Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

25. Juli 2022

Jugendliches Gehabe

Bevor der Mensch es wagen mag, sich seinem Glauben folgend auf den eig'nen Weg zu machen, blickt er sich um und sucht nach allgemeinen Taktiken, mit seinen bescheidenen jugendlichen Fähigkeiten an das zu kommen, was ihm notwendig scheint, und wenn er welche findet, so prägen sie sein Gehabe, um diesem Teil seiner Haltung seinen Namen zu geben.

Jugendliche Gehaben bilden ein eindimensionales Spektrum, wie man sich leicht überzeugt, wenn man sie aufzählt.
  • Erdreistung: offener Gesetzesbruch,
  • Verschwörung: abgestimmte verheimlichte Inbesitznahme,
  • Nachstellung:  Abwarten, bis sich die Gelegenheit zu einer bestimmten Inbesitznahme ergibt,
  • Durchstehlung: Abwarten, bis sich die Gelegenheit zu einer passenden Inbesitznahme ergibt,
  • Koketterie: Appell an die Sympathie, bei der Inbesitznahme ein Auge zuzudrücken,
  • Aufheiterung: Herbeiführung einer gönnerischeren Gemütsverfassung.
Bleibt nur die Frage, wovon es abhängt, ob sich die Jugend mehr zur Gewalt oder mehr zur Anpassung neigt.

Doch bevor wir dazu kommen, möchte ich ein paar Beispiele betrachten. In Die Feuerzangenbowle wird die Verschwörung verherrlicht und behauptet, Bömmel und Schnauz seien Schuld an ihr, wohingegen sie unter Dr. Brett undenkbar wäre, auch wenn er sie selbst in seiner Jugend praktizierte und biologische Systeme sich für gewöhnlich reproduzieren. Obwohl Pete Townshend natürlich ein Klassenclown ist, wie er im Buche steht, geben sich The Who in ihrem Debutalbum doch bisweilen trotzig nachstellend. Brösels Werner-Filme hingegen tendieren zum Durchstehlen und zur Koketterie und Eddie Murphy in Beverly Hills Cop zum Durchstehlen und Aufheitern. Ganz interessant, daß die deutsche Presse Brösel seinerzeit nur Haß entgegenbrachte: Die Irgendwie komm' ich schon durch.-Attitüde scheint ihr nicht zu behagen.

Den Gedanken von der Reproduktion biologischer Systeme sollten wir vielleicht weiter verfolgen, denn wiewohl sich wohl generationale Unterschiede beobachten lassen, sind sie doch graduell und in eine Richtung verlaufend und nicht alternierend zwischen Extremen hin- und herschlagend, so daß die Frage, was zu einer Taktik führt, dieselbe Antwort haben dürfte, wie die Frage, was aus einer Taktik folgt.

Also, zu was führen die Taktiken? Nun,
  • Erdreistung zu Gesetzlosigkeit,
  • Verschwörung zu Machtkämpfen,
  • Nachstellung zu Hortung,
  • Durchstehlung zu Egoismus,
  • Koketterie zu Voreingenommenheit und
  • Aufheiterung zu Unpersönlichkeit,
und es leuchtet unmittelbar ein, daß diese wiederum zur entsprechenden Taktik führen.

Abschließend noch ein paar Gedanken zu unserem gesellschaftlichen Klima. Unpersönlichkeit wird als Professionalität gewürdigt, Voreingenommenheit und Egoismus hingegen werden vehement gegeißelt, wohingegen Hortung und Machtkämpfe zwar nicht verherrlicht werden, aber kaum jemals als Problem angesprochen, und was die Gesetzlosigkeit betrifft, so wird sie nach besten Kräften beschwiegen und entschuldigt, und in bestimmten Fällen sogar verherrlicht.

Sagt uns das etwas anderes, als daß sich die großen Räuber nicht an kleinen Giftzwergen den Gaumen verletzen möchten? Eine Gesellschaft, in welcher Egoismus das größte Problem ist, hat keine Probleme, erst jenseits seiner beginnen die systemischen Übergriffe:
  • Hortung beinhaltet Klassenschranken,
  • Machtkämpfe beinhalten periodische Enteignungen und
  • Gesetzlosigkeit beinhaltet fortwährende Enteignung.
Und also kann ich keinen Gefallen an der modernen Moral finden, welche die Menschen lehrt, Engel zu sein, damit sie sich damit zu Frieden geben, Teufeln den Arsch abzuwischen. Die christliche Mahnung, sich nicht auf den Splitter im Auge des Andern zu stürzen, zielt in eine andere Richtung.

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