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16. Juli 2022

Europäische Mythen der Neuzeit

Ich hatte im vorigen Beitrag die Mythen der alten Griechen und das christliche Verständnis des Lebens charakterisiert, nämlich daß
  • die Bewahrung des politischen Trachtens bei den Griechen entscheidend und im Christentum vernachlässigbar ist,
  • die Anpassung des politischen Trachtens bei den Griechen von Übel und im Christentum konfliktgeladen ist und
  • die Entfaltung des politischen Trachtens bei den Griechen vernachlässigbar und im Christentum entscheidend ist.
Betrachten wir also vor diesem Hintergrund die Mythen der heutigen
  • Portugiesen, Spanier und Italiener,
  • Franzosen,
  • Engländer,
  • Deutschen und
  • Schweden.
Zur Beurteilung genügt es Filme, Romane oder auch Märchen heranzuziehen, welche auf die Bewahrung, Anpassung und Entfaltung des politischen Trachtens wenigstens anspielen, und zum Teil ist es ganz erstaunlich, mit welcher Zuverlässigkeit sie es tun, so genügt es zur Beurteilung der Mythen der Italiener, Franzosen und Engländer beispielsweise, italienische (I soliti ignoti), französischen (Un flic) und englische (11 Harrowhouse) Filme über (Bank-)Einbrüche zu vergleichen, wobei es bei den Franzosen aber gewinnbringender ist, sich Francis Vebers (andere) Filme anzuschauen.

Alle europäischen Mythen der Neuzeit beweisen ihre christliche Abstammung dadurch, daß sie die Bewahrung des politischen Trachtens, welche den griechischen Epen ihre Härte und Tragik gibt, als vernachlässigbar betrachten. Unterscheiden tun sie sich hinsichtlich des Grades, zu welchem sie die Entfaltung des politischen Trachtens als vollzogen betrachten, und, was damit zusammenhängt, zu welchem die Anpassung als Chance oder als Problem verstanden wird.

Die daraus resultierenden Unterschiede im Nationalcharakter erwähnte ich bereits des öfteren, zuletzt im Beitrag Zivilisation und Selbstentsprechung, doch beginnen wir nun mit der Einzelbetrachtung.

Die Mythen der Portugiesen, Spanier und Italiener zeichnen sich dadurch aus, daß die von Lukas erwähnten Konflikte zwischen verschiedenen Glaubensentfaltungen im Mittelpunkt der Anpassung stehen, also daß es bei der Anpassung um die Anpassung an Andere geht, welche nicht ganz dasselbe politische Trachten entfalten, wie man selbst, so daß die mythische Aufgabe nicht in der weiteren Entfaltung, sondern im Ausgleich und der Versöhnung des bereits Entfalteten besteht.

Die Mythen der Franzosen unterscheiden sich davon dadurch, daß das bisher Entfaltete nicht sakrosankt ist, sondern sich im Rahmen der weiteren Entfaltung stets neu verbindet. Im Zentrum der Anpassung steht damit immernoch das politische Trachten Anderer, doch kommt es nicht zu Ausgleich und Versöhnung, sondern zu oftmals melancholischen Neuaufbrüchen.

Die Mythen der Engländer haben indes keinen expliziten Begriff des politischen Trachtens mehr, sondern nur einen impliziten, welcher verfolgt werden müßte, um expliziert zu werden, aber nicht verfolgt wird. Stattdessen wird die Anpassung als ein Prozeß gesehen, welcher dereinst die Entfaltung des impliziten Trachtens einleiten wird. Da es einstweilen nur implizit ist, können sich die Menschen nicht über ihm zerstreiten, was bei den Engländern aber mit einer gewissen Ungeduld bezüglich der einstigen Entfaltung und einer gewissen Ironie bezüglich der Anpassung einhergeht, welche sich in ihren Mythen dadurch ausdrücken, daß der Held stets als auf eine bestimmte Weise angepaßt dargestellt wird, an welcher er im Rahmen neuerlicher Anpassung arbeiten muß (Hot Fuzz ist übrigens auch ein wunderbares Beispiel hierfür), wobei stets eine gewisse Skepsis hinsichtlich der erreichten Verbesserung zum Ausdruck kommt.

Die Mythen der Deutschen gleichen jenen der Engländer strukturell, das heißt, auch bei ihnen geht es um eine Anpassung, welche dereinst die Entfaltung eines implizit bekannten politischen Trachtens einleitet, nur daß es hinsichtlich dieser Anpassung keine Skepsis gibt, sondern sie vielmehr als eine Zeit der Vorfreude verstanden wird, welche von Träumen der einstigen Entfaltung erfüllt ist, Paradebeispiel Hans im Glück (nun wird jemand einwenden, daß Hans im Glück ja wohl doch ironisch sei, aber im tieferen Sinne eben nicht, insofern die Zuversicht die Quelle des Glücks des Besitzes ist).

Die Mythen der Schweden unterscheiden sich von jenen der Engländer und Deutschen dadurch, daß das politische Trachten noch nicht einmal mehr implizit bekannt ist, sondern in Anbetracht von Vorschlägen ertastet werden muß. Die Anpassung wird hier zu einem Experiment, welches neue Horizonte eröffnet, und der Held stellt sich ihnen und erkundet sie.

Wie gesagt, ich betrachtete die hieraus resultierenden Nationalcharaktere bereits, doch einiges wird nun klarer, das Ingenieursmäßige der Schweden, die Unkritischheit der Deutschen, das Behelfsmäßige der Engländer, die Verschworenheit der Franzosen und die Selbstabsorbiertheit der Portugiesen, Spanier und Italiener.

Wir sehen heute übrigens einen giftigen Trank aus dem Ingenieursmäßigen der Schweden und der Unkritischheit der Deutschen von Teilen unserer Verwaltung angerührt, in Ansätzen schon länger, aber seit der letzten Bundestagswahl forciert, was sich aber letztlich in Luft auflösen muß, da das politische Trachten nicht gleichzeitig implizit bekannt und erst noch zu finden sein kann und die korrekte Weise seiner Anpassung in den beiden Fällen verschiedene Qualitäten erfordert.

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