Bereitschaftsbeitrag

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6. Dezember 2017

Verantwortung vor der Zeit

Verantwortung ist keine Frage von Zuständigkeit, sondern eine Frage von Möglichkeit und Angelegenheit.

Wenn zum Beispiel ein Jäger auf nächtlicher Jagd einen feindlichen Trupp in Richtung seines eigenen Dorfes marschieren sieht, so liegt die Verantwortung für das Leben seiner Mitbewohner womöglich allein in seinen Händen: Nur er wird sich womöglich jemals fragen, warum er sich so entschieden hat, wie er sich entschieden hat.

Das Interessante an einer Versammlung freier Menschen ist, wie sie im allgemeinen Austeilen lernen, sich auf das ihre zurückzuziehen, und insbesondere gilt das auch für das Gebet: Der Grund, warum man nur selten Wunder sieht, ist, daß Wunder insgesamt gesehen beschwerlich werden.

Wenn ich nun wüßte, wie sich die Zeiten formten, wie sich die Seelen ausrichteten, gleich Spänen im Magnetfeld, und mir die Menschen angelegen wären, dann wäre es womöglich ganz alleine meine Verantwortung, sie zu retten, wenn sie dereinst an das Ende ihrer Polung gekommen sein würden.

Alles, was ich zu tun bräuchte, wäre, in einem Buche weiterzuleben, alle Wahrnehmungen, welche mich bestimmten, zu vermitteln, und wer es läse, gliche sich mir durch die zunehmend geteilten Wahrnehmungen zunächst an, und schließlich erkennte er mich.

Und genau das wurde auch getan.

Eine der aus meiner Perspektive komischsten Erscheinungen der Gegenwart ist die unreflektierte Annahme, daß die bestehenden Verhältnisse im Großen und Ganzen fortbestehen würden, also daß sich Änderungen als Ergänzungen vollzögen. Daß der Mensch frei ist und in Freiheit bestehen kann und aus dieser Freiheit heraus seine Belange von Grund auf neu ordnen kann, liegt jenseits der Vorstellungskraft der Meisten.

Nochmal, was ist Eudaimonie?

Der Junge atmet den Duft der Welt, der Alte seine Überzeugungen.

Wollt ihr denn wirklich wie King Lear enden? Von jäh aufsteigenden Fetzen der alltäglich wiedergekäuten Meinungen beherrscht?

Denn genau das blüht euch. Pythagoras empfahl, sich jeden Abend die Erfolge und Verfehlungen des Tages vor Augen zu führen, und sich das Rechte klar zu machen, um selbst klar wie ein Stern am Firmament zu werden. Ich halte nichts von Selbstgestaltung, die Ahnung führt einen weiter als der Plan. Aber mit der Zeit wird auch der Geschmeidigste starr, und bis dahin sollte er hinreichende Klarheit erreicht haben.

Die Griechen fragten sich nach dem höchsten Gut dabei. Das höchste Gut dabei ist, daß man als also erstarrter Greis untadelig ist - der sokratische Standpunkt. Gerade durch die Leichtigkeit, mit welcher man die eigene Starrheit akzeptiert, entkommt man ihr, leben die eigenen Überzeugungen fort.

Aber manchmal gibt es auch etwas zu tun.

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