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12. Juni 2021

Etablierungsethik

Der Gegensatz zwischen Vorgabe und Etablierung führt zu ethischen Komplikationen, welche ich im folgenden beschreiben werde. Der Titel des Beitrags verspricht vielleicht mehr, als was dabei in Betracht kommt, aber wenn es auch sehr elementar bleibt, läßt sich dieser Beitrag doch als Ergänzung zu Albert Pike's Knight Kadosh lesen.

Was sich als ethisches Gesetz als richtig einsehen läßt, ist vorgegeben richtig. Was sich als Handlungsvorsatz in einer Lage als richtig herausstellt, ist situativ richtig. Und was als Umstand dazu führt, die Auseinandersetzung mit der Lage auf dasjenige zu lenken (konkret stets Haltungen Anderer), wem sich der Etablierungswille zur Etablierung aussetzen muß, ist orientativ richtig.

Es ließe sich einwenden, daß es auch orientativ richtig sein könnte, etwa eine Dürre mitzuerleben, aber es geht beim Begriff des orientativ Richtigen nicht um Retrospektion, sondern um das ethische Urteil, unter bestimmten Umständen eine Zukunft zu haben, an der Zukunft mitzuwirken, dem Ziel des eigenen Heilsbegriffs näher zu kommen (näheres dazu im eingangs verlinkten Beitrag).

Betrachten wir zunächst mich als Beispiel. Was ich als orientativ richtig ansehe (und Zeit meines Lebens als richtig angesehen habe) sind Mitmenschen, welche eine gewisse Offenheit dem Vorgegebenen gegenüber besitzen, was praktisch gesehen darauf hinausläuft, daß die Verwöhnung sie nicht verdorben hat, denn ich lebe ganz allgemein zur Erhöhung von erhöhenden Haltungen.

Und diesbezüglich hat sich die Lage in Deutschland verbessert, wie im vorigen Beitrag beschrieben. Allerdings wird sie durch einen Faktor verkompliziert, welchen ich bisher nur angerissen habe. Die meisten Menschen leben selbstverständlich nicht zur Erhöhung von erhöhenden Haltungen. Konkret erleben wir zur Zeit den Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Vorstellungen, wie eine Demokratie mit Dissenz umgehen sollte, nämlich
  1. daß die Minderheit den Willen der Mehrheit mittragen sollte oder
  2. daß die Mehrheit den Dissenz der Minderheit ertragen sollte.
Ich teile die letztere Vorstellung mit der lokalen Mehrheit in Hamburg und Südholstein. Wir sind, wie Hitler (oder war es Göbbels?) ganz richtig erkannte, hoffnungslos liberal. Zur Zeit ringen diese beiden Vorstellungen also mit einander, und die Verwöhnung der Liberalen hat lange Zeit dazu geführt, daß sie dieses Ringen überhaupt nicht zur Kenntnis genommen haben, doch dem Lockdown sei Dank sind sie nun aufgewacht und interessieren sich für die politische Lage.

Mein Problem ist folgendes: Die Liberalen werden dem vorgegeben falschen Spuk kein Ende bereiten, weil sie ihn als orientativ richtig empfinden. Das verdrängen sie, aber so ist es. Im Verlauf der Zeit wird es sich ändern, aber zur Zeit sind sie gerade erst aufgewacht, noch etwas schläfrig, nicht wirklich beunruhigt, nur interessiert, und somit in strategischer Hinsicht ein Gummiband: Sie werden weiteren gesellschaftspolitischen Operationen zunächst keinen Widerstand leisten, aber wenn sie sehen, daß sich die Gesellschaft zunehmend auf die erstere Vorstellung der Dissenzbewältigung zu bewegt, werden sie die Zauberlehrlinge abstrafen. Das ist bereits klar: Ich weiß, daß der Feind besiegt ist, aber ich weiß auch, daß er zur Zeit alles tun kann, weil das vorgegeben Falsche unter dem Schutz derer steht, welche es brauchen, um nicht wieder einzuschlafen. Und ich kann das vorgegeben Falsche nicht dulden. Geriete ich darüber an jene, von welchen ich weiß, daß sie dem vorgegeben Richtigen, nicht bloß in dieser Frage, schließlich zum Sieg verhelfen werden, müßte ich sie zusammenstauchen.

Auch wenn dieser Feind nur ein Popanz wäre (meiner Einschätzung nach ist): Niemand betritt den Bereich des vorgegeben Falschen, ohne sich in Gefahr zu bringen, das ethische Gesetz ist ein Schutzwall, und jenseits seiner harren Schlingen.

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