Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

5. November 2014

Die Entwicklung der Kriegsführung im letzten Jahrhundert

Mir stellt sich die Sache so dar.
  1. Erster Weltkrieg. Krieg zwischen Nationalstaaten unter weitestgehender Aussparung von Zivilisten.
  2. Zweiter Weltkrieg. Krieg zwischen Nationalstaaten unter Einbeziehung der Zivilbevölkerung.
  3. Kalter Krieg. Bürgerkriege zwischen von außen ideologisierten und bewaffneten Parteien.
  4. Krieg gegen den Terror. Bürgerkriege im Schlepptau von außen unterstützter krimineller Banden.
Eng damit verbunden ist die Frage des Waffenexports.

In hinreichend gefestigten Nationen lassen sich die Operationen 3) und 4) nicht so ohne weiteres durchführen, wiewohl es natürlich versucht werden kann und es generell um so leichter wird, je langfristiger die Ziele gesteckt werden.

Eine hinreichend gefestigte Nation begibt sich nur nach Abwägung ihrer nationalen Interessen in den Kriegszustand. Und in einer Welt hinreichend gefestigter Nationen hat der Waffenexport darum eine stabilisierende Wirkung: Keine Nation will, daß eine andere mächtiger wird, also wird stets der Verteidiger besser versorgt werden.

Wenn Nationen hingegen nicht hinreichend gefestigt sind, so ist es möglich, sie durch angezettelte Bürgerkriege zu schwächen. Und im Gegensatz zur Nation als ganzer darf die unterstützte Gruppe dabei auch dann mit besserer Versorgung rechnen, wenn sie der Aggressor ist, einzig vorausgesetzt, daß die betreffende Nation durch den angezettelten Bürgerkrieg mit hinreichend großer Sicherheit geschwächt wird. Waffenexport hat hier also eine destabilisierende Wirkung.

Dieses Umschlagen der Rolle des Handels mit Waffen ist ein gutes Beispiel für die Phrase: the bottom drops out, deren Bild hier fast anschaulich paßt.

Internationale Sicherheit ist nur zwischen Akteuren möglich, welche ihren eigenen Laden zusammenhalten können. Sind sie dazu nicht in der Lage, bietet es sich an, sie in regelmäßigen Abständen in die Knie zu zwingen.

Man stumpft ab, wenn man zu oft den Spruch Früher war alles besser. hört, umso wichtiger aber ist es dann zu sehen, was fortwährend schlechter wird. Übrigens spielt der Übergang von 1) zu 2) für das weitere Fortschreiten durchaus eine Rolle: Durch das direkte Leiden der Zivilbevölkerung unter den Kriegsfolgen sucht sie selbstverständlich eine größere Distanz zu dem Staat, welcher sie nicht hinreichend schützen konnte, und das lockert seine politischen Verhältnisse, nicht während des Krieges, aber später in der Reflexion.

Und was den Übergang von 3) zu 4) angeht, ganz einschneidig ist er nicht, denn kriminelle Gruppen treiben nicht so tiefe Wurzeln wie ideologische Parteien, aber andererseits sind sie keinem inneren Rechtfertigungszwang unterworfen. Es mag also sein, daß sich ein Staat schneller von ihnen erholt, andererseits aber lassen sie sich universeller einsetzen. Und ganz sicher ist ersteres auch nicht, denn unter Umständen nehmen sie weniger Rücksicht auf seine Infrastruktur, Pol Pot ist diesbezüglich ja erwiesenermaßen eine Ausnahme.

Wenn ich es so bedenke, ein Zyniker mag von 1) bis 4) eine stete Verbesserung sehen, da der Krieg schrittweise alles Heroische verloren hat und also immer weniger Menschen anspricht. Andererseits ist in dieser Sichtweise bereits enthalten, daß man Menschen am besten wahllos abschlachten sollte, da sie doch nur sozial schädliche Gedanken im Kopf haben.

Wer dem Menschen hingegen die Herrschaft über seine eigenen Angelegenheiten wünscht, wird zugeben müssen, daß dieses im letzten Jahrhundert immer schlimmer wurde, und daß er heute oftmals nicht mehr ist als das Stück Fleisch, welches der verbesserten Ausbeutung der in seinem Namen verwalteten Ressourcen im Wege steht.

Es sind eigentlich nur noch zwei schlimmere Zustände denkbar, nämlich daß er damit rechnen muß, seines privaten Besitzes wegen angegriffen zu werden und schließlich buchstäblich seines Fleisches wegen.

Ich glaube aber nicht, daß wir den Schritt zur offenen Räuberbande noch tun werden, vom Schritt zur Kannibalenbande ganz zu schweigen. Unser Absturz ist auf seinem Boden angelangt. Hier werden wir bleiben, bis wir verstanden haben, wo wir uns befinden.

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