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12. November 2014

Hysterie

Ich lese die Bild-Zeitung nicht. Es verdankt sich also einer, ich möchte sagen, ziemlich ironischen Verquickung von Umständen, daß ich auf die Toilettenjagd aufmerksam wurde.

Und wo ausgerechnet der Springer-Verlag diese Heldengeschichte bringt, konnte ich natürlicherweise nicht umhin, mich näher über David Sheen und Max Blumenthal zu informieren.



Dies ist nun wirklich ein in vielfacher Hinsicht aufschlußreicher Redebeitrag. Verlieren wir nicht viele Worte und greifen gleich mal ein paar Punkte heraus.

Was sagte es über den Staat Israel aus, wenn er auf der Basis der Gleichheit aller Menschen nicht bestehen könnte?

Gar nichts. Kein Staat der Welt kann langfristig auf dieser Basis bestehen, wenn er es ernst mit ihr meint.

Es ist ein Fehler, sich von der expansiven Phase der Vereinigten Staaten blenden zu lassen, in welcher die Menschen einfach noch zu sehr mit der Erschließung des Kontinents beschäftigt sind, um sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Sie mögen während dieses Prozesses zu einer eigenen Einheit finden, oder auch nicht. Aber Einheit braucht in seinen alten Tagen, wenn er nicht mehr über fremde Güter frei verfügen kann, noch jeder Staat.

Was glauben Sie, warum die Israelis so feindselig sind? Sind die Leute verängstigt oder gehässig?

Die Linke auf der Suche nach den guten und den schlechten Menschen. Gehässigkeit bedeutet aber nichts anderes, als die Notwendigkeit zum Kampf zu sehen, aus welchen Gründen auch immer. Wirklich interessant in diesem Zusammenhang ist lediglich das Ausmaß, zu welchem die Israelis öffentlich ihre Haltung verlieren.

Das ist natürlich schwer einzuschätzen, auf der Grundlage so eines Vortrags.

Indes, so viel erscheint mir glaubwürdig, daß sich die israelische Gesellschaft insgesamt verhärtet hat, und daß vor diesem Hintergrund bizarre Blüten ungehindert blühen. Wichtig daran ist das Urteil, welches hinter dieser Entscheidung steht, und welches mit dem ersten von mir angesprochenen Punkt übereinstimmen sollte.

Und wenn es das tut, so ist auch noch ein anderes wichtig, nämlich daß es nicht offen ausgesprochen wird.

Es gibt nur zwei Wege, die siedlungspolitische Dynamik zu beenden, Genozid an den Ureinwohnern oder Verständigung mit ihnen auf gleichheitlicher Basis.

Was eben keineswegs wahr ist. Es gibt auch noch einen dritten, nämlich die Menschenrechte dahin zu jagen, wohin sie gehören, und anschließend hinreichend klare und  z u v e r l ä s s i g e  Regeln zu etablieren.

De facto macht Israel das schon heute, nur pro forma nicht. Und ich würde sagen, daß Israel dadurch weit mehr verliert als es gewinnt, und nicht nur Israel, sondern die Juden ganz allgemein, wobei es allerdings unterschiedliche Dinge sind, welche sie verlieren: Israel verliert durch dieses hinterrücksche Gegifte seinen Glauben und die Juden verlieren durch die dem Anspruchsdenken geschuldete Destabilisierung ihre Stellung.

Gut möglich, daß anfang des 20. Jahrhunderts stellungsmäßig noch etwas für die Juden drin war, aber das Problem ist doch so unvorhersehbar nicht gewesen, also daß man nicht bis zum letzten Tag des eigenen sozialen Aufstiegs gegen die Idee der Etabliertheit kämpfen sollte, sondern beizeiten den Kurs anpassen.

Natürlich kommt noch erschwerend hinzu, daß der wirtschaftliche Wettbewerb seit geraumer Zeit unter dem Vorzeichen negativer moralischer Selektion steht, und daß so ein Establishment also nicht die besten Aussichten auf eine schön ruhige, annehmliche Mitherrschaft bietet.

Und deshalb, denke ich, sollten wir alle Hysterie besser als einen Teil unserer gegenwärtigen Realität auf der Rechnung haben. Es werden, und es geschehen schon viele Dinge, welche mittelfristig völlig sinnlos sind, welche ihre Geburt plötzlichen Einfällen mit Tunnelblick verdanken.

Wie möglicherweise auch Gysis Einschreiten hier.

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