habe ich nach Bildern einer Politikerin gesucht, welcher ich aus unerfindlichen Gründen vertraue, und siehe da, unter den sieben Mitarbeitern, mit welchen sie sich ablichten ließ, befinden sich ein weiblicher Raben-Daimon zu ihrer Rechten, ein weiblicher Frosch-Daimon zu ihrer Linken, ein männlicher Bär-Daimon zwischen ihr und dem Frosch-Daimon und noch ein männlicher Frosch-Daimon zu ihrer äußersten Linken. Außerdem ist sie selbst, ebenso wie fast alle ihre Mitarbeiter, ein betretender Daimon, nur der Mann zu ihrer äußersten Linken ist ein versetzender und bei dem verbleibenden Frosch-Daimon und einem Mann, welcher eine Brille trägt und die Augen zusammenkneift, weiß ich's nicht. Der klarste betretende Daimon ist der Mann direkt hinter ihr, welcher aussieht, als hätten die Pet Shop Boys den Song Opportunities (Let's Make Lots of Money) nur für ihn geschrieben. Wer das Bild kennt, weiß von wem ich spreche, und wer es nicht kennt, wird es von mir nicht erfahren, nur, daß diese Versammlung von Daimonen bedeutet, daß noch jemand sie erkennt.

Übrigens, da dies im Rahmen dieser Betrachtung wichtig ist: Der Grund, warum die Tierdaimonen einen geradezu anspringen, wenn man das Negativ eines Photos betrachtet, ist, daß ihre Haltung nicht natürlich, sondern aufgezwungen ist, was hingegen auch bei manchen nicht-starren Haltungen der Fall ist, insbesondere bei der Gruppenidentität von Gangmitgliedern, welche aber keine Fixierung ausstrahlen, sondern nur formlosen Willen zur Verblendung.

Wie schon gesagt, zu Tierdaimonen zu greifen, ist nicht ideal, da die eigene Seele unter jeder Art Zwang leidet, aber unter Umständen eine probate Wahl, Gordon Lightfoot hat es übrigens erst ab der Neige seines Lebens getan, wohl, um das Alter zu ertragen, und wenn die Gesellschaft gar systematisch pervertiert wird, sogar die politisch einzig probate. Doch kommen wir nun zu der Perversion, welche für alles, was wir heute sehen, verantwortlich ist, nämlich der Perversion der Demut.

Die Demut gebührt Gott und jenen, welche ihn lieben, Gott, indem wir uns darum bemühen, die uns zugedachte Rolle Ihm gegenüber auszufüllen, und jenen, welche dies tun, indem wir ihr sittliches Urteil über uns akzeptieren.

Wo es um die Demut so bestellt ist, können wir nichts gegen das einmal als göttlich Anerkannte tun, ohne unser Ansehen augenblicklich zu verlieren, müssen jeden guten Vorschlag aufgreifen, um nicht als Feind des Guten dazustehen.

Das Ziel der Perversion der Demut besteht darin, diese Gewalt den Händen der Menschen zu entreißen, und sie auf denjenigen zu übertragen, welcher die materielle Macht innehat.

Der Ablauf der Perversion ist der folgende:
  1. Im Rahmen der Aufwertung des Theaters, sei es in der heutigen Zeit durch das Fernsehen oder zuvor durch die katholische Kirche, kommt es nicht nur dazu, daß Darstellern unheilige Ehren zukommen, sondern auch dazu, daß die Menschen dem sittlichen Urteil über sie entgehen können, indem sie vorgeben, daß ihr Verhalten nur Theater gewesen sei.
  2. Indem die Menschen nicht mehr über die Möglichkeit verfügen, dem Frevel durch sittliche Urteile Einhalt zu gebieten, hinterlassen sie eine leere Ohnmacht, in welcher sie bereit sind, ihr Lebensrecht zu einem vom Inhaber der materiellen Macht festgesetzten Preis zu erkaufen.
  3. Wenn ein Mensch sieht, daß er mit anderen Menschen nur zu diesem festgesetzten Preis interagieren kann, fühlt er sich als Gefangener, und deshalb muß seine Liebe dahingehend pervertiert werden, daß er die Zahlung des Preises liebt, womit die Perversion der Demut abgeschlossen ist.
Ich möchte das am Beispiel der Disco verdeutlichen.

Paare, welche in den '70ern in der Disco tanzten, man sieht es etwa in den Pink Panther-Filmen, fühlten sich beobachtet und bemühten sich um was man so Grazie nennt. Aber in den '90ern war die Disco nur noch ein Fleischmarkt. Und die Frage dabei ist doch, warum man Fleisch auf dem Fleischmarkt kaufen sollte, und nicht lieber bei der Arbeit, auf der Uni oder im Sportverein, alle mit deutlich besserem Angebot und besseren Inspektionsmöglichkeiten. Warum diesen trostlosen Platz zu diesem degradierenden Zweck aufsuchen? Warum aller Welt vorführen, daß man gewillt ist, seinen Appetit auf diese Weise zu decken? In den '70ern wären die Menschen doch noch vor Scham vergangen! Und in den '90ern? War's nicht mehr beschämend? Nun, das ist natürlich individuell verschieden, aber das ist nicht das letzte Wort. Tatsache ist, genau wie sich Menschen im Mittelalter die Knie auf Betwegen aufscheuerten, um ihrer Erbsünde rechenschaftzutragen, war es nun dazu gekommen, daß sich Menschen Bullen gleich Ringe durch die Nase stechen, um nur recht ins Bild der Tierhaltung zu passen, welche sie doch in genau derselben Haltung akzeptieren wie ihre Vorfahren die ihre.

Es ist eine Regel: Wo die sittliche Autorität fehlt, wird sie als unterlegen angenommen und nach Wegen gesucht, sich die eigene Lage schönzureden. Die katholische Kirche wurde mit der Umwerbung Adeliger groß und spielte Theater, um die sittliche Autorität der einfachen Leute zu begrenzen, der englische Bürgerkrieg bewies, daß die einfachen Leute ohne es besser auskommen, und das Ziel des Säkularismusses ist es, ihnen ihre sittliche Autorität im Namen der Freiheit wieder zu nehmen.

Was denken die Leute heute denn, was Daimonen sind? Denken sie nicht, es seien gerade jene Geister, welche ihnen ihre Lage schönreden? Welche jene verzerrten Gestalten erfüllen, welche die Theaterspieler zu züchten pflegen? Was die katholische Kirche diesbezüglich gesagt hat, diente einzig dazu, ihre eigenen Werke gerade jenen in die Schuhe zu schieben, welche sie bekämpfen. Bleiben wir nur bei dem Bär-Daimon, welchen ich im vorigen Beitrag betrachtete: Was hat er denn anderes getan, als eine solche verzerrte Gestalt zu zerstören? Denn darauf läuft es doch hinaus, nämlich daß etwas, ein unveränderliches Verhaltensmuster, die Schnauze voll hatte und den seine leere Ohnmacht akzeptierenden Menschen zu Grunde richtete.

Also, auch wenn es sich nicht gerade gut auf einem Transparent macht: Daimonen gegen Demutsperversion!

Post Scriptum vom folgenden Morgen. Bei Gordon Lightfoot und dem erwähnten Mann zur äußersten Linken handelt es sich streng genommen nicht um einen Frosch-Daimon, da der Frosch-Daimon dazu dient, sich auf das zu stürzen, was Lust bereiten könnte, wohingegen sie das ausblenden, was die Lust begleitet, was sogar die Frage aufwirft, ob das nicht Schönreden sei, doch wird die Lust dadurch nicht zu etwas Schönem erklärt und bleibt also unverfälscht. Praktisch macht es aber keinen Unterschied, ob ein zusätzlicher Ansporn gegeben wird oder ein entgegenstehender hinweggenommen, und deshalb möchte ich dafür keinen neuen Tiernamen etablieren, wiewohl Löwe der augenfällige ist.

Zweitens besitzen Daimonen nicht nur, wie im vorigen Beitrag erwähnt, eine spirituelle Anziehungskraft, sondern auch eine spirituelle Züchtigungskraft, welche aber nichts außergewöhnliches ist, da sich unsere Stimmung bei jeder Verirrung unserer Haltung verfinstert.

Post Scriptum vom übernächsten Morgen. * nicht in dem Sinne, daß ich ihnen nicht über den Weg traute, sondern in dem Sinne, daß ich, zumindest in der Vergangenheit, auch wenn sich dies gegenwärtig ändern mag, die Zuflucht zu einem daimonischen Verhaltensmuster als notwendiges Anzeichen dafür gesehen habe, daß einem Menschen die Natur der Probleme unserer Zeit bewußt ist, da jemand, der in einer Gesellschaft der Unsitten lebt und willens ist, sich ihnen zu widersetzen, seine Seele bisweilen zwingen muß und einer Strategie vertrauen, welche auf indirekte Beeinflussung, statt auf geteiltes Empfinden setzt.

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9. März 2022

Die Gnade der Einsicht im Anblick ihres Mangels

Ich erwähnte vor kurzem Aschenputtels soziale Situation, und auch sonst beschäftigen die Haltungen meiner Mitmenschen mein Herz. Es ist in gewisser Weise unerklärlich, daß ich diesen Beitrag nicht schon früher geschrieben habe, denn er basiert schlicht auf dem Mechanismus der Haltungsannahme, welchen ich seit mehr als 10 Jahren kenne, und ist darüberhinaus ausgesprochen nützlich: Ich kann nur annehmen, daß erst die Tragik des Heranreifens mich von seinem Gewicht überzeugt hat.

Wenn wir etwas einsehen, passen wir unsere Haltung an diese Einsicht an. Aber bisweilen müssen wir Entscheidungen treffen und zugehörige Haltungen annehmen, ohne uns dabei auf eine Einsicht stützen zu können, welche die Lage klärte. Und also können wir uns ohne näher bestimmte Gründe dazu zwingen, eine Haltung anzunehmen. Das ist die Beliebigkeit der Haltung.

Gleichzeitig reagiert unser ganzes Wesen auf die Haltung, welche wir, aus welchem Grund auch immer, angenommen haben, indem sie unsere Stimmung bestimmt, weshalb wir eine Haltung nicht einfach, nicht als bloßes intellektuelles Experiment annehmen können. Das ist die Einzigkeit der Haltung, sie existiert nicht gleich Plänen in Schubladen, sondern als das Gerüst unseres Verhaltens, welchem wir uns gleich Treibgut, Flößen oder auch Ozeanriesen auf hoher See anvertrauen.

Aus letzterem Grunde verachte ich Oscar Wilde dafür, daß er Rodion Raskolnikoffs theoretisch begründeten, aber letztlich einsichtslosen Mord genommen und in Dorian Gray's Ausschweifungen verwandelt hat, denn während es nicht a priori klar ist, daß sich die Gesellschaft nicht dadurch verbessern ließe, reichen Witwen ihr Geld zu nehmen und es anderen Zwecken zuzuführen, ein Gedanke, welchen Alfred Hitchcock dann auch noch einmal in Shadow of a Doubt aufgegriffen hat (von Schopenhauers eher humoristischen Ausführungen zur indischen Witwenverbrennung ganz zu schweigen oder dem, was laut unserem Herren Jesus Christus die Pharisäer seit ehedem tun), ist es a priori klar, daß einen die eigene Stimmung nur erheben kann, wenn man auf ihrem Boden steht, womit sich Wilde's Roman um eine Ungeheuerlichkeit dreht, nämlich darum, daß jemand nicht wüßte, daß sein Urteil aus dem Frieden seiner Seele fließt, und wer wüßte das nicht?, wohingegen es bei Dostojewski und Hitchcock darum geht, dem einmal so zum Verwechseln ähnlich gewonnenen Urteil seinen weiteren Frieden notfalls aufzuopfern.

Doch genug der literarischen Abschweifung und hinüber zur realen Tragödie heute. Der Mangel an Einsicht zeigt sich auf drei Weisen unter meinen Zeitgenossen:
  • Beliebigkeit,
  • Grobheit und
  • Beschränktheit.
Beliebigkeit entspringt eben der Beliebigkeit der Haltung. Es handelt sich um Menschen, welche das Leben als Multiple Choice-Test betrachten, und sich nicht nur das Maul darüber zerreißen, welche Wahl ihre Mitmenschen getroffen haben - das tun wir alle, wenn wir jung sind, um potentiellen Paarungspartnern unsern Witz zu beweisen - sondern auch ihre Meinungen darüber austauschen, welche Wahl man selbst ergreifen sollte.

Grobheit entspringt der Einzigkeit der Haltung, indem eine einmal ergriffene Haltung, welcher die Stimmung ihren Segen gab, nicht weiter nuanciert wird, aus Furcht sie zu verlieren und keinen vergleichbaren Segen wiederzufinden. Hierunter fallen die Fanatiker des Schlages eines Raskolnikoffs. Die Gnade unseres Herren Jesus Christus sei mit uns allen, wenn wir das Gebot, unser Leben zu lassen, um es wiederzunehmen, beherzigen.

Und auch Beschränktheit entspringt der Einzigkeit der Haltung, indem beschränkte Menschen versuchen, die Verhältnisse, welchen ihre Haltung gewachsen ist, festzuzurren, um auf diese Weise den Segen ihrer Stimmung nicht zu verlieren, just wie Aschenputtels Stiefschwestern.

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14. Mai 2022

Statische und dynamische Verbündung

Nachdem ich im vorletzten Beitrag Zusagen genauer unter die Lupe genommen habe, werde ich es in diesem mit Verbündungen tun.

Verbündung ist koordinierte Haltung, delegierte Haltung hingegen das Urteil des Prüfers über den Kandidaten. Da es keinen Grund gibt, sich freiwillig dem Urteil eines Prüfers zu unterstellen, andererseits aber jeder die Möglichkeit besitzt, jeden Menschen, welcher ihm begegnet, als Kandidaten zu betrachten und ihn zu beurteilen, findet die Delegierung der Haltung stets wechselseitig statt, und daraus ergibt sich Erwiderungsgebundenheit für alle Haltung Delegierenden.

Die statische Verbündung besteht nun darin, Verantwortungsbereiche abzustecken und den Verbündeten zu überlassen, wobei die Haltung der Verbündeten wechselseitig von ihnen aufgrund ihrer Qualifikation für den jeweiligen Verantwortungsbereich anerkannt wird.

Die dynamische Verbündung besteht hingegen darin, die Erwiderungsgebundenheit von Verbündeten zu erkennen und ihre Haltung auf dieser Basis anzuerkennen. Zwar mag dies zu asymmetrischen Verbündungen führen, wo der eine gebunden ist und der andere nicht, aber praktisch macht das keine weiteren Schwierigkeiten.

Ich möchte zwei Beispiele von Erwiderungsgebundenheit betrachten. Zunächst ist jede auf statischer Verbündung beruhende Gesellschaft, konkret jene des Zeitalters der Wacht, durch die Absteckung von Verantwortungsbereichen in ihrer Aufnahmefähigkeit von Fremden beschränkt, denn
  1. ist ihre Haltung nicht an die Verantwortungsbereiche angepaßt,
  2. widerstrebt es ihnen womöglich, oder sind sie dazu gar nicht in der Lage, sie an die Verantwortungsbereiche anzupassen, und
  3. würden sie dadurch in Konkurrenz zu den bereits Verantwortung Tragenden geraten.
Deshalb bleibt einer solchen Gesellschaft, wenn sie auf Fremde trifft, nur übrig, sie auf unerwünschte Tätigkeiten abzuschieben, auf einfachste Weise durch Sklaverei, aber wie das Beispiel der Arier in Indien zeigt, gibt es auch andere Lösungen.

Wenn nun ein Stamm in Afrika wie die Yoruba eine Religion annimmt, welche Platons Diktum in den Nomoi entspricht, nämlich daß die beste Staatsordnung jene des Goldenen Zeitalters sei, also die Besessenheit durch Daimonen (Elegua, Ogun und so weiter), wird er ipso facto für das Zeitalter der Wacht formatiert, und hinsichtlich seines Umgangs mit anderen afrikanischen Stämmen läßt sich eine kriegerische Erwiderungsgebundenheit vorhersagen, welche ihn zu einem natürlichen dynamischen Verbündeten für Sklavenhändler macht. Ogun ist natürlich der Daimon der Schmiede, und die Schmiedekunst erreichte Westafrika gegen 500 nach Christus, also zur selben Zeit als die Westgoten Spanien erreichten und der Islam Arabien. Über die Westgoten wissen wir nur wenig, aber der Islam ist ein weiteres interessantes Beispiel für Erwiderungsgebundenheit.

Dazu zunächst folgende Überlegung. Damit Verantwortung für den Wohlstand von jemandem übernommen werden kann, muß zunächst die Verantwortung für seine Sicherheit übernommen werden, da er ansonsten beraubt werden könnte. Indem der Koran also jeden Stamm für seine eigene Sicherheit verantwortlich macht, macht er ihn zugleich auch für seinen eigenen Wohlstand verantwortlich, und da Stämme von überschaubarer Größe sind, stehen sie überall im Wettbewerb mit einander, und also erwächst ihnen aus ihrer Erwiderungsgebundenheit die Notwendigkeit, Handelsbeziehungen einzugehen: Selbst wenn sie sich nicht sicher sein können, daß der Handelspartner die Ware nicht gegen sie einsetzen könnte, ist der unmittelbare Nachteil, auf den Handel zu verzichten, schwerwiegender. Mit anderen Worten stellt die Verbreitung des Islams im Mittleren Osten sicher, daß der indische Außenhandel Europa erreicht und der europäische Indien, was ihn zu einem natürlichen Verbündeten aller Händler macht.

Hingegen zeichnet sich das Abendland gerade dadurch aus, daß keinerlei Erwiderungsgebundenheit von außen an ihm zu erkennen ist, was eine direkte Folge der Zentralisierung der Macht ist, welche ihrerseits eng damit zusammenhängt, daß es innergesellschaftlich nicht auf statische Verbündungen gegründet ist, sondern auf dynamische, konkret auf die Erwiderungsgebundenheiten der Kirche, Könige und Juden, beziehungsweise in moderner Zeit der Medien, Politiker und Unternehmen, wobei diese aber gerade aus den Fugen geraten.

So, wie das Zeitalter der Werke Universitäten bedarf, welche im Zeitalter der Wunder zerschlagen werden müssen, bedarf das Zeitalter der Wacht statischer Verbündungen, welche im Zeitalter der Werke zerschlagen werden müssen, also weil die Entdeckung von Planungsansätzen im letzteren Einzelnen überlassen ist (und im ersteren die Gemeinschaft ihre Entwicklung durch grundlegende Ansätze plant, welche Verantwortungsbereiche abstecken, woher ja auch der Name: Zeitalter der Wacht und Warte, wobei ein Wart ersichtlicherweise ein statisch Verbündeter ist).

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6. April 2009

Beleuchtung eines Streites zwischen Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer bezüglich der Dummheit der Masse des Volkes

Ich habe zuletzt darüber nachgedacht, wie sich emotionale und intellektuelle Unabhängigkeit etwas systematischer erfassen ließen und bin dabei auf das Urteilen gekommen, daß es mehr als eine Art zu urteilen gibt.

Nun meine ich damit nicht eine Unterscheidung der Urteile, wie sie Arthur Schopenhauer vorgenommen hat. Es geht eher um folgendes, einen Punkt, in dem sich Schopenhauer bemüßigt fühlte, Kant auf das Schärfste zu widersprechen. Kant meinte nämlich, daß die Masse des Volkes dumm sei, weil sie keine abstrakten Begriffe benutze, sondern stets nur über konkrete Sachverhalte urteile, während Schopenhauer meinte, daß jeder Tropf aus abstrakten Begriffen folgern könne, es aber Verstandes bedürfe, um über einen konkreten Gegenstand ein zutreffendes Urteil zu fällen.

Machen wir es kurz. Beide haben Recht, wobei Kant das meint, was ich mit intellektueller Unabhängigkeit meine. Schopenhauer, in seinem Widerspruch, läßt nämlich einen Sachverhalt weg, und zwar den wichtigsten überhaupt, daß man sich seine abstrakten Begriffe selbst erarbeiten muß, daß sie einem nicht gegeben werden.

Emotionale Unabhängigkeit ergibt sich daraus, daß man bezüglich seines Seelenfriedens in der Lage ist, sichere konkrete Urteile zu treffen. In diesem und anderen Bereichen sichere konkrete Urteile treffen zu können ist aber nur die Voraussetzung dafür, sich einen Begriffsschatz zu erarbeiten, welchen man dazu verwenden kann, Fragen im allgemeinen durchzuspielen. Dabei kommt es sehr darauf an, daß man genau hinsieht und scharfe Begriffe und Regeln verwendet, also z.B. ob einem Homogenität auffällt und die sich daraus ergebende Linearität, denn es macht einen großen Unterschied in bezug auf die Lösung allgemeiner Fragen, ob ich nur weiß, daß größer gleich schwerer bedeutet oder ob ich weiß, daß Größe und Schwere exakt proportional sind. Letzteres engt die Menge möglicher Zusammenhänge offensichtlich viel stärker ein und erlaubt somit öfter eine Entscheidung über die Möglichkeit eines abstrakten Sachverhaltes.

Dieses aber zu tun, sich einen derartigen Begriffsschatz anzulegen, ihn zu entwickeln und zu warten, das habe ich intellektuelle Unabhängigkeit genannt.

Und bei der Unterscheidung der Urteile darf hier nicht das Urteil isoliert betrachtet werden, also ob es ein konkretes oder ein abstraktes ist, ein anschauliches oder ein begriffliches, ein synthetisches oder ein analytisches, sondern es muß mit ihm das betrachtet werden, worauf es fußt, nämlich im zweiten Falle der Begriffsschatz, dann wird hinreichend klar, daß Kant gänzlich richtig liegt und Schopenhauer in diesem Punkt etwas rechthaberisch ist.

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30. Dezember 2012

Von der Notwendigkeit der Änderung unserer Bedingtheit

Im großen und ganzen ist mir der Beitrag Zusammenhänge doch gelungen, auch wenn ich heute ein paar Dinge anders ausdrücken würde. Ich ging dort von unserer Bedingtheit als der Wurzel unseres gesamten Seins aus, und das möchte ich hier zunächst rekapitulieren.

Wir sind kausal, funktional und konstitutional bedingt, in sofern sich unsere Taten im Rahmen der Kausalität, der funktionalen Zusammenhänge, an welchen wir teilhaben, und unserer Konstitution vollziehen.

Unsere Konstitution besteht dabei aus unserer organischen Leistungsfähigkeit, aus unserer Haltung, aus unseren Begriffen und aus unseren Erinnerungen. Dazu ist zu sagen, daß es sich bei den letzten dreien technisch gesehen sämtlich um Assoziationen handelt, welche indes auf unterschiedliche Weisen unsere Taten beeinflussen. Erinnerungen verhalten sich zumeist passiv, nur gelegentlich kommt es zu spontanem Aufkommen ihrer (was wir, wenn uns lediglich diese Verbindung bewußt ist, aber nicht die Erinnerung, auf welche sie sich bezieht, als Déjà-vu erleben), unsere Haltung legt bestimmte Handlungsfolgen in automatisch aufgerufenen und ausgeführten Programmen fest und unsere Begriffe bilden die Basis für unsere Erfassung der Situation.

Damit ist unsere organische Leistungsfähigkeit aber unsere Antwort auf unsere Bedingtheit durch die Kausalität, unsere Haltung unsere Antwort auf unsere Bedingtheit durch Funktionsmuster und unsere Begriffe unsere Antwort auf unsere Bedingtheit durch unsere Konstitutivität, vor allem durch unsere Erinnerungen, welche sie strukturieren.

Unsere Konstitution ist also Teil unserer Bedingtheit und Anpassung an unsere Bedingtheit zugleich.

Und unser Wille ist dasjenige, welches unsere Taten im Rahmen unserer Bedingtheit anstößt, die Lust im Rahmen der Kausalität, die Achtung im Rahmen unserer Funktionsmuster und die Sorge im Rahmen unserer Konstitutivität.

Das Wachstum unseres Bewußtseins dabei vom Bewußtsein der Anstrengung zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, über das Bewußtsein verschiedener Handlungsalternativen zum Bewußtsein eines Zustandsraums, in welchem sich alles Handeln vollzieht, welches ich im Beitrag Erweiterungen des Bewußtseins des Wollens behandelt habe, entspricht gerade der Erweiterung unserer Konstitution zunächst um eine Haltung und dann um Begriffe. Letzteres ist trivial, aber auch was die Haltung angeht, ist es nicht sonderlich kompliziert, denn nur dann lassen sich verschiedene Alternativen wählen, wenn verschiedene Handlungsabläufe zur Wahl bereit stehen, und gerade aus diesen samt den Bedingungen ihres Eintretens besteht unsere Haltung ja.

Unsere Bedingtheit entspricht also, glücklicherweise, sollte man meinen, denn sonst könnten wir sie nur unzureichend verstehen, den verschiedenen Facetten unseres Bewußtseins, durch welche sich unser Wille zeigt, und unsere Konstitution ist die Substanz dieses Bewußtseins, das an das Bewußte als die Art seines Bewußtseins Ermöglichende Angepaßte.

Bezüglich der transzendenten Akte ist in der Sache wahrlich nicht mehr viel zu sagen, und doch muß ich hier der Vollständigkeit der beschriebenen Struktur halber nochmals auf sie eingehen.

Sie sind unmittelbare Auslieferungen an die Bedingtheit, Ordnung und Mischung an die kausale, Achtsamkeit und Willkür an die funktionale und Verbindung und Auflösung an die konstitutionale, wobei die letztere den Willen betrifft, welcher sich durch die Substanz des Bewußtseins zeigt und nicht die Substanz des Bewußtseins selbst. Die vier menschlichen Geister, Ringende, Suchende, Achtende und Versuchende, sind Beispiele solcher unterschiedlicher Willen, welche sich durch unsere Bedingtheit und auch in unserer Konstitution zeigen, denn selbstverständlich wirken unsere Taten, gewollt oder ungewollt, auch auf unsere Konstitution. Und sie veranschaulichen damit zugleich die Art der Auslieferung, um welche es hier geht, nämlich die Auslieferung an das wachsende Wollen, welches letztlich verantwortlich für die Konstitution ist, das formgebende Prinzip hinter der Form.

In diesen Auslieferungen vollzieht sich das göttliche, von unserem Willen unabhängige, Urteil über unsere Rollen in der Welt. Es beginnt, wo unsere Möglichkeiten enden, wo sich unsere Bedingtheit in Gefangenschaft verwandelt.

Und aus unserer heutigen Bedingtheit entspringt nun zwangsläufig Gefangenschaft, so daß wir auf transzendente Akte angewiesen sind.

Und der einfachste Weg aus dieser Gefangenschaft heraus besteht darin, daß sich jenes gewachsene Wollen, welches nicht bereit ist, sich dem göttlichen Urteil zu stellen, auflöst, denn hätten wir nur etwas Bereitschaft, uns nötigenfalls Gott anzuvertrauen und auf seine Korrektur jenseits unserer Macht zu setzen, so ließen wir die Finger von immer neuen Methoden, uns gegenseitig zu zwingen.

Freilich, das ist nicht radikal pazifistisch zu verstehen. Man kann von Einzelnen nicht immer Beherrschung erwarten und wird darüber nicht Gott anrufen wollen. Dieses Problem ist in einem größeren gesellschaftlichen Körper lösbar, welcher die in ihm auftretenden Instabilitäten stabilisiert. Aber in unserem Leben gibt es keine letzten Sicherheiten, und nach ihnen zu streben, bringt den Tod.

Vielleicht könnten wir sogar unseren Frieden mit Gott schließen und uns in allen Herzensangelegenheiten ausliefern, irgendwann einmal, wenn uns unsere und die Natur unseres Seins vertraut genug geworden sind, denn daraus entsteht all unser Elend, daß wir nicht wissen, wie unsere Pflichten mit unseren Möglichkeiten zur Deckung zu bringen sind.

Wenn sich unser Wille in diesem Punkt hingegen nicht änderte, so werden entweder die uns offenstehenden funktionalen Zusammenhänge immer eingeschränkter werden oder unsere Erinnerungen ausgelöscht, bevor sich ersteres weiter fortsetzte. Schwer zu sagen, wohin der erste Weg führte, da wäre vieles möglich, aber nichts zu bejahen. Die Auslöschung der Erinnerungen kann man hingegen wohl nicht a priori ausschließen, das wäre sozusagen die Variante des Versagens. Nun, andere Willensänderungen wären auch noch möglich, nur liefe das darauf hinaus, die menschliche Substanz aufzugeben.

Abschließend möchte ich noch kurz die Sichtweise besprechen, daß durch die transzendenten Akte eine Änderung der Kausalität und der grundlegenden Funktionsmuster eingetreten wäre. Ich halte dies für falsch, denn in dem Falle beherrschte der persönliche Wille diese. Ihre Funktion besteht aber erkennbar in der Vermittlung verschiedener Willen. Aus dem Grunde lassen sie sich auch nicht so ohne weiteres vorführen, was entsprechend nur möglich wäre, wenn die Vorführung in Gottes Absicht läge.

Über die geistigen Horizonte äußere ich mich hier nicht mehr. Dazu ist an verschiedenen Stellen bereits alles gesagt worden, so daß mich die etwas unvollkommene Darstellung im Beitrag Zusammenhänge hier nicht weiter stören soll.

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22. Februar 2017

Willkür im Manne und im Weib

Im Manne Feindseligkeit,
im Weibe Unterhaltung
- die Miniatur der Neueinrichtung.

Gott, ich wünsche mir keine Tochter. Über einen Sohn, welcher überall neue Feinde ausmacht, kann ich lachen. Über eine Tochter, welche stets neue Unterhaltungen sucht, nicht. Einem sprunghaften Menschen hilft die Schwierigkeit dabei, Wurzeln zu schlagen.

Und wahrhaftig, wenn ich mich selbst feindseliger vor mir ausmale, als ich es bin, weil mich die Schlichtheit meiner Lage langweilt, so muß ich zugleich auch mein weibliches Pendant weit unterhaltungssüchtiger vor mir ausmalen, als es das ist.

Die absolute Gleichzeitig- und Gesetzmäßigkeit dieser Wahrnehmungsänderung schockiert mich zutiefst: Wie kann ein anderer Mensch einen durch Erschrecken vor ihm dazu bringen, zu sich selbst zu finden?

Wer hat je davon gehört?

Dies ist vielleicht mein einziger originärer Gedanke, alles sonst mag historische Parallelen besitzen: Sobald ich mir irgendeine Gehässigkeit erlaube, erschrecke ich vor ihr.

Andererseits, wenn ich es so fasse, ähnelt es etwas dem Bildnis von Dorian Gray: Ich sehe meine eigene Bosheit in ihr, sobald sie mich erfüllt, erfüllt sie auch sie. Dennoch, ganz so hat Oscar Wilde es nicht ausgedrückt.

Es ist schlichter, natürlicher und weit poetischer in dieser Form - und gibt selbstverständlich nicht den Stoff zu einem Roman ab.

Und auch für manch anderes gibt es nicht unbedingt den Stoff ab: Wer will schon jedes Mal, wenn er nach einem lebhaft monologisierenden Spaziergang nach Hause kommt, über das Lächeln, welches ihn daheim begrüßt, zu Tode erschrecken?

Es ist eine Ikone eigener Art, nichts, was einen zu sich emporzöge, sondern etwas, was einen beständig zurecht schüttelt und ins Heiligtum der Kindheit zurückführt, wo ein Junge allen Menschen Freund und ein Mädchen fest in ihren Prinzipien sein kann.

Was für ein abscheulicher Mensch ich bin! Meine Frau so ähnlich zu ihr zu wählen! Mehr kleinliche Kleinlichkeit hat die Welt doch noch nie gesehen: Eine Liste physischer Merkmale anzulegen und sie Zähne knirschend abzuhaken. Und doch bin ich mit ihr in gewisser Weise reicher, sie hat ihren eigenen Standpunkt, ich kann sie nach ihren Werten bewerten und werde nicht ständig auf mich selbst zurückgeworfen. Und wenn ich sie zu der Form bringe, in welcher ich sie gerne sehe, so kann sie dort aus eigener Kraft stehen bleiben. Es ist angenehmer, Mühe darauf verwenden zu müssen, aber dafür hin und wieder davon auch einmal ausruhen zu können, als auf Schritt und Tritt von seinem Spiegelbild begleitet zu werden: Schwierigkeit tut dem Sprunghaften gut.

Die Form indessen, in welcher ich meine Frau gerne sehe, ist dieselbe, in welcher ich sie gerne sehe: zufrieden, stolz und von einem inneren Reichtum erfüllt. Frauen sind für mich Kerzen, welche von meiner Herrlichkeit künden sollten. Und da ist es nun aber sehr günstig, auf mich selbst zurückgeworfen zu werden, um nicht meine eigene Herrlichkeit zu verlieren.

Schon seltsam, daß auch diese Seite meines Lebens einem ausgeklügelten Mechanismus ähnelt.

Ich sollte vielleicht erwähnen, daß es einer Frau, die spottet, gut geht, und dies niemand zum Maßstab der Größe ihres Gatten nehmen sollte, es sei denn antiproportional, achtete er doch darauf, daß sie Witz und Selbstsicherheit bei sich behielte. Aber zugleich muß er in ihr auch das Verlangen nähren, sich an ihn anzulehnen, seinem Urteil zu vertrauen.

Und dazu muß er selbstverständlich auch an seinem Urteil arbeiten.

Es ist mein durch Erfahrung aus Instinkt erwachsener Glaube, daß in jedem als gut Erkannten, ein zu bergendes Gut steckt, und in jedem als schlecht Erkannten, ein zu fürchtendes Übel, und ein beträchtlicher Teil der Kunst zu leben darin besteht zu erkennen, worin genau Güter und Übel bestehen.

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11. März 2014

Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen (Regeln über die kirchliche Gesinnung)

Loyola hat doch tatsächlich auch Regeln über die Skrupeln aufgestellt, allerdings bleibt er da wohlweislich so vage, daß mein diesbezügliches Vorurteil weder bestätigt noch widerlegt wird, also daß, wer über Skrupel schreibt, zur Skrupellosigkeit erziehen will.

In Fragen der kirchlichen Gesinnung andererseits läßt er nichts an Klarheit zu wünschen übrig, Numerierung wiederum wie bei Loyola.

10. Die Ansicht ist nicht unvernünftig, eine Kirche muß ihre Probleme selber lösen und sollte nicht das Volk dazu verwenden, Druck auf unliebsame Teile ihrer selbst auszuüben.

11. In gewisser Weise selbstverständlich, daß eine Kirche sowohl ihre Gründer als auch ihre späteren Ausgestalter ehrt, aber zugleich auch gefährlich, denn die Gründer liegen ferner und brauchen wohl ein Übermaß an Verehrung, um diese Ferne auszugleichen.

12. There we go. Grundlos sagt Loyola das ja sicher nicht. In Spanien hielten sie sich seinerzeit also alle für besser als die Kirchenväter, und rein technisch gesehen stimmte das wohl auch, genauso wie es heute an mathematischen Fakultäten 'zig unbekannte Professoren gibt, die Weierstraß haushoch überlegen sind. Aber darum geht's nicht, es geht um die Verantwortlichkeit für die gemeinsam verfolgte Form.

13. Keine Gewissensfreiheit in der Kirche. Was soll der Blödsinn? Nichts, außer meinem Gewissen, könnte mich dazu bringen, mich dem Urteil meiner Kirchenoberen zu beugen. Es wäre also vernünftiger die Gründe für den Gehorsam aufzuzählen als den Gehorsam zum Prinzip zu erklären. Freilich, wie im Parlament mag es hier einzig um die Akzeptanz solchen Verhaltens seitens anderer gehen. Aber wozu so schwere Geschütze? Ein hierarchischer Orden muß sich seiner Hierarchie doch nicht schämen. Ich neige hier eher dem Geist der preußischen Armee zu, in welcher ein Offizier schonmal einen Befehl ignorieren konnte und anschließend Pardon erhielt, wenn er dadurch erfolgreich war. Freilich, Pardon kann es in einer Kirche nicht geben, nur postume Rehabilitierung.

14. Hier wird Loyola selbst des Redens in Andeutungen schuldig. Der Punkt ist ganz einfach, und die Inder haben es schön ausgedrückt: Nicht wählt der Guru Brahman, sondern Brahman wählt den Guru. Was gibt es daran mißzuverstehen? Außer Gott weiß doch niemand, wem er wann seine Gnade schenken wird.

15. Wiederum kein großes Problem, wir haben die Wahl, aber Gott weiß im Voraus, was wir wählen werden. Hat der Heilige Augustinus schon so geschrieben, und ich bin im Alter von sechs Jahren auch selbst drauf gekommen.

16. Verzeihung, aber das heißt entweder, daß Loyola nicht weiß, was Glaube ist, oder, daß er nicht glaubt.

17. Das ist quasi der Offenbarungseid. Die Katholiken sind zu große Gnade gewöhnt und arbeiten nicht hart genug.

18. Wenn man Haare spalten wollte, könnte man sagen, daß man Gott selbst lediglich vertrauen sollte - und das, was er einem zeigt, lieben oder fürchten. Im Falle der Liebe ist es freilich nicht weiter schlimm, wenn man das nicht so genau nimmt, im Falle der Furcht hingegen mag es schon schlimm sein, und eingedenk Loyolas Absicht, die Katholiken härter arbeiten zu lassen, weil er sich vor dem Fleiß der Protestanten fürchtet, wobei sich die Frage stellt, vor wem er sich da eigentlich fürchtet, muß man wohl davon ausgehen, daß die anempfohlene Furcht auch schlimm gemeint war.

Der Punkt ist allerdings subtil, und ich sollte ihn klären. Wer Gott vertraut, der fürchtet Gott allgemein, als Richter der Welt, er fürchtet ihn nicht speziell. Und umgekehrt, wenn in jemandem eine spezielle Furcht vor Gott erwächst, daß Gott sich also gegen irgendetwas Bestimmtes richten könnte, was demjenigen, welcher Gott vertraut, ganz egal ist, weil er weiß, daß Gott dadurch nur sein Urteil spricht, so verliert dieser durch seine Furcht sein Vertrauen in Gott, denn er hat sich gedanklich aus Gottes Hand begeben und seine Seele erschrickt davor und verliert ihren Halt.

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29. Mai 2012

Propagandalügen

Nun schrieb ich gestern schon davon, wie sich das Raunen von finsteren Machenschaften auf die Diskussionskultur auswirkt, daß es nämlich ganz allgemein vorgefestigte Urteile erschüttert und die Diskutierenden dadurch empfänglicher für schlechte Argumente macht.

Heute möchte ich von einem speziellen Urteil handeln, nämlich dem Urteil darüber, ob etwas eine Propagandalüge ist oder nicht.

Darum geht es den meisten nämlich, und nicht darum, wer warum, wo und wie gelogen hat. Letzteres kommt nur in Betracht, um ersteres zu klären.

Woran kann man einen Kandidaten für eine Propagandalüge erkennen?

Nun, manchmal an der schieren Unwahrscheinlichkeit der Behauptung, aber nicht immer. Und natürlich nützt eine Propagandalüge, wie jede Lüge, irgendwem. Das ist aber in dieser allgemeinen Form wenig hilfreich, denn wer weiß schon, was wem irgendwann einmal nützen wird.

Nur genau diese Frage stellt sich bei Propagandalügen nicht in dieser allgemeinen Form. Eine Propagandalüge nützt nicht irgendwem irgendwann, außer der mythische Bereich wäre betroffen, aber hier rede ich vom politischen, sondern sie nützt irgendwem just in dem Augenblick, in welchem sie ausgesprochen wird.

Wenn eine politische Behauptung also niemandem in dem Augenblick, in welchem sie ausgesprochen wird, nützt, dann handelt es sich nicht um eine Propagandalüge.

Betrachten wir einmal ein paar Propagandalügen.

Beispiel 1. Wikinger Überfälle.

Lüge. Die Wikinger Überfälle sind eine Strafe Gottes.

Wahrheit. Die Wikinger Überfälle sind der Preis, mit welchem Sankt Ansgar den Wikingern das Christentum schmackhaft machte, also zu gewinnende Reichtümer und gar Königreiche in fremden Ländern. Gott hat es so vorherbestimmt. Ihr seid auserkoren. Und hier habt ihr Gold, um Mitstreiter für eure Unternehmungen zu gewinnen. Wenn ihr Christen werdet.

Kriterium erfüllt? Ja, denn wenn auch nur irgendein Bischof die Wahrheit gesagt hätte, wäre er in weniger als einer Minute tot gewesen. Er hat also in dem Augenblick, in welchem er die Lüge aussprach, von ihr profitiert.

Das ist übrigens nicht anklagend gemeint. Skandinavien mit Waffengewalt zu christianisieren, hätte mehr Menschenleben gekostet.

Beispiel 2. Gaddafis Atompläne.

Lüge. Ein ostfriesischer Reeder wollte Gaddafi mit aus dem Oman exportierter Atomtechnologie versorgen, wurde aber Gott sei Dank von Briten und Amerikanern rechtzeitig daran gehindert. In Folge dessen gab Gaddafi frustriert auf, und schwor dem Terror ab.

Wahrheit. Eine frische Brise blies über das Mittelmeer, die Sonne schien.

Kriterium erfüllt? Ja, denn Gaddafis angeblicher Sinneswandel erlaubte Briten und Amerikanern die Geschäftsbeziehungen zu Libyen wieder aufzunehmen und sich auf diese Weise unabhängiger von iranischem Öl zu machen.

Das soll genügen. Es gibt natürlich noch viel mehr Beispiele, aber an Ungeheuerlichkeit und Witzigkeit lassen sich diese beiden kaum überbieten.

Wenn also jemand ein bestimmtes Ereignis, also zum Beispiel die Mondlandung, wie Loriot hier

für eine Propagandalüge hält, dann wird er gut daran tun, dieses Kriterium zu überprüfen und danach der Frage nach der Möglichkeit von Lüge und Wahrheit nachzugehen, was Loriot in diesem Beispiel auch alles ganz ausgezeichnet tut.

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8. Dezember 2017

Zur Ordnung der Gefühle

Mein Verständnis der Gefühle ist rhapsodisch gewachsen, mein erster Ordnungsversuch im Beitrag Gefühle an der Sorge gescheitert, und außerdem überging ich dort die beurteilenden Gefühle.

So, wie es jetzt steht, den letzten Stand stellt der Beitrag Die Betroffenheiten und Beurteilungen der vier Bewußtseinsbereiche dar, steht es im Großen und Ganzen geordnet, allerdings im Gebiet der Betroffenheiten der Sorge nur mit einer gewissen Verrenkung geordnet, welche alles mögliche unter den Titel der Einsicht bringt, und in jedem Falle keineswegs klar und präzis.

Weiterführend auf dem Gebiet der Betroffenheiten der Sorge ist der Beitrag Geisteszustandserfassungen.

Wenn man diesen Beitrag genau liest, steigt ein Verdacht in einem auf, was die natürliche Ordnung der Gefühle wohl sei, aber anstatt ihn auszusprechen, betrachten wir lieber die Gefühle der Achtung, da sie so schön wenige und klar umgrenzte sind, und fragen uns, was genau sie von einander unterscheidet.

Wir haben dort drei Gruppen.

Betroffenheiten.

Ahnungen. Neugierde, Kühnheit.
Mahnungen. Ärger, Schrecken, Angst.

Beurteilungen.

Eifer, Verdruß, Gunst, Ungunst, Zuverlässigkeit, Unzuverlässigkeit.

Offenbar stehen die Beurteilungen in einem Verhältnis zu den Ahnungen, aber in welchem?

Nun, ich hoffe, daß wir uns alle darin einig sind, daß es sich dabei um das Verhältnis der Wahrnehmung zu der auf ihr basierenden Tat handelt, wir beurteilen die Lage und entscheiden uns zu einer Tat, während derer Ausführung uns das Urteil gefühlsmäßig als Ahnung begleitet.

Entscheiden wir uns hingegen nicht, so wirkt das Urteil als Mahnung fort und stellt unseren Willen dar, unsere gegenwärtige Lage zu verlassen.

Mit anderen Worten sollte die Unterteilung unseres Ichs in Wahrnehmung, Tat und Willen zur weiteren Unterteilung der Gefühle der Lust, Achtung und Sorge dienen, beziehungsweise auch umgekehrt: die Gefühle sind in eine quadratische, neungliedrige Tafel einzutragen.

Drei dieser Felder haben wir bereits ausgefüllt. Betrachten wir als nächstes die Sorge.

Betroffenheiten.

Bestürztheiten. Betretenheit, Besessenheit, Beklommenheit, Ungebundenheit.
Stimmungen. Zufriedenheit, Unzufriedenheit.

Einsicht ist eine spezielle Zufriedenheit, wahrscheinlich die einzige bewußte. Unzufriedenheiten sind etwa Vergessenheit, Sorge und Niedergeschlagenheit, wobei
  • Vergessenheit darin besteht, sich ein Verhältnis nicht vergegenwärtigen zu können, beziehungsweise lediglich den Eindruck eines Begriffes wahrzunehmen, ohne seinen Namen und was man gewöhnlich zu ihm assoziiert,
  • Sorge darin besteht, die Angemessenheit einer Haltung für die Bewältigung einer Aufgabe in Zweifel zu ziehen und
  • Niedergeschlagenheit darin besteht (wie in eigenen Beiträgen zur Depression auch schon mehrfach beschrieben), den Sinn seines Lebens außerhalb der Ethik zu suchen: Aussichtslos ist dies, aber nur diese spezielle Aussichtslosigkeit führt zur Niedergeschlagenheit.
Es ist ausgesprochen schwierig, einen Überblick über die Zufrieden- und Unzufriedenheiten zu gewinnen, da die Arten und Weisen, in welchen unsere Haltung inadäquat sein mag, also unsere regelbasierte Selbstdressur, schwer zu überschauen sind. Die Bestürztheiten sind indessen vollständig und hinreichend detailliert angegeben, wie aus den diesbezüglichen Beiträgen hervorgeht.

Beurteilungen.

Glück, Unglück, Wertschätzung, Zuwiderheit, Liebe, Haß, Stolz, Schmach.

Die im Beitrag Von den beurteilenden Gefühlen vorgenommene Subsumption dieser Gefühle unter Zufrieden- und Unzufriedenheit ist falsch, wobei freilich der bereits im Bereich der Achtung beobachtete Zusammenhang besteht: entschließen wir uns zur Tat, spiegeln sich unsere Beurteilungen in den Bestürztheiten, doch wenn wir uns nicht entschließen, so spiegeln sie sich in unserer Stimmung, welche eine weitere Erfahrung mit unserer Haltung abgleicht.

Eine weitere, bei diesen Worten sofort in den Sinn kommende Unzufriedenheit ist die Gewurmtheit, wobei
  • Gewurmtheit darin besteht, die Notwendigkeit der Änderung der eigenen Haltung aufgrund einer speziellen Erfahrung anzuerkennen.
Bleibt der Bereich der Lust.

Hier haben wir bisher vier Gruppen, und entsprechend müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie daraus drei werden.

Fragen wir uns dazu zunächst einmal, wie wir die Betroffenheiten allgemein in zwei teilen können. Einmal haben wir ja die aktiven Betroffenheiten und zum anderen die willensmäßigen. Ich behaupte, daß es sich bei den willensmäßigen, konkret Ärger, Schrecken, Angst und (Un-)Zufriedenheit, um Bedürfnisse handelt, welche sich auf diese Weise ausdrücken, nämlich konkret um das Bedürfnis nach Gleichbehandlung, Geistesgegenwart, Vorbereitung oder Verkörperung.

Und bei den Betroffenheiten der Aktion, aktive Betroffenheiten hört sich etwas irreführend an, also konkret Neugierde, Kühnheit, Betretenheit, Besessenheit, Beklommenheit und Ungebundenheit, handelt es sich um Einlassungen (auf irgendwelche Abenteuer).

Was also sind die Beurteilungen, Bedürfnisse und Einlassungen der Lust?

Beurteilungen. Erwartung.
Bedürfnisse. Schmerzen, Übelkeit, Gereiztheit, Schwindel, Desorientierung, Verwirrung, Hunger, Durst, Müdigkeit, Nervösität, Dumpfheit.
Einlassungen. Begehren, Aufbegehren.

Damit wären sowohl die Gefühle nach den wichtigsten Kriterien geordnet und damit prinzipiell verstanden, als auch die Natur des Willens zusätzlich erhellt. Genauere Betrachtungen, insbesondere im Bereich der Stimmungen, bleiben aber weiterhin möglich und wohl auch ratsam. Nichtsdestotrotz, für dieses Mal reicht's.

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21. Januar 2019

Zur Quelle der Ahnungen

Wenn wir uns bei unseren Erwägungen ermahnt fühlen oder etwas bereuen, so liegt die Quelle dieser Empfindungen in unserer Verbindung mit Gott. Aber wie verhält es sich bei Ahnungen?

Ich meinte im Beitrag Zum Ursprung der Inspiration, daß ihre Quelle andere Menschen seien, womöglich auch zukünftige, aber diese Auffassung wirft doch einige Fragen hinsichtlich temporaler Paradoxien auf.

Heute nun hat sich in mir die Vermutung gebildet, daß diese temporalen Fragen mit Déjà-vus zusammenhängen könnten. Ich hatte im Beitrag Platonic Remebrance spekuliert, daß ein Déjà-vu eine Art Hilfestellung aus einem vorherigen Versuch, ein Problem zu lösen, ist. Aber dieser Auffassung bin ich nicht wirklich, daß wir wiederholt versuchen, ein bestimmtes Problem zu lösen, also daß wir wieder und wieder unser Leben leben, bis wir den richtigen Weg durch es gefunden haben. Dennoch hatte ich etwas an den Situationen, in welchen Déjà-vus auftreten, erfaßt, was mich zu dieser Darstellung anregte.

Ich denke, es verhält sich damit so. Es gibt Situationen, an welchen wir eine fundamentale Bewandtnis erkennen, welche es mit ihnen hat, und wir senden diese Einsicht durch die Zeit zurück in die Vergangenheit, wo wir selbst und andere eine Ahnung von ihr gewinnen können. Sind wir selbst der Empfänger, so bleibt die Ahnung blockiert bis es zum Déjà-vu kommt, was diesbezüglichen temporalen Paradoxien vorbeugt, sind es andere, so muß sich die Bewußtwerdung der Ahnung als selbsterfüllende Prophezeiung in die Geschichte einfügen.

Beispielsweise hatte ich mein erstes Déjà-vu bei einem Spaziergang an einem Karfreitag vor ungefähr 24 Jahren an einer Stelle südlich der Holmer Sandberge. Ich meinte, mir eine bestimmte Frage schon einmal gestellt zu haben und auch keine Antwort auf sie gefunden zu haben. Es liegt nahe zu vermuten, daß ich die Beschäftigung mit dieser Frage ungeachtet ihrer einstweiligen Hoffnungslosigkeit für wesentlich hielt, und dies das Déjà-vu auslöste.

Also würde es ganz natürlich zustandekommen, daß ein Meer von derartigen Empfindungen der Wesentlichkeit durch die Zeit zurückströmt, und daß wir durch Hinwendung unseres Herzens womöglich bestimmte Eindrücke aus diesem Meer herausfischen könnten.

Freilich ist nicht jede Form transzendenter Telepathie von dieser Art, die funktionalen transzendenten Akte, beispielsweise, ereignen sich zwischen den Mitgliedern einer Gegenwart, aber wo die Zeit überbrückt wird, mag der dabei zu beobachtende Mechanismus der eben beschriebene sein.

Andererseits glaube ich, daß Gott allezeit alles wägt und den besten Weg vermittelt, indem Er bestehende Konflikte auf dem dienliche Weise auflöst. Nur würde es mich sehr wundern, wenn Er dabei mehr als allgemeine Ahnungen, etwa von Gefahr und Verderben, einsetzen würde, um Menschen in eine bestimmte Richtung zu treiben. Regelrecht persönliche Ahnungen scheinen mir dabei fehl am Platz.

Aber es gibt solche, Ahnungen, bei welchen man spürt, daß man einem Anderen gegenübersteht. Dieser Andere kann einem schrecklich und allzu mächtig erscheinen, wie es mir auch ein Mal begegnete, aber ist es darum Gott? Für gewöhnlich nehme ich einen freundlichen Anderen wahr. Wie soll man aber den Raum, welcher sich bei einer Offenbarung auftut, beschreiben? Die plötzliche Erkenntnis eines etwas, wo sonst immer nichts gewesen ist? Ist es letztlich vielleicht nur der Schrecken allzu großer und unerwarteter Nähe?

Nachdem ich am 26. Dezember 2004 mein Gebet gesprochen hatte, sprang mich das tadelnde Urteil einer protestantischen Entwicklungshelferin in ihren 50ern an. Da ist es fast ausgeschlossen, daß es auf andere als auf die oben beschriebene Weise an mich herangetreten sein könnte. Mir wurden die Folgen meines Gebets noch vor ihrem Auftreten klar. Diese Frau war mir nah, ich könnte immer noch ein Phantombild von ihr zeichnen lassen. Aber sie war mir nicht zu nah.

Es läßt sich wenigstens denken, daß einem ein Mensch so nah ist, daß man ihm nicht nur nicht ausweichen kann, sondern sogar so nah, daß er die Kontrolle über die eigenen Gedanken übernimmt, und diese Erfahrung ist als solche schrecklich.

Und was heißt es dann? Wenn ich die Worte Tariks Herrschaft hat begonnen. vernehme, also entschlüsselt Die Herrschaft des Morgensterns hat begonnen, wenn man das entschlüsselt nennen kann, nicht als Stimme, sondern als bloßer Gedanke, wenn der, welcher solches heißt, mir so nah ist, daß er meine Gedanken kontrollieren kann, was heißt es?

Wenn ich schon spekulieren muß, warum nicht klug? Muß es nicht heißen, daß ein Werkzeug gefunden wurde, eine Tür aufzustoßen? Daß es jemanden zukünftigen gibt, dessen Geist und Wesen durch mich einen Fuß in die Gegenwart setzen konnte? Als Teil der selbsterfüllenden Prophezeiung seiner Herrschaft, deren Ahnung zurück durch die Zeit vor ihr her zieht?

Die Lehre aus alledem wäre, daß nicht nur wir Gott die Augen für das uns Genehme öffnen, damit Er es uns werden lasse, sondern zugleich auch Er unsere Augen für das in unserer Richtung liegende, auf daß wir es suchen.

Alexius II starb im Gebet, und ich nahm es wahr. Eine Ahnung war es, aber mehr von der Art eines funktionalen transzendenten Aktes. Ich kannte das Gebet. Ich war passiv involviert, unintendiert. Dieses Gebet ist ja ein umstürzendes, und vielleicht muß sich jeder Betende dem Urteil aller Betenden unterwerfen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Wahrscheinlich sogar. Ich bin ja auch einem Vertreter meiner Widersacher begegnet.

Bei Ingo Swann und Alexander Grothendieck hingegen weiß ich noch nicht einmal, ob es eine Mahnung oder eine Ahnung war. War es eine Mahnung, so empfanden sie wahrscheinlich eine Ahnung. Jedenfalls dürften sich beide mit ähnlichen Gegenständen beschäftigt haben wie ich selbst. Mein Instinkt sagt mir, daß es sich um eine Frage der Verunreinigung handelte, wahrscheinlich von einem Geist im anderen induziert. Eine tiefe Störung der Ruhe durch einen Akt des Unglaubens. In jedem Fall wiederum mehr von der Art eines funktionalen transzendenten Aktes, mit anderen Worten ein unwillkürlicher solcher.

Post Scriptum vom folgenden Tag. Déjà-vus sind in der Tat Offenbarungen unseres Wesens, und die Annahme, daß eine zeitenüberbrückende Ahnung einem ein fremdes Wesen offenbart, eine gute.

Insbesondere war jenes zu nahe Wesen ein durch Betrauung herrschendes, wobei Es mich damit betraute, in Seinem Rahmen zu glauben.

Es gibt eine Erkenntnis des Dienlichen, des den Menschen dienlichen, und an sie ist die Erwartung desselben geknüpft. Glaube, welcher auf solche Weise befestigt ist, kann nicht durch menschliche Willkür erschüttert werden.

Dort also erahnte ich einen herrschaftlichen Geist, und warum ich? Weil ich glaube, und mir der Glaube wesntlich an meiner Existenz ist. Weil ich der Erkenntnis des den Menschen Dienlichen aufgeschlossen gegenüberstehe. Weil ich bereit bin, mein Leben der Behebung der Mißstände in diesen Dingen zu widmen. Mehr bedarf es nicht.

Jeder, dem sein Glaube wesentlich ist, weiß, was er in diesem Ringen gewinnt. Es bedarf keiner Versprechen, die Belohnung ist fühlbar und der Verlust des untätig Bleibenden ahnbar genug.

Ich werde die Auseinandersetzung nicht scheuen, welche zu hindern sucht, daß ich auf meinem Weg gehe, und mich zugleich über jede Gnade freuen, welche mir auf ihm noch zuteil wird.

Es gibt viele Anfechtungen, aber treffen tun sie nur da, wo man selbst den Kopf verloren hat.

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