Bereitschaftsbeitrag

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2. Dezember 2017

Verschreibung im I Ching und Spiritualität

Ich leide zur Zeit an einer schlimmen Gastritis, das gestrige Mittagessen muß schlecht gewesen sein. Wie auch immer, das unangenehme Thema des vorigen Beitrags wählte ich bereits zuvor. Und da es mir nun eh schlecht geht, sollte ich vielleicht die Gelegenheit ergreifen, es noch ein wenig auszuwalzen.

Den reichsten Fundus meiner Bekanntschaft mit meinen Mitmenschen stellt zweifellos meine Studienzeit dar, und mir sind meine damaligen Eindrücke auch frisch im Gedächtnis erhalten geblieben.

Wie gesagt bewegten mich meine Bekanntschaften im Großen und Ganzen nicht, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Aber es gab durchaus Unterschiede: Während ich die Entscheidungen mancher als zwar verständlich, aber nicht ratsam betrachtete, waren mir die Entscheidungen anderer gänzlich fremd. Ein genaueres Verständnis dieser Unterschiede hätte ich aber nie gewonnen, wenn das I Ching sie nicht in den unteren acht Trigrammen erklären würde.

Das (deutsche) universitäre Umfeld ist ein pharisäisches Umfeld, das heißt, daß man in ihm die Hexagramme der Herrschaft der Abgemessenheit vorfindet. Um die Herrschaft geht es hier aber nicht, sondern um die Beherrschten.

Als erste Gruppe möchte ich dabei die sich um die Fundamentlegung der Sorge, also um eine neue Richtschnur Bemühenden betrachten. Das untere Trigramm ist bei jenen der See, das obere universitätsbedingt der Wind, das gesamte Hexagramm also Das Angestoßene.

Es handelte sich bei dieser Gruppe um eine Gruppe von Mathematikstudenten, welche Bekanntschaft mit den inneren Strukturen der Fachschaft gemacht hatten und sich dazu entschlossen hatten, sich unterwürfig einzugliedern. Ich verstand ihren Wunsch, sich einzugliedern, aber mir mißfiel die Bereitschaft, mit welcher sie die Initiative über ihre eigene Entwicklung aus der Hand gaben.

Ehrlich gesagt betrachtete ich sie als Schwächlinge. Sie hatten für sich einen Weg ins Heiligtum gewählt, aber als bloße Tempeldiener. In ihnen mochte wohl ein göttlicher Funke stecken, aber sie gaben ihm nicht Gewalt über sich.

Übrigens, auch wenn dies nicht direkt zum Thema gehört, so ist es doch aufgrund seines Auftretens naheliegend, es an dieser Stelle zu behandeln: Nicht wenige Studentinnen bringen es fertig, sich als Personifikation zur Zugehörigkeit zu den inneren Strukturen der Fachschaft zu stilisieren, ganz einfach, weil ihnen die besagte Unterwürfigkeit im Blut liegt und sie auch sonst gerne in den verschiedenen Zusammenkünften gesehen werden, so daß sie in der Folge also einen Teil der Unterwürfigkeit der sich den Strukturen der Fachschaft unterwerfenden Studenten auf ihre Person abzweigen können.

Wie ekelerregend das genau ist, wird durch den Grad der Ausschließlichkeit bestimmt, zu welchem es der betreffenden Studentin um diese Personifikation geht. In der Fachschaft Informatik stieß ich auf ein Exemplar, das genauso gut auf den Strich hätte gehen können.

Indes, um hier keine Verwirrung zu stiften, muß ich betonen, daß der Mangel an Initiative, welchen ich an der genannten Gruppe rügte, ein bloßes Symptom ist, und eine Frau also nicht aus ihrem angeborenen Mangel an derselben heraus zu jener Gruppe gehörte. Es handelt sich bei den Mitgliedern dieser Gruppe um vorsichtige und ungewisse Menschen, welche glauben, durch die Aufgabe ihrer Initiative mehr zu gewinnen als zu verlieren.

Und ich selbst habe mich auch schon freundlicher über sie geäußert (vergleiche Die Schicksalsvorhersage für morgen), da ich glaube, daß sie unter leicht veränderten Bedingungen gewiß würden, und also unter das untere Trigramm Der Berg fielen.

Von dieser Sorte gibt es also einige heutzutage, und auch wenn sie mein Herz einstweilen nicht bewegen, bergen sie doch etwas Potential.

Welche Typen, und insbesondere welche Studenten, gibt es heute noch?

Der zweite Studententypus, welcher mir in den Sinn kommt, ist der Karrierebastler, zu welchem ich ursprünglich auch zählte. Es handelt sich bei ihm um der Schule entwachsene Jugendliche, welche versuchen, sich die Grundlagen zu verschaffen, um sich später in der Welt einzurichten, sich also um die Erneuerung ihrer heimatlichen Verbundenheit bemühen, womit ihr Trigramm Der Wind ist, und ihr vollständiges universitäres Hexagramm Das Durchdrungene.

Ich muß allerdings dazu sagen, daß ich nur deshalb unter diese Klasse fiel, weil ich mich selbst aufgegeben hatte und mit dem Strom schwamm.

Das I Ching spricht von dieser Klasse als einer verwirrten und schließlich im doppelten Sinne enttäuschten, aber das gilt nur für die tatsächliche Herrschaft der Abgemessenheit und nicht für ihre bloße Herrschaft an Universitäten.

Indes, der Teil mit der Verwirrung stimmt. Der Karrierebastler kommt verwirrt an die Universität und die Universität verschlimmert seine Verwirrung. Doch dann macht er ja seinen Abschluß und geht andere Wege. Typisch ist indes ein gewisses Erwachen in dieser Zeit, nämlich das Erwachen zu der Einsicht, daß Wissenschaft gemacht ist, und dem beginnenden Verständnis dessen, wie sie gemacht wird, was ihm immerhin eine gewisse intellektuelle Reife verleiht.

Karrierebastler glauben der Doktrin der notwendigen Modernisierung aller Verhältnisse, welche ihnen von Kindesbeinen an gelehrt wird. Denn so ist es ja: Unsere Kultur verteidigt keineswegs die Werte, auf welche sie sich gründet, sondern vielmehr das Prinzip der Anpassung, was eingedenk der Tatsache, daß die Herrschaft der Unvernunft in Revolutionen voranschreitet, auch vernünftig ist.

Sie sehen sich also in der Pflicht mitzuhalten, welche keinen Raum für prinzipielle Erwägungen läßt. Und letztlich sind alle ihre Werke Schaum.

Wen haben wir noch neben Tempeldienern und Karrierebastlern in meßbarem Umfang an deutschen Universitäten?

Als drittes tritt mir der abgeklärte Typ vor die Augen, welcher genau weiß, was er will; im Normalfall, weil seine Eltern bereits dasselbe studierten.

Sein Trigramm ist der Himmel, und das vollständige universitäre Hexagramm ist das Aufklarende.

Der Text dieses Hexagramms deckt sich nicht ganz mit der universitären Wirklichkeit, und zwar deshalb nicht, weil die Herrschaft der Professoren keine erdrückende ist. Statt arroganter Verachtung findet man an Universitäten milde Herablassung auf Seiten der Abgeklärten. In ihrem Leben mag zwar Platz für Gott sein, aber nur in einer für sie von vornherein feststehenden Beziehung, an deren Definition Gott, jedenfalls soweit sie es selber erfahren haben, keinen Anteil hat. Sie fügen sich also in ihre diesbezüglichen Pflichten und definieren sie nicht aus innerem Antrieb heraus.

Und auch der Typ der Hohlbratze ist wohl in meßbarem Umfang an (deutschen) Universitäten vertreten. Sein Trigramm ist die Erde und sein vollständiges universitäres Hexagramm das Schweifende.

Hier handelt es sich um jene schlichten Studenten, welche jeden professoralen Mist in blindem Glaubenseifer nachahmen. Selbstverständlich finden sich in der Fachschaft Mathematik kaum welche, aber ganz wird auch sie nicht verschont.

Das Hexagramm Das Geduckte beschreibt den erschrockenen Rückzug ins Private, was an der Universität den Studienabbrechern entspricht, über welche ich naturgemäß nicht viel sagen kann.

Bleiben also die drei sich den unterschiedlichen Seelenteilen verschreibenden Hexagramme, welche es an den Universitäten heutzutage eben so gut wie überhaupt nicht gibt.

Das Bedrängte, der Berg im Wind der universitären Lehren, das Zerstreute, das von ihrem Wind über den Abgrund Getragene, also jene Studenten, welche dem Fortschrittsversprechen glauben, und das Beflügelte, die Genies, welche jeder Professor für sich gewinnen will.

Die Studenten der ersten Art taugen zur Übersicht und planmäßigen Erweiterung der Theorie, die der zweiten Art zur Entdeckung neuer Möglichkeiten und die der dritten zur Lösung vorgegebener Probleme.

Das sei aber nur der größeren Klarheit halber gesagt, damit wir wissen, wovon wir reden. Entscheidend für mich ist, daß jene drei an etwas glauben, und zwar genauer gesagt in entsprechender Reihenfolge an die göttliche Ordnung, die göttliche Gunst (Gewogenheit, daß Gott sie bedenkt) und den göttlichen Beistand, worin die Spiritualität der Sorge, Achtung und Lust liegt, also daß wir unserer Seele erlauben, uns zu leiten.

Und solcher gibt es vielleicht Einen unter einer Million.

So steht es. Wenn ich es recht bedenke, habe ich ein absurdes Maß gelitten und mich abgemüht, nach den Maßstäben jener, welche in der Welt nach Beweggründen suchen. Aber hier scheiden sich die Wege eben, faktisch. Der Fakt des Mangels der Verschreibung ist in der Welt, und er wird sie richten.

Ich weiß, welche Menschen vor mir stehen, ich weiß es schon lange. Die Zeit wird kommen, wann sie es sich selbst durch ihre Handlungen bewiesen haben werden. Und wahrscheinlich schon bald.

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