Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

24. Juni 2014

Analyse der Versfüße

Es scheint, daß wir, wenn wir einen Text poetisch verstehen, in einer langen Silbe einen verstreichenden Augenblick sehen, und in einer kurzen ein zeitloses Thema.
  • Pyrrhichios (Bund). Zwei zeitlose Themen sammeln sich an.
  • Trochaios (Abschied). Ein Augenblick verstreicht und ein zeitloses Thema bleibt.
  • Iambos (Einhalt). Ein zeitloses Thema führt auf einen verstreichenden Augenblick.
  • Spondeios (Schleppe). Ein Augenblick verstreicht, und ein weiterer beginnt.
Das ist soweit sehr klar, und bei den viergliedrigen Versfüßen können wir uns auf den Standpunkt stellen, daß sie sich aus dem Zusammenkommen zweier zweigliedriger ergeben, wie wir es auch beim fünfgliedrigen Adonios tun, also
Schlöss' ich | die Augen,
das heißt, Adonios = Trochaios + Amphibrachys. Sein Verscharakter, welcher träumerisch ist, ergibt sich, wie er sollte, aus Abschied und Probe.

Was aber die dreigliedrigen Versfüße angeht, so müssen sie gesondert analysiert werden. Betrachten wir zunächst die dreigliedrigen Versfüße mit einer langen Silbe. Ihr charakteristisches Merkmal ist offenbar die Stellung dieser Silbe, wobei der Daktylos sozusagen eine Verschärfung des Trochaios ist und der Anapaistos eine des Iambos und der Amphibrachys beide sozusagen in sich vereint.

Grundsätzlich beschreiben dreigliedrige Versfüße aber nicht bloße innere Gedankenwechsel, sondern das Verhältnis des eigenen Erlebens zur Welt, so daß die Verschärfung also einmal als Flucht vor etwas und das andere Mal als Hingeführt Werden auf etwas verstanden wird und die Vereinigung als ein Herausnehmen.
  • Daktylos (Bann). Flucht vor einer Begegnung.
  • Amphibrachys (Probe). Sich die Zeit für eine Begegnung nehmen.
  • Anapaistos (Tusch). Hinleitung zu einer Begegnung.
Anmerkung. Der griechische Name Daktylos (Finger) stammt von seiner Verwendung im Hexameter her, in welchem der Daktylos aufmerksamkeitsheischend wirkt, indem er das Tempo der Rezitation verdoppelt. Es ist im Grunde genommen nichts poetisches am Hexameter, sondern es handelt sich schlicht um eine Rezitationstechnik, welche das Publikum befähigt, längeren Texten lauschend zu folgen. Seine akzentuierende Entsprechung verfehlt diese Wirkung und ist daher nicht mehr als eine modische Verirrung.

Betrachten wir als nächstes die dreigliedrigen Versfüße mit zwei langen Silben. Ihr charakteristisches Merkmal ist, an welcher Stelle eine lange Silbe fehlt. Dieses Fehlen bedeutet, daß wir etwas nicht verstehen können, und zwar entweder nicht das Prinzip oder das Zusammenkommen oder das Ziel eines Ablaufs.
  • Bakcheios (Auslauf). Ablauf nach unverstandenem Prinzip.
  • Kretikos (Konfrontation). Ablauf mit unvereinbarem Zusammenkommen.
  • Palimbakcheios (Einlauf). Ablauf mit verheimlichtem Ziel.
Bleiben nur lange oder nur kurze Silben in einem dreigliedrigen Versfuß. Die kurzen stehen dabei für die Konfrontation mit dem Faktischen und die langen für das Beharren auf der eigenen Sicht.
  • Choreios (Aufschluß). Die normative Kraft des Faktischen.
  • Molossos (Nachdruck). Die antinormative Kraft des Dickköpfigen.
Gut, kommen wir also zu den viergliedrigen Versfüßen.
  • Prokeleusmatikos (Schwall). Großer Bund.
  • Dispondeios (Konstanz). Lange Schleppe.
Bei der Verdoppelung des Trochaios und des Iambos kommt es zu einer psychologischen Irritation über die Verdoppelung von der Art, daß die ewige Wiederholung erwogen wird.
  • Ditrochaios (Weckruf). Ständiges Abschied nehmen.
  • Diiambos (Anker). Ständiges einhalten.
Beim Paion kommt es zu rhytmischen Effekten, welche über die bloße Bedeutung der beiden zweigliedrigen Teile hinausgeht. Wenn nämlich der zweite Teil ein Pyrrhichios ist, so wirkt die Abwesenheit einer langen Silbe in diesem Teil drohend, wobei im Falle eines Trochaios im ersten Teil die Drohung darin besteht, daß nichts mehr kommt, und im Falle eines Iambos darin, daß ein neuerlicher Iambos kommt.

Umgekehrt führt ein Pyrrhichios im ersten Teil dazu, daß die Abwesenheit von langen Silben als Normalität empfunden wird, wobei ein Trochaios im zweiten Teil überraschend wirkt und ein Iambos beschließend.
  • Paion 1 (Anschlag). Ominöser Abschied.
  • Paion 2 (Woge). Ominöser Einhalt.
  • Paion 3 (Schluckauf). Überraschender Abschied.
  • Paion 4 (Fazit). Beschließender Einhalt.
Betrachten wir nun Epitritos, Karikos, Podios und Monogenes. Ein Spondeios im zweiten Teil bewirkt eine Vorstellung eines steten Bemühens, wobei dieses im Falle eines Iambos im ersten Teil monoton erscheint und im Falle eines Trochaios unterbrochen. Ein Spondeios im ersten Teil bewirkt hingegen die Vorstellung einer steten Ansicht, welche durch einen Iambos im zweiten Teil nur außer Kraft gesetzt wird, um umso vehementer zu ihr zurückzukehren, während sie durch einen Trochaios für's erste fallengelassen wird.
  • Epitritos (Wiederholung). Einhalt zu stetem Bemühen.
  • Karikos (Fortführung). Abschied zu stetem Bemühen (Wiederaufnahme).
  • Podios (Aufzeig). Stete Ansicht zum Einhalt (Negation der Negation).
  • Monogenes (Schwebe). Stete Ansicht zum (vorläufigen) Abschied.
Als nächstes seien Antispastos und Choriambos betrachtet. Der erste ist nicht mehr als die zeitliche Abfolge seiner beiden zweigliedrigen Teile, beim Choriambos hingegen entsteht der Eindruck eines vorgetäuschten Abschieds, nicht, wie beim Podios, zur Negation der Negation, sondern zur Verhandlung (ein Satz, welcher, wenn ins Englische übersetzt, richtig lustig wird). Es steht hier also nicht fest, wie der beschließende Einhalt aussehen wird, wiewohl die Hoffnung im Raum steht, zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
  • Antispastos (Transit). Einhalt und wieder Abschied.
  • Choriambos (Offerte). Abschied vom Ungewissen, um es (hoffentlich) gewiß im Einhalt wiederzuerhalten.
Anmerkung. Es gibt eine schöne Gegenüberstellung im Deutschen für den Unterschied zwischen Podios und Choriambos, welche ich hier angeben möchte.
Siehst du es nicht? (genervt, Podios)
Meinst du es nicht? (zum Spiel auffordernd, Choriambos)
Und zuletzt den großen und den kleinen Ionikos. Der Pyrrhichios steht hierbei für äußere Umstände, welche zu berücksichtigen sind, und zwar im Falle ihres Folgens auf den Spondeios durch Unterlassung und im Falle ihres Voraufgehens auf den Spondeios durch Handlung, mit anderen Worten liegt die Initiative in beiden Fällen bei demjenigen, welcher den ersten Teil des vierfüßigen Verses belegt.
  • großer Ionikos (Geleit). Sich schleppen vor der Macht des Faktischen.
  • kleiner Ionikos (Anstoß). Sich schleppen nach der Macht des Faktischen.
Post Scriptum vom selben Tag. Um die Struktur der drei- und viergliedrigen Versfüße noch weiter zu verdeutlichen:
  • beim dreigliedrigen Versfuß steht die erste Silbe für einen zeitlichen oder logischen Ausgangspunkt, die zweite für eine zeitliche Erfahrung und die dritte für ein zeitliches oder logisches Ergebnis, wobei kurze Silben abstrakte Platzhalter darstellen, welche die den langen Silben entsprechenden Erfahrungen komplettieren, falls nur eine Silbe lang ist (die Erfahrung wird antipodisch verortet), oder gerade nicht komplettieren, falls nur eine Silbe kurz ist (die Abstraktion der fehlenden Erfahrung wird antipodisch verortet).
  • beim viergliedrigen Versfuß bilden erster Teil und zweiter Teil jeweils innere Gedankenwechsel, durch welche wir bestimmte Positionen in einer äußeren Entwicklung charakterisieren, wobei der erste Teil selbstverständlich der zeitlich vorangehende ist.
Bemerkungen:
  • beim Kretikos ist es genauer gesagt der logische Ausgangspunkt einer Besinnung, welcher vorgegeben wird, sowie das zeitliche Ergebnis ihrer Reflexion.
  • der Daktylos beschwört deshalb Angst vor dem Ausgangspunkt, weil alles Bestehende das fürchtet, von welchem das Neue ausgeht - die Quintessenz aller Tabus.
  • der große Ionikos fügt sich nicht gänzlich ins Schema, erster und zweiter Teil beziehen ihre Bedeutung aus dem Kontrast zum kleinen Ionikos.

Labels: , , , , , , ,