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22. Juli 2014

Rituelle Zurücksetzung gesellschaftlicher Zykeln

Im Rahmen der Beschreibung der tibeto-japanischen Kultur kam ich auf Feste zu sprechen, deren Grundgedanke in der Aufhebung der alltäglichen Ordnung besteht, nicht ganz unähnlich dem Karneval, aber blutrünstiger als dieser.

Ich meinte damals, daß diese Feste einen versichernden Einfluß auf Erregte hätten, da sie der Welt jener öffentlich Raum gäben.

Und das stimmt wohl auch, aber die Angelegenheit hat noch eine andere Seite, nämlich jene, welche sich aus dem Blickwinkel der Erwartenden ergibt. Für diese sind die Feste nämlich Warnungen davor, was passieren könnte, wenn sie darin erlahmen, den gesellschaftlichen Erwartungen nachzukommen oder jene verderben.

Wahrscheinlich ist in Dschingis Khan ein solches Zurücksetzen der tibeto-japanischen Kultur gegeben. Die gesellschaftlichen Erwartungen waren großteils verdorben, Gewalt brach sich Bahn, Tod und Schrecken heilte. Jedenfalls beschreibt die tibeto-japanische Kultur ihre eigene Erneuerung auf diese Weise. Wahrscheinlich aber, damit es gerade nicht dazu kommt. Die Zurücksetzung wird rituell im Kleinen vollzogen, damit die gesellschaftliche Ordnung um so länger bleibe.

Ich denke, im christlichen Raum verhält es sich analog. Weihnachten ist das Fest der kleinen Glaubenserneuerung. Und gerade dadurch, daß sich der Glaube im Kleinen erneuert, gewinnt die Gesellschaft Zeit bis zur Erneuerung ihres Glaubens im Großen. Es geht um Verjüngung.

In beiden Fällen ist die Traditionsgebundenheit der Erwartenden, aus welcher heraus sich die zu bannenden Probleme ergeben, doch handelt es sich um gänzlich verschiedene Probleme. Der tibeto-japanischen Kultur können Erwartende nie konservativ genug sein, und alles wird tendentiell immer nur immer schlechter, wohingegen sie der indogermanischen (christlichen) Kultur stets zu konservativ sind und ständig dazu angehalten werden müssen, sich dem Glauben von neuem zu öffnen, damit der Fortschritt sich entfalten kann.

Und entsprechend sehen die jeweiligen Riten aus, Mahnung und Demut. Sehen wir mal, wie es im Großen weitergeht.

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