Bereitschaftsbeitrag

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7. August 2015

Formen der Bekanntheit

Wie wir im vorigen Beitrag gesehen haben, führt das Aufgreifen eines Gegenstandes zur Beschäftigung mit ihm und somit zur Erfassung des Verhältnisses, in welchem er zur Referenz, aus welcher heraus er aufgegriffen wurde, steht.

Natürlich vereinfacht diese Darstellung die Sachlage etwas, denn auf diese Weise könnten wir noch nicht einmal erfassen, daß etwas vor einem Gegenstand, aber zugleich hinter einem anderen steht. Offenbar können wir einen aufgegriffenen Gegenstand halten, während wir parallel zu ihm einen anderen, ihn enthaltenden aufgreifen, welchen wir als zusätzliche Referenz verwenden können, indem wir den gehaltenen Gegenstand verdoppelt erneut aus ihm heraus aufgreifen. Und auf diese Weise können wir alle möglichen Eigenschaften des aufgegriffenen Gegenstandes erfassen.

Was somit passiert, ist die Schöpfung von Spezifizität aus Identität. Anfangs ist uns der Gegenstand nur ein Das, aber dieses Das verwandelt sich zusehends in ein Jenes, welches, bis der Aufgriff irgendwann endet und der Gegenstand seine Identität verliert und nur noch ein Spezifisches, ein Jenes, welches unter vielen aus einstigen Beobachtungen herstammenden Spezifischen ist.

Um Mißverständnissen aus dem Weg zu gehen, der Gegenstand ändert sich mit dem Ende seines Aufgreifens nicht, er ist weiterhin ein anschaulicher Eindruck, eine der Wahrnehmung entspringende Form, aber die Form seiner Bekanntheit ändert sich. Er besaß Identität und besitzt fortan nur noch Spezifizität neben seiner Anschaulichkeit.

Die Identität des Aufgreifens ist aber nicht die einzige, über ihr steht die Identität des Wahrnehmens, denn Das mag auch die Leere sein, welche die Wahrnehmung füllt, also unsere Empfänglichkeit. Wenn man so will, ist diese ein Aufgreifen, welches wir nie beenden, das heißt unser Leben, und die Aufgriffe von Gegenständen sind Verästelungen dieser Empfänglichkeit. Die logischen Erfassungen sind dann das In Beziehung Bringen des Astes zum Stamm, wobei auch mehrere Bezüge zur selben Zeit bestehen können, ein Gegenstand mag in einer Vorstellung auftreten, aber nicht im visuell Wahrgenommenen. Ich hatte das zuvor nicht erwähnt, und es liest sich ziemlich wild, ist aber letztlich eine einfache und natürliche Notwendigkeit der Einheit der Wahrnehmung.

Während ein Gegenstand aufgegriffen wird, mag er sich natürlich ändern, ein Vogel mag auf einem Ast sitzen und singen, dann auffliegen und sich auf einen anderen Ast setzen. Was bedeutet das für die Erfassung seiner Eigenschaften? Sollen wir sagen: Er sitzt, nein, er fliegt, nein, er sitzt!? Nein, das sollten wir nicht, der Gegenstand ist auch gar kein Körper, sondern ein bewegter Körper, das ist schließlich auch unser anschaulicher Eindruck: der, eines bewegten Körpers. Hier ist es also so, daß sich während des Aufgreifens nicht nur die Erfassung des Gegenstandes ändert, sondern auch der Gegenstand selbst. Die Erfassung aber ändert sich auch in diesem Fall nur in dem Sinne, daß sie umfangreicher wird, und nicht in dem Sinne, daß etwas einmal Erfaßtes revidiert werden müßte.

Wenn wir etwas sich in Bewegung Befindendes erfassen, so erfassen wir mit jeder Erfassung zu einer bestimmten Zeit zugleich ihr zeitliches Verhältnis zu den anderen bereits erfaßten Verhältnissen zu vorigen Zeiten. Also eben: Zuerst sitzt der Vogel, dann fliegt er und dann sitzt er wieder. und nicht: Der Vogel sitzt, nein, er fliegt, nein, er sitzt.

Diese Protokollierung der zeitlichen Verhältnisse möchte ich auch die Ausbreitung der Zeit nennen.

Ein wichtiger Spezialfall des Erfassens eines bewegten Gegenstandes ist die Erfassung eines Handlungsstranges, wobei bewegt dafür vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, sich fortbildend wäre sicherlich besser, und für das hiesige Studium der Grundlagen unseres Denkens ist vor allem sukzessives Aufgreifen von Interesse.

Sukzessives Aufgreifen bedeutet, einen Gegenstand aufzugreifen, und dann einen anderen zu ihm, und dann wieder einen anderen zu ihnen und so weiter. Wesentlich dabei ist, daß es uns auf diese Weise, und auch nur auf diese Weise, gelingt, eine Menge von Identitäten in einer übergeordneten Identität zusammenzufassen, deren Gegenstand vollständig dadurch bestimmt ist, daß er die Gegenstände der untergeordneten Identitäten enthält. Der übergeordnete Gegenstand heiße eine Vielheit, und das sukzessive Aufgreifen zu einer sich fortbildenden Vielheit heiße Zusammenkommen.

Im Gegensatz zum Vogelflug interessiert uns beim Zusammenkommen freilich nur die abschließende Vielheit, und nichts hindert uns, lediglich sie aufzugreifen und ihr Verhältnis zu ihren Teilen zu erfassen und uns fortan an das so Spezifizierte zu erinnern.

Bei einer derart spezifizierten Vielheit handelt es sich, wenn weiter nichts erfaßt wurde, um eine verschlüsselte Spezifierung. Ein Gegenstand heiße verschlüsselt spezifiziert, wenn es möglich ist, durch Vorstellung dieses Gegenstandes Verhältnisse zu erfassen, welche während seines spezifizierenden Aufgreifens nicht erfaßt wurden.

Verschlüsselte Spezifizierungen sind eher selten. Wenn wir etwas bei der ursprünglichen Betrachtung nicht erfaßt haben, dann können wir uns später auch nicht daran erinnern. Allerdings ist der Versuch, Eigenschaften bewußt zu erfassen, in aller Regel kontraproduktiv, denn dadurch unterdrücken wir die vielschichtige Erfassung, welche sich durch den empfänglichen Blick von alleine einstellt. Ein Maler, freilich, hat Zeit genug, so oft und genau das zu erfassen, was er will.

Was hingegen an der auf die entsprechende Weise erfaßten Vielheit verschlüsselt ist, ist die Zahl. Bei einer Zahl handelt es sich um eine Vielheit des Auftretens. Dazu ist zu sagen, daß wenn mehrere Teile in einem Ganzen auftreten, wie es bei einer Vielheit der Fall ist, jedes solche Verhältnis von einem Eindruck des Auftretens begleitet werden kann, Eindrücke, welche als ein und derselbe wiedererkannt werden können, aber dadurch, daß sie mit verschiedenen Gegenständen zusammenfallen, unterschiedlich spezifiziert werden und welche dabei auch eine anschauliche Vielheit bilden, wenn man sie sukzessiv aufgreift.

Diese Vielheit also ist die Zahl. Sie ist ein anschaulich eindeutiger Gegenstand durch die Empfindung entsprechend gehäuften Auftretens.

Mit anderen Worten ist sie durch ihre Anschaulichkeit bekannt, was technisch gesehen dasselbe wie Bekanntschaft durch Identität ist: In beiden Fällen verhilft uns die Bekanntschaft lediglich dazu, etwas wiederzuerkennen, im Falle der Anschauung als Form, im Falle der Identität als verästelt Wahrgenommenes. Jede vergleichende Form der Bekanntschaft beruht hingegen auf erfaßten Verhältnissen, also auf Spezifizität.

Post Scriptum vom 8.8.2015.

Anmerkung 1. Eine Vielheit wird stets in ihre Teile zerlegt erinnert, das heißt, die Verästelung der Empfänglichkeit stellt sich augenblicklich wieder ein. Ob dies aber irgendetwas besonderes ist, läßt sich nicht so ohne weiteres sagen, denn bei sonstigen Erinnerungen geschieht ähnliches, nur mühsamer. Ich erinnere mich an einen Verkaufsstand an der Außenmauer des Vatikans. Und ich erinnere mich an den Bürgersteig da. Aber das sind zwei verschiedene Erinnerungen, in meiner Erinnerung des Verkaufsstands fehlt der Bürgersteig und umgekehrt. Natürlich wird der Verkaufsstand da auf irgendetwas gestanden haben, und aufgrund seiner Nähe zur Mauer kommt nur der Bürgersteig in Frage. Also bin ich, wenn ich die Szene erinnern soll, natürlich geneigt, meine Einbildungskraft zu benutzen, um den Verkaufsstand auf den erinnerten Bürgersteig zu stellen. Mag also sein, daß dergleichen im Falle von Vielheiten aufgrund der geringeren Schwierigkeit unbewußt von selbst geschieht.

Anmerkung 2. Der Ursprung der logischen Erfassungen liegt in der Bewußtwerdung des eigenen Wahrnehmens (Ich nehme diese Form (nicht) wahr!) und jedesmal, wenn sich ein Ast unserer Empfänglichkeit durch einen Aufgriff oder eine Vorstellung schärft, mag dergleichen geschehen. In Verbindung bringen können wir den Eindruck der Erfassung aber nur mit dem anschaulichen Eindruck, vor dessen Hintergrund wir aufgreifen oder vorstellen, denn von der Identität des Astes haben wir keinen Eindruck. Identitäten bewirken nichts weiter als die Fähigkeit, sie während ihres Bestehens auseinanderhalten zu können.

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