Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

9. März 2017

Nachtrag zum gestrigen Beitrag

Der Zauber und die Beschränkungen der Orte, an welchen Wagner seine Opern unter Aufsaugung jener komponierte, künden vom allgegenwärtigen Stolz der Bürger einerseits und andererseits von den unterschiedlichen Einrichtungen, in welche sie sich fügten.
  • Riga. Freiheit zur Entfaltung zum Preis der Absteckung der Grenzen der eigenen Projekte - ein Geist, welcher auch heute noch im Baltikum lebendig ist, wenngleich nicht unbedingt in Riga.
  • Paris. Freiheit zur Entfaltung zum Preis der gesellschaftlichen Uniformität, des Zwangs, sich dem Gemeinwohl unterzuordnen.
  • Dresden. Freiheit zur Entfaltung zum Preis der Generalität, des Zwangs, sich auf vorgegebenem Gebiet zu spezialisieren.
  • Zürich. Freiheit zur geistigen Entfaltung zum Preis der sozialen Konstanz.
  • Venedig. Freiheit zur Entfaltung zum Preis der Hinnahme des Lebens als ein Schauspiel.
  • Luzern. Freiheit zur Entfaltung zum Preis der Bescheidung auf das Verfügbare.
Die schwärmerischen Passagen des Rienzi konnten nur in der noch unverbauten, zum Aufbruch auffordernden Atmosphäre Rigas entstehen, und die schwereren nur im steinernen Meer Paris'.

Lohengrins bange Ambition ist die Dresdens, und Mathilde Wesendonck hat ihr Leben bloß den Gepflogenheiten Zürichs angepaßt, was in den Zwiespalt des ersten Aufzugs von Tristan und Isolde mündete. Der zweite ergeht sich im Phantastischen, zu welchem Zweck Wagner der Bühnenmentalität Venedigs bedurfte, und die ehrliche Zerknirschtheit des dritten stellt sich der bescheidenen Bodenständigkeit Luzerns.

Wagner wird verkannt, wenn man ihm die Sensibilität abspricht - er war im höchsten Maße sensibel, ja, zu einem solchen Grade, daß man von Fremdbestimmtheit durch den ihn umgebenden Geist sprechen muß.

Und die Europäer werden verkannt, wenn man ihnen Willen und Bereitschaft zur Gestaltung einer präsentablen Idealen entsprechenden Gesellschaft abspricht. Diesen Willen und diese Bereitschaft haben sie überall unter Beweis gestellt. Und so viel hat sich auch noch nicht verändert, mehr oder weniger sind Riga, Paris, Dresden, Zürich, Venedig und Luzern immernoch, was sie vor 150 Jahren waren.

Ich glaube nicht, daß wir in musealem Beharren auf den jüngsten Tag warten sollten. Wir werden zusammenkommen müssen und dabei die Schönheit des anderen Hintergrunds würdigen können, und sei es nur, um uns nicht in unserer Partikularität zu verfangen, sei es, daß wir uns verfeinden oder in unzureichende Stellung zurückziehen.

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