Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

3. November 2012

After the Thin Man (1936)

Falls Sie den Film nicht kennen, können Sie ihn sich beispielsweise hier ansehen.

Mich interessiert der Film aus folgendem Grund. Man könnte das Script fast unverändert für eine heutige Produktion verwenden, man müßte den Film nur gleichsam transponieren.

Wenn Nick Nora beispielsweise ihr Portemonnaie entwendet, damit sein Bekannter es ihr nicht stehlen kann, dann müßte sie dabei Oh, Nick! sagen, anschließend aber die Berührung ihres Hinterns nicht mit ihrem Verlust in Verbindung bringen. Dann ginge dieser Gag glatt durch.

Und wenn Nora später sagt: You wouldn't know them, darling, they are respectable people, dann müßte Nick halt nur heruntergekommen genug sein, im Sinne von gross, um auch diesen Gag zu retten.

Hollywood hat in der jüngsten Zeit ja eine ganze Garde von Komödianten hervorgebracht, welche sich darauf verlegt haben, gross zu sein und entprechende Filme, in welchen sie mitspielen.

Ich hatte es zuvor nie unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, aber wenn man diese Komödien neben After the Thin Man hält, fällt es einem wie Schuppen von den Augen, daß der Grund für diese groteske Würdelosigkeit darin besteht, daß man gerne Witze über Klassenunterschiede machen würde und im heutigen politischen Klima nur auf diese Weise machen kann.

Denn einerseits gibt es natürlich auch heute noch Klassenunterschiede, und nicht selten zwischen Mann und Frau der hier betrachteten Art, das ist ja eines der ältesten und stärksten romantischen Motive überhaupt, und damit auch ein Bedürfnis, sich über sie lustig zu machen, und andererseits würde jede offene Aussprache diesbezüglich sofort als Diffamierung geächtet werden.

Deshalb also bevölkern Hollywood's Komödien in letzter Zeit absichtliche Idioten, weil sie sich dafür entscheiden Idioten zu sein, darf man über sie lachen.

Natürlich ist das gar nicht der eigentliche Humor des Dünnen Mannes, welcher darin besteht, daß Nick und Nora oftmals so mit einander umgehen, als wären sie gar nicht da, das heißt, sie tun jeweils, was sie für richtig halten, ohne es mit dem anderen abzusprechen, was, wie ich finde, eine zeitlose komödiantische Goldader ist, aus welcher sich auch ein Großteil der Komik eines Mr. Bean speist, aber dieser Humor ist überall mit einem Klassenkontrast verbunden, welcher diesem Verhalten Plausibilität verleiht, wenn auch sehr zurückhaltend.

Dürfte man das Script anpassen, könnte man, um die Peinlichkeit absichtlicher Idiotie zu vermeiden, Nick und Nora auch schlicht unterschiedliche kulturelle Hintergründe geben, also Nora beispielsweise einen russischen im entsprechenden Exilantenmillieu. Das würde heute wohl noch erlaubt werden, wiewohl es freilich nur einen Randplatz im heutigen Kino einnehmen könnte.

Ausnahmsweise kommt es indes vor, daß auch ein unveränderter Witz noch einschlägt. Mein Lieblingsexemplar: I'm gonna be in bed at midnight, so... happy new year.

Und auf der anderen Seite gibt es Witze, welche man trotz aller Schutzmaßnahmen nicht retten kann, wie diesen - ausgezeichneten! - hier: You know, when it comes to words like that an illiterate person... - What do you mean, illiterate? My father and mother were married right here in the city hall! - You... Having good time, Mrs. Charles? - It couldn't be better.

Ausgezeichnet, weil er es schafft, die weiß Gott häufige leicht arrogante Belustigung so zur Sprache zu bringen, daß niemand etwas dagegen sagen kann, und genau deswegen unübertragbar auf den Fall, in welchem Nick ein absichtlicher Idiot wäre.

Denn wenn die Transposition ins Vorgebliche auch die seichten Sticheleien, welche stets zwischen Menschen stattfinden, ins politisch korrekte Klima zu retten vermag, so muß sie doch dort versagen, wo sich Humor und Würde berühren.

Nun denn, damit wäre der vorhandene Teig ausgewalzt.

Labels: , , ,