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22. Juli 2022

Die Formen politischer Zäsuren

Politik besteht aus Institutionen (dem System), Entscheidungsträgern und Beschlüssen, und gegen jede dieser Ebenen kann die Polis aufbegehren, nämlich
  • gegen das System in Umstürzen,
  • gegen die Entscheidungsträger in Säuberungen und
  • gegen die Beschlüsse in Außerkraftsetzungen (oftmals als Folge ihres Unterlaufens),
und Umstürze, Säuberungen und Außerkraftsetzungen sind damit die Formen politischer Zäsuren.

Welche Art von System eine Polis duldet, hängt von ihren Ehrbarkeiten ab, genauer gesagt davon, ob sie
  • nur die Erwerbung als Lebensvoraussetzung anerkennt oder
  • zusätzlich noch die Ehrung oder
  • zusätzlich auch noch die Segnung,
wobei Ehrung genau dann als nötig angesehen wird, wenn die Geringschätzung als schädlich gefürchtet wird, und die Segnung genau dann, wenn ein Bewußtsein für den segnenden oder verfluchenden Charakter allen Tuns besteht, mit anderen Worten also das eigene Wirken am Urteil der eigenen Seele gemessen wird, denn
  • die Herrschaft der Achtung beruht darauf, daß die Polis die Ehrung anerkennt, und
  • die Herrschaft der Sorge darauf, daß sie die Segnung anerkennt.
Die Herrschaft der Achtung folgt stets auf die Herrschaft der Rücksichtslosigkeit, und unter der Herrschaft der Rücksichtslosigkeit ist es in der Tat gefährlich geringzuschätzen, so daß die Polis zu Beginn der Herrschaft der Achtung die Geringschätzung stets als schädlich fürchtet.

Und die Herrschaft der Sorge folgt stets auf die Herrschaft der Unvernunft (oder des Opportunismusses), doch sind die Verhältnisse, welche zur Anerkennung der Segnung führen, hier verwickelter.

Im Modellfall des ungezügelten Opportunismusses wird die Polis durch die materiellen Früchte der Segnung, an welchen es ihr in dem Fall stets mangeln wird, bestochen, also durch materiellen Gewinn motiviert, den Wert der Segnung und damit automatisch auch den der Ehrung anzuerkennen, was hinter der sechsten Zeile des 17. Hexagramms steht: Der Opportunist wird staatstragend, indem er seinen Reichtum (nach erfolgtem Studium) segnend einsetzt. Da wir nun aber nicht im Modellfall, sondern unter einer gezügelten Herrschaft des Opportunismusses leben, gibt es zwei Möglichkeiten, nämlich
  1. daß sich der Opportunismus von allen Zügeln befreit und wir vergessen, daß er je gezügelt war, oder
  2. daß wir erkennen, daß die Zügel nicht halten können, was sie versprachen.
Im ersteren Fall liefe es dereinst so wie beschrieben, aber frühestens in 80 Jahren, und im letzteren bewegte uns ein als solches erkanntes Systemversagen dazu, die Hinreichendheit der Anerkennung der Erwerbung in Frage zu stellen. Bestochen können wir nicht werden, da uns die Zügel schon bestechen, und so lange wir nicht die Mangelhaftigkeit der Zügel erkannt haben, werden wir unser materielles Heil stets in ihrer Anwendung suchen, wenn es uns denn aus dem Blick geriet und sich's nur irgendwie an ihnen ziehen läßt.

Und hier gibt es wiederum zwei Fälle, nämlich daß wir
  1. die Schuld allein auf die Geringschätzung schieben (Erfahrung und Qualifikation von Politikern etwa nicht hinreichend ehrten), oder
  2. uns des Verhängnisses, den Maßstab unserer Seele verdrängt zu haben, bewußt werden,
wobei so mancher wohl höhnen möchte, daß bei den meisten gar keine Verdrängung vorliegt, sondern die Maßstäbe ihrer Seele eben so sind, wie es ihr Verhalten widerspiegelt, doch verdient das keine Antwort, sondern lediglich aufmerksame Beobachtung im Moment der Erkenntnis des Systemversagens.

Einstweilen ergibt aufmerksame Beobachtung, daß Interesse am Unterlaufen und Außerkraftsetzen sich breit macht, und bei dem bestehenden Trägheitsgefälle zwischen den Tätern und Opfern der gegenwärtigen Politik, mag daraus schon bald ein Säuberungsinteresse erwachsen, aber ein Umsturzinteresse ist einstweilen kategorisch ausgeschlossen, das heißt, wir haben es nicht mit einer progressiven, sondern mit einer konservativen Strömung zu tun, und das wird auch bis zum Punkt des Systemversagens so bleiben.

Wenn das System dann versagt, und das tut es, indem es seine Versprechen aufkündigt, wobei eben jeder erkennen können muß, daß es am System selbst lag, wird man sehen, wer sich auf Grundsätzliches besinnt, und wer auf die Form (die Sitte), und erstere werden von letzteren verspottet werden, und wieder gibt es zwei Möglichkeiten, nämlich
  1. daß die Zeit letzteren erweist, daß erstere die ihr gemäßere Lösung wählten, und sie umdenken, oder
  2. daß sich erstere letzterer erwehren müssen.
Die erste Variante der ersten Dichotomie ist sehr unwahrscheinlich, bei den folgenden beiden wird es hingegen wahrscheinlich zu beiden Varianten kommen. Nun, ich hoffe nur, daß sich die Leute nicht verirren; etwas klarer sollte der weitere Weg hierdurch geworden sein.

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