Bereitschaftsbeitrag

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6. November 2014

Herr Nuhr hat die richtige Gesinnung

Welch beruhigende Nachricht. Und ausgerechnet Staatsanwälte sind die Autoritäten auf diesem Gebiet.

Nun, neu ist das Phänomen nicht, einst drohte sogar der Schierlingsbecher, doch diese Konstanz wirkt verstörend, wenn man den Wandel im Übrigen bedenkt.

Um Schaden von der athenischen Jugend abzuwenden, wurde Sokrates zum Tode verurteilt, und dieser Urteilsspruch ist nachvollziehbar: Wo Gewißheiten den gesellschaftlichen Bau begründen, können Fragen seine Sicherheit gefährden.

Heute haben wir ein gutes Dutzend Sicherungssysteme, welche vorangegangene Ausfälle auffangen, im alten Griechenland dürfte weit mehr davon abgehangen haben, daß die Verantwortungsbeauftragten ihren Aufgaben gewachsen waren.

Und deshalb stören wir uns heute auch nicht mehr an dem, woran sich die Griechen einstmals störten, nämlich an einer etwaigen Schädigung der Jugend.

Was aber ist Gesinnung dann?

Natürlicherweise sollte man darunter doch einen Ansatz verstehen, welcher der eigenen Haltungsgestaltung zu Grunde liegt.

Nur daß unser Staatswesen eben überhaupt kein Interesse an einer greifbaren Haltungsgestaltung hat.

Zugegeben, Herrn Nuhr wurde staatlicherseits bescheinigt, nicht die falsche Gesinnung zu besitzen, und damit wäre dieses Rätsel gelöst, aber damit ist die eigentliche Frage, was uns heute Gesinnung bedeutet, nicht vom Tisch.

Denn es nicht so, daß es nur die eine falsche Gesinnung gäbe, den einen falschen Ansatz, welchen man nicht sehen wollte, also davon auszugehen, daß man selbst aufgrund seiner spezifischen charakterlichen Eigenschaften anderen Menschen überlegen ist und seine Haltung entsprechend anpaßt, was konkret auf ungleiche Bevorzugung und Herabwürdigung hinausläuft, aber auch auf ein ernstliches Bestreben, die eigene Überlegenheit zu beweisen.

Ginge es um ihn und nur um ihn, würde man ihn ausbuchstabieren und bei seinem Namen schmähen, aber das tut man nicht, denn allzu offensichtlich ist er so ungewollt nicht, vielmehr das, worauf das Staatswesen vorrangig vertraut.

Freilich, man könnte weitersuchen, ob man nicht noch das passende fände, aber wie könnte es einer Gesellschaft um etwas gehen, welches sie nicht klar erfäßt?

Was aber wird an Herrn Nuhr klar erfaßt?

Nuhr ist ruhig, gutwillig, sozusagen. Jedenfalls erweckt er den Anschein, als ob er mit jedem gerne ein Bier tränke.

Ich könnte in diesem Beitrag selbstverständlich auch über die sozialen Folgen einer derart bescheinigten unbedenklichen Gesinnung schreiben, aber das ist so interessant nicht. Nein, vorrangig interessiert die Selbstversicherung, welche die deutsche Gesellschaft daraus bezieht, keine Ängste oder Überspanntheiten zu besitzen.

Es zeigt sich ja auch an anderer Stelle, etwa wenn dem Dalai Lama echte Spiritualität zugestanden wird.

Verkrampft entspannt trifft es wohl. Darauf beruht auch das Spiel: Spot the German! auf Urlaubsphotos.

Die richtige Gesinnung ist in gewisser Weise bereits kraft ihrer eigenen Existenz unerreichbar, nur wer die öffentliche Anstrengung überhaupt nicht versteht, kann sie besitzen. Die falsche ist der Schuh, welchen man sich anzieht, wenn man die richtige anerkennt: Na, dann ängstigt mich das halt! Na, dann bin ich da halt etwas überspannt! ist der einzige Ausweg.

Aber offensichtlich bereit es den Deutschen enorme Schwierigkeiten, auf ihm herauszufinden.

Warum ist das so?

Ich denke, die Wahrheit ist, daß die falsche Gesinnung konstitutiv für die Deutschen geworden ist, wer nicht um die richtige ringend in der falschen verharrt, gehört nicht mehr dazu. Würde Herr Nuhr glaubhaft versichern, daß er die Unruhe der Menschen um ihn herum nicht versteht, nicht nachvollziehen kann, wär's das mit ihm. Er spielt den Psychotherapeuten, indem er diese Unruhe ins Lächerliche zieht, sehr zum Gefallen derer, welche sie zu überwinden trachten. Wäre er wirklich ein Therapeut, würde er ihr ihre Würde zurückgeben, indem er ihren Sinn und Zweck erklärt und damit die Beschäftigung mit ihr der Lächerlichkeit preisgeben.

Doch, wiederum, warum?

Masochismus ist es nicht. Das Verhalten ist irgendwie mädchenhaft. Jeder, der nicht dazugehört, wird angehimmelt. Unter einander besteht aber eine klare Hackordnung. Man wartet wohl auf den Prinzen, jemanden, dessen Geist man anerkennt und dessen Gewalt auch. Ich glaube, ein Volk kann Jahrtausende in diesem Zustand verbringen. Er ist eine Art Weltverzicht und inhärent weltfremd.

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