Bereitschaftsbeitrag

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29. Januar 2014

Träumen und Wachen

Es ist schon seltsam, ich bin beim Träumen ganz derselbe, nicht nur allgemein, etwa in Form einer persönlichen Handschrift bei der Traumgestaltung, sondern bis in die letzten wachen Taten hinein, welche sich beim Träumen analog fortsetzen.

Es gibt Tage, da suche ich geradezu diesen Zustand, in welchem ich mir meine Träume um die Ohren haue. Es scheint, wenn man es aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet, ziemlich bescheuert. Der Wille, sich, unter Träumen zusammenzuckend, im Bett herumzuwälzen.

Ich habe kein Problem mit der Erklärung, daß unser Gehirn das nun einmal braucht, aber ich möchte die Gelegenheit nicht verpassen, mich dessen ungeachtet ganz naiv mit dem Phänomen zu befassen.

Ist es vielleicht Trotz? Endlich einmal selbst darüber entscheiden zu können, was einem widerfährt?

Aber wie entscheide ich da? Manchmal verhöhne ich mich, manchmal gönne ich mir Auslauf, manchmal wiederhole ich krampfhaft Fetzen des vorangegangenen Tags. Was spiegelt sich darin?

Nun, letzteres ist kaum Schlaf zu nennen, erquicken tut es jedenfalls nicht sonderlich, und doch zeigt sich auch in ihm das Charakteristische des träumenden Geistes, das Abreißen des Fragens, das Hervorquellen der Eindrücke.

Das Fragen blendet die Eindrücke aus, schafft die Ruhe der Erwägung, aus welcher heraus wir entscheiden, indem es wissen will, was uns begegnet und was wir seinetwegen tun wollen.

Die Frage stirbt, der Traum beginnt, unser Verstand räumt das Feld, unser Ich bricht zusammen. Es bricht zusammen, aber etwas ist immernoch da.

Wir lassen das Träumen geschehen. Wir treffen noch Entscheidungen, aber wir erwägen sie nicht. Und manchmal setzt sich dieser Zustand noch für ein paar Augenblicke fort, nachdem man bereits wieder von seinen Gliedmaßen Besitz ergriffen hat. Dann bewegt man für diese paar Augenblicke seinen Körper nach der Logik des Traums. Aber glücklicherweise hält das ja nicht an.

Indes zeigt es, wo die eigentliche Grenze verläuft, im Ausblenden phantastischer Eindrücke und in der Zügelung des Verstandes zum Zwecke der Erwägung liegt das Wachen.

Wahrscheinlich ist beides dasselbe, man schiebt etwas zwischen Verstand und Anschauung, nun ja, technisch gesehen gerade die Erwägung.

Sie fällt schlicht aus. Und wir können sie quasi stützen, wie wir unseren Kopf stützen können, wenn sie nicht mehr aus eigener Kraft hervorsprudelt.

Habe ich damit erklärt, warum die phantastischen Eindrücke ausbleiben? Nun ja, wenn erwägen heißt, sich auf einen bestimmten Eindruck zu konzentrieren, dann schon.

Ohne diese Konzentration erfolgt die Entscheidung diffus auf alle möglichen Eindrücke. Und darin liegt das Träumen.

Aber was soll man von ihm halten?

So, wie es sich jetzt darstellt, wäre es natürlich zu vermuten, daß es gerade um das diffuse Entscheiden geht, als eine Art Alternative zum konzentrierten oder gar als seine Korrektur.

Doch das ist wieder sehr technisch, funktional gedacht, der Verstand traut seiner eigenen Konzentration nicht und behält sich vor, alle Eindrücke noch einmal frei zu assoziieren.

Das allerdings läßt sich auch spüren, im Träumen liegt eine gewisse Wildheit, eine gewisse Anmaßung, das trifft es besser als Trotz, eine gewisse Besserwisserei.

Aber diese Besserwisserei spielt sich in einem rein imaginativen Bereich ab - und muß es natürlich auch.

Sagt das so auch etwas über uns aus?

Ein Teil von uns, unser Verstand genauer gesagt, ist rastloser und produktiver als es uns im wachen Zustande scheint. Der eigene innere Monolog ist wahrscheinlich nichts anderes als ein schwacher Schatten dieser Natur.

Wahrscheinlich macht es keinen Sinn, diese Natur zu verteufeln, aber gut ist sie auch nicht, sie ist tierisch, genauso unverzagt, wie die ständige Suche nach Nahrung. Ja, ich würde sagen, daß das die einzige Weise ist, die Tiere zu verstehen, sich seine eigene Rastlosigkeit im Träumen zu verdeutlichen.

Nicht, daß Tiere durchgehend träumen würden, sie erwägen, aber ihre Erwägung ist ungleich leichter als unsere.

Nun gut, ich denke, ich kann's dabei bewenden lassen, die Wahrheit der Vernunft liegt im Wachen, die Wahrheit des Verstandes im Traum.

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