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12. Januar 2026

Förderungs- und Unterhaltserscheinungen

Ich möchte den Beitrag Unterhaltene Gehießenheitsgefäße noch einmal vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten.

Der Sozialismus pendelt zwischen ethischer
  • Trivialität, insofern er die Ethik fördert, und
  • Selbstzensur, insofern er sie (in Form der Parteilinie) unterhält,
der Amerikanismus zwischen materieller
  • Anverwandlung, insofern er die Ausstattung fördert, und
  • Klientelbildung, insofern er sie unterhält,
und das Christentum zwischen sozialer
  • Rollenausgestaltung, insofern es die Gesellschaft fördert, und
  • Rollensuche, insofern es sie unterhält.
Dem Sozialismus ist die Förderung eigentlich ganz lieb, stellen ihn triviale ethische Vorstellungen doch nicht vor Probleme, nur daß er sie sich in einer komplexen Welt nur begrenzt erlauben kann. Der Amerikanismus bewegt sich aus militärischen Gründen in Richtung Unterhalt und das Christentum aus wirtschaftlichen, doch in allen drei Fällen ist der technische Fortschritt letztlich der Grund für die Aufgabe der Förderung.

Mich interessiert vor allem der dritte Übergang, welcher aufgrund des traditionell starken ethischen Substrats in Amerika auch dort zu beobachten ist. Es herrscht hier ein Uniformitätsparadoxon, nämlich daß die ungeformte Jugend
  • uniform ihre individuellen Rollen ausgestaltet, jedoch
  • individuell eine der uniform unterhaltenen Rollen sucht,
was der Gegenstand vieler zeitgenössischer Überlegungen ist:
  • Billy Wilder warnt in The Apartment vor der elementaren Uniformität des modernen Stadtlebens,
  • Terry Pratchett erwägt in Strata, daß mit der Bevölkerungsdichte die Uniformität des Denkens zunimmt,
  • in Moving Pictures, daß der Film den Grund dafür lege, etwas aus sich machen zu wollen, und
  • verpaßt es in Soul Music ihre Rolle in diesem Zusammenhang zu erörtern, und
  • etliche meiner Schullehrer sinnierten darüber, warum unsere Generation nicht mehr in der Bewunderung der Beatles und Konsorten vereint war.
Billy Wilder hat die Sache offenbar verstanden, denn er handelte bereits 1960 von ihr:
Das christliche Gesellschaftsideal setzt eine im ursprünglichen Sinne idiotische (das heißt in ihren eigenen Vorstellungswelten lebende) Bevölkerung voraus, welche aus dieser Diversität heraus im Christentum ein gesellschaftlich verbindendes Band findet.
Und wenn sich der Staat seine Bürger zu seinen Zwecken zuschneidet, so wird die christliche Gesellschaft zerstört.

Und diesbezüglich besteht ein zweites, Formungsparadoxon:
Jene, welche dem Fernsehen Form gaben, die so genannten Baby Boomer, sind selber nicht durch es geformt und verstehen deshalb jene Generationen nicht, welche durch es geformt wurden und als Reaktion auf die verlorenen eigenen Vorstellungswelten kein Band mehr spüren, welches sie verbände, sondern nur noch ihre individuelle Rolle suchen, welche es ihnen erlaubt, in der zentral vorgegebenen Orthodoxie ihr Auskommen zu finden.
Manchen ist der geisttötende Charakter des Fernsehens natürlich unerträglich, mir etwa, Pomfret wohl auch,

aber das hilft uns auch nicht weiter, denn damit stehen wir alleine auf weiter Flur: Uns sind unsere eigenen Vorstellungswelten heilig, den meisten sind sie nur Kleider, welche sie tragen, und kein Kleid könnte vorteilhafter sein, als das vom Fernsehen geadelte. Aber um diese Adelung zu verstehen, muß man mit ihr groß geworden sein. Wie gesagt, ich nehme an, daß Hodgson das verstanden hat: we both know that we're right, aber sehr viele, die allermeisten seiner Generation, verstehen es bis auf den heutigen Tag nicht.

England ist ein interessanter Fall. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielten es viele wie Agatha Christie und dachten sich: Na, dann tanzen wir halt nach der Musik unserer Verwandten aus Übersee (One, Two, Buckle My Shoe) und aus dieser Haltung heraus förderte die BBC etwa Eric Clapton mit dem Hintergedanken, daß es der englischen Vorstellungswelt ja nur gut tun könne, wenn Engländer sie an die amerikanische anpaßten. Natürlich hat es schon immer Theater gegeben, aber das weite Schleudern von Zaubersprüchen dieser Art (broad casting) im Gegensatz zum engen in Theatern, erzeugt einen Metaeffekt hinsichtlich der Einschätzung der Gesellschaft, in welche man hineingeboren wurde (Hilfe, ich bin von gehirngewaschenen Somnambulen umgeben!), welcher die vermittelten Vorstellungen in den Schatten stellt.

Übrigens läßt sich das Ende der Baby Boomer auch an der Geschichte der Rockmusik festmachen, und zwar genauer gesagt an jenen Liedern, bei welchen die Gunst im Vordergrund steht, denn die Gunst ist das bestimmende Gefühl der ungeformten Jugend, und der Übergang von Lynyrd Skynyrd's Nette Mädel! zu Kraftwerks Nette Autobahn! ist charakteristisch, erstere sind halt noch da, weil sie noch verbunden sind, letztere, ebenso wie die Disco oder die homosexuelle Beziehung zwischen Geschäftspartnern, ist eine Einrichtung des Aufbruchs zu einer erst noch zu findenden Rolle - jedenfalls 1974, 1933 war sie selbstverständlich eine gemeinschaftliche Institution, und wenn jemand ein Musikvideo zu Kraftwerks Autobahn schnitte, welches mit einem spatenstechenden Hitler begänne, dann ein paar Autos am Chiemsee vorbeifahren zeigte, später Helmut Schmidt den Elbtunnel einweihen und noch später die Querung des Öresunds und zu guter Letzt den Ausbau der Autobahn von Warschau nach Kaunas, dann schwänge wohl ein gerüttet Maß an teleologischer Verunsicherung mit.

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