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6. Juni 2021

Die fünf Formen der Unterschätzung

Entweder wir unterschätzen einen Seelenteil einer Person oder die aus ihm entsprungenen Werke. Die Werke der Sorge bilden eine Einrichtung und die Werke der Achtung bilden den Erfolg im Leben. Die Werke der Lust lassen sich hingegen nicht von ihr trennen, da uns die Lust nur durch ihre Werke bekannt ist, wohingegen sich Sorge und Achtung bereits in Verfolgung und Einlösung (beziehungsweise Ausmalung im Falle der reinen Achtung) ausdrücken.

Daß es sich bei den drei folgenden Geringschätzungen tatsächlich um Unterschätzungen handelt, setzt voraus, daß es gesellschaftlich verpönt ist, sie Behinderten gegenüber zu zeigen, was sich freilich nicht überall auf der Welt so verhält, aber ich halte diese Voraussetzung dennoch für sinnvoll. Die drei Formen der Unterschätzung eines Seelenteils einer Person sind dann also:
  • Hohn als Unterschätzung der Sorge, die Einschätzung, daß jemand die einfachsten begrifflichen Zusammenhänge nicht versteht,
  • Häme als Unterschätzung der Achtung, die Einschätzung, daß jemand den einfachsten Verhaltensregeln nicht folgen kann, und
  • Spott als Unterschätzung der Lust, die Einschätzung, daß jemand zu den einfachsten körperlichen Leistungen unfähig ist.
Und die beiden Formen der Unterschätzung der Werke eines Seelenteils sind:
  • Verwöhnung als Unterschätzung von Einrichtungen und
  • Hochnäsigkeit als Unterschätzung von Erfolgen im Leben.
Gesellschaftlich relevant ist nur die Sorge, bei den anderen Formen der Unterschätzung handelt es sich um Privatangelegenheiten. Und die beiden Formen der Unterschätzung, welche sich auf die Sorge beziehen, Hohn und Verwöhnung, gehen ziemlich genau mit Selbstvorgabe und Selbstetablierung einher,
  • Hohn mit Selbstvorgabe und
  • Verwöhnung mit Selbstetablierung.
Als ich vor drei Jahren nach Deutschland kam, war die Verwöhnung so weit vorangeschritten, daß niemand mehr im Frühling im Erholungswald spazieren ging. Der Lockdown hat das geändert. Und was den Hohn in Estland betrifft, so ist er im Angesicht einer zunehmend schwerer zu verstehenden Welt ebenfalls gedämpft worden.

Auch sind Hohn und Verwöhnung die Ursachen der für das Ende des Zeitalters der Werke charakteristischen im 2. und 3. Kapitel der Offenbarung geschilderten Zustände:
  • Hohn läßt Ephesus seine erste Liebe verlassen,
  • Verwöhnung läßt die Welt Smyrnas Reichtum nicht erkennen,
  • Hohn macht Pergamus selbstgerecht und Verwöhnung macht es bräsig (taub, desinteressiert),
  • Verwöhnung läßt Thyatira sich verleugnen,
  • Verwöhnung macht Sardes müde,
  • Hohn und Verwöhnung können Philadelphia nichts antun,
  • Verwöhnung macht Laodizea undankbar.
Die Verwöhnung wächst mit der im jeweiligen Zeitalter entwickelten Nebenordnung, in unserem mit der technologischen Ermächtigung, und der Hohn wächst im Angesicht der Verwöhnung.

Es findet also durchaus eine Berichtigung statt, aber zu welchem Preis und mit welcher Perspektive? Die Ursache der Entwöhnung wird verdrängt: Es gibt ein neues Gruppengefühl, ein herzlicheres, persönlicheres, welches die Welt direkt und die Menschen indirekt mehr zu schätzen weiß, und es gibt eine Art Scham, etwas an ihm zu ändern. Doch was kommt als nächstes? Konkret beruht dieses Gruppengefühl auf Unterdrückung, und es gibt ein latentes Einverständnis, sich weiter unterdrücken zu lassen. Wohin führt uns das?

Wenn eine Gewalttat Dankbarkeit erzeugt, kann sie die Menschen schwerlich dazu bringen, an ihrer Überwindung zu wachsen. Bestenfalls kommt es zu einer graduellen Überlassung der Macht, wie bei der Erziehung von Kindern oder wenn eine Kriegerkaste ein Land erobert. Einerseits gibt es die Möglichkeit, daß der Gewalttäter den Spuk von alleine beendet, andererseits, daß er dazu gezwungen wird. Unterdessen steht er aber geradezu in der Pflicht, die nächsten Stationen auf dem beschrittenen Weg zu entwerfen, so lange sich die Fraktion am stärksten erweist, welche dankbar für die Gewalt ist.

Entscheidend ist aber nicht der Weg selbst, sondern wie er die Menschen involviert, in wieweit er ihre Aktivität in seinen Entwurfsprozeß eingehen läßt. Wenn wir annehmen, daß es dem Gewalttäter um ökonomische und ökologische Vernunft und Weltbürgertum geht, so besteht der einzige Bedarf an Konkretisierung dieses Vorhabens im Entwurf von Animationsweisen. Mit anderen Worten besteht die einzige kreative Beteiligung an diesem Programm im Bereich der Menschenführung. Hätte dies irgendeine Realität, so ließe sich der große Rest der Menschheit wie Kühe zu Mozart melken, froh über das Gleichgewicht der eigenen Seele, welches so kunstreich in ihnen durch Gewaltmittel erzeugt wurde.

Wirklich?

Aber im Augenblick stehen die Entwöhnten tatsächlich am Anfang dieses mit zunehmender Dauer immer unwahrscheinlicheren Weges.

Natürlich ist es bekloppt: Damit ein gesellschaftliches Ziel öffentlich vertreten werden kann, muß es breiten Anklang finden, und wenn es breiten Anklang findet, dann muß der Gesellschaft der Weg zu ihm nicht vorgeschrieben werden. Daß dies dennoch relevant erscheint, kann nur daran liegen, daß die Architekten des Übergangs davon ausgehen, daß der Anklang proportional mit der Entfernung zum Ziel schwindet, was aber im Falle des Vernünftigen (Weltbürgertum recht verstanden ist politische Vernunft) nicht der Fall wäre, mit anderen Worten sich also etwas Unvernünftiges für etwas Vernünftiges ausgeben müßte.

Ich glaube aber, daß die Menschen ihrer selbst hinreichend gewahr sind, um bei der ersten Unstimmigkeit einen solchen Weg zu verlassen. Natürlich ermutigt die jetzige Lage die Pharisäer, aber es ist leichter, verdorbenes Leben zu nehmen als gesundes zu geben. Die Kompetenz liegt in einer Fastenkur, aber fasten führt nur dann zu neuem Leben, wenn es abgebrochen wird.

Ich bin geneigt, die letzten Absätze zu streichen und die Frage nach der Perspektive schlicht dadurch zu beantworten, daß jede Verbesserung entweder im Wegfall von Schlechtem oder im Zugewinn von Gutem besteht, daß das Alte wegfällt und das Neue zugewonnen wird, daß nichts Neues zugewonnen wurde, und daß das Alte endlich ist und die Zukunft potentiell unendlich, so daß wir uns also keinen Illusionen hingeben sollten. Aber im Interesse größerer Anschaulichkeit lasse ich sie stehen. Und was die Frage nach dem Preis betrifft: Den kenne ich nicht, aber es bestehen viele Möglichkeiten, die Berichtiger zahlen zu lassen.

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