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14. Dezember 2017

Qui tollis peccata mundi

Den Ursprung des Gedankens des Lamm Gottes im Pessachfest und letztlich in der Opferung Isaaks, als notwendiger Preis der weltlichen Behauptung des Christentums, behandelte ich bereits im Beitrag Osterlamm, aber das traditionelle abendländische Verständnis des Bildes ist doch ein anderes, weit seltsameres.

Mir ging gestern abend auf [Anm. d. Red.: Den Abend hier groß zu schreiben, machte ihn zum Subjekt des Aufgehens], daß eine Parallele zwischen Christi Jüngern im Garten Gethsemane und konservativen Christen in der heutigen Zeit besteht: beide würden dem Bedrohten ein notwendiges Leiden gern ersparen.

Und indem ich diesem Gedanken Raum gab, sproß in mir die Frage, ob dies nicht genau das abendländische Verständnis des Opfers Jesu ist, also daß aufgrund Seines Leidens das Leiden des Volkes überflüssig geworden sei.

Ich würde nicht sagen, daß dieser Gedanke biblisch ist. Ja, ich würde sogar sagen, daß dieser Gedanke Jesu und seinen Jüngern unverständlich gewesen wäre.

Richtig ist natürlich, daß Jesus den Anfang gemacht hat und die Ausschüttung des heiligen Geistes begründet, aber er hat die Christenheit nicht aus der Zeit gerissen. Er hat der Christenheit eine Entwicklung ermöglicht, und nicht jede Entwicklung für die Seinen überflüssig gemacht.

Eine Christenheit, welche sich als erlöste Menschheit versteht, und wichtiger noch als erlöste Menschheit verstanden wird, gleicht als Saatgut einer Zuchtsorte, welcher der Boden bereitet werden muß, damit sie gedeihen kann.

Sie erfüllte ihr Programm. Sie wäre nicht bloß Herde, sondern Nutzvieh, selbst wenn der Nutzen in geretteten Seelen bestünde, denn was Rettung bedeutete, stünde a priori fest, wie jede andre Art von Gewinn, für welchen Nutzvieh gehalten wird.

Es ist wohl so mit jedem Gedanken, daß er seinen Ursprung, den Zweck, welchen er verfolgt, verlieren kann, und beginnt phantastische Blüten zu treiben, dem Gestaltungswillen auf freier Bahn folgend:

Der gute Hirte fühlt mit seiner Herde - sein Paradies sucht er nicht in ihr.

Es herrscht hier der eigenartigste Gegensatz zwischen Idealismus und der Bereitschaft, das Leben zu erfahren, einerseits und Pragmatismus und der Hoffnung, sich ein Paradies aus einem Regal wählen zu können, andererseits.

Erstere riskieren ihr Gut, um zu sehen, in welchem Rahmen Gott ihre Mühen vergilt, letztere strecken sich nach der Decke, um ihr Stück vom Kuchen abzubekommen, und alleine schon die Gestanztheit der Formulierungen, mit welchen sich diese Lebenswahlen ausdrücken lassen, verrät, in was für einer Welt wir leben.

Deshalb sieht auch niemand das Ende: Weil niemand den Prozeß versteht, der sich im Ende vollzieht. Wäre ihnen bewußt, daß sie Wurzeln in die Welt treiben müssen, um Nährstoffe für ihr Leben zu finden, so wäre ihnen eine Zeit der Verlorenheit vorstellbar, nur... das ist ihnen nicht bewußt.

Und doch, es ändert nichts, die Notwendigkeit bleibt, ihre Blindheit beschleunigt die Ablösung, und die entstehende Verlorenheit wälzt sich vom Grund an die Oberfläche der Verhältnisse und öffnet ihnen die Augen (ihre Augen, welche sie bei allen Träumen, welche sie träumen, fest geschlossen halten).

Und Jesus Christus ist nicht gestorben, um ihnen das zu ersparen. Allenfalls lebte und starb er, um ihnen das zu erleichtern. Und doch... viel scheint er unter den Heutigen nicht bewirkt zu haben, wobei... manchmal, wenn einer von einer Dunkelheit in eine andere rennt, kommt er dem Licht vag geahnt näher.

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