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24. Juni 2026

Zur Zweinaturen- oder -substanzenlehre

Das Problem der Konzeptualisierung Christi als wahrer Mensch und wahrer Gott besteht darin, daß er sich selbst als solcher verstanden haben müßte, und es nicht vorstellbar ist, wie jemand wahrer Mensch bleiben kann, nachdem er erkannt hat, daß er der wahre Gott ist.

Natürlich behauptet Christus das auch gar nicht von sich selbst, und unterscheidet beispielsweise das, was er will, von dem, was Gott will, und Johannes sagt von ihm, daß er den Vater an dessen Brust verdeutlicht hat.

Deshalb ist es auch notwendig, daß Johannes klarstellt, daß die Kinder Gottes es durch den heiligen Geist sind: Alles, was er in den ersten 18 Versen des 1. Kapitels seines Evangeliums sagt, dient dazu, die spirituelle Realität oder Metaphysik Gottes nachvollziehbar zu machen, um phantastischen Projektionen vorzubeugen, welche einen Affront gegen die Ahnung der Natur Gottes darstellten.

Freilich kann sich die Kirche herausreden, indem sie beispielsweise sagte, daß Christus als wahrer Gott erkannt hat, daß er als wahrer Gott genau auf diese Weise unter den Menschen wandeln will, aber wozu steigen dann noch Engel zu ihm herab und von ihm auf? Oder sie zieht sich gar darauf zurück, daß Gott in seinen Geschöpfen gegenwärtig ist. Rein logisch betrachtet wird die Luft, in welche die Advokaten der unterschiedlichen Auffassungen ihre Argumentationen sprechen, sehr bald zu dünn, um die Unterschiede zu übermitteln.

Die Evangelien enthalten dergleichen nicht, aber sobald die Kirchenväter den Stoff in ihre Finger bekamen, drehte sich für sie alles um Substanzen und Naturen und die substantiellen und natürlichen Unterschiede, zunächst in der Person Christi, aber untrennbar damit verbunden auch unter den Menschen allgemein.

Was ich meine ist dies: Wenn Christus eine subjektive Denkunmöglichkeit darstellt, das heißt, wenn sein Bild ein solches ist, daß es niemand an sich selbst wiedererkennen kann, weil es im Widerspruch zur Beziehung des Menschen zu Gott steht, ein Widerspruch, welcher sich in den Evangelien gerade nicht findet, aber eben in der Zweinaturen- oder -substanzenlehre, so wird die Beziehung zu Gott dadurch entweder
  • aufgehoben, indem der Mensch seine Göttlichkeit an Christus abtritt, oder
  • sie gerät in Feindschaft zu jenen, welche sie auf diese Weise aiufzuheben gedenken.
Letzteres läßt sich nur dadurch verhindern, daß die angemaßte Autorität der Erwartungshaltung Gott gegenüber genügt, in welchem Falle auch eine autoritätsachtende Inspiration auftritt, da
  1. Gott nichts an ihr auszusetzen hat und
  2. die Achtung sie hinreichend von der Göttlichkeit Christi unterscheidet.
Mit anderen Worten besteht die Funktion der Zweinaturen- oder -substanzenlehre darin, die Christenheit zu Richtern der Christoähnlichkeit ihrer Autoritäten zu machen, anstatt sich Christus selbst zum Vorbild zu nehmen, wodurch in gewisser Weise die Göttlichkeit des Kaisers fortbesteht - entscheidend ist ja nicht, daß er als Gott verehrt wird, sondern, daß Gott durch ihn und nicht durch die Gehießenheit seiner Untertanen die Welt gestaltet, wobei sich beides durchaus vereinbaren läßt, jedoch der Gestaltungsanspruch des Kaisers den Vorrang hat.

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