Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

3. Oktober 2008

Eine kleine Polemik wider die Unsitte der Kunstepocheneinteilung

Gott ist ja vielleicht an Langeweile gestorben, der Hegelsche Unsinn hingegen fasziniert offenbar immer noch die Massen, denn es bedarf Hegelscher Konstrukte, um zu der Idee zu gelangen, daß jede Zeit ihre eigene Kunstform besitze.

Man darf seinen Kindern keine Klassik vorspielen, sonst werden sie später zum Genuß zeitgenössischer Musik unfähig oder so ähnlich, obschon es in der Form wohl ehrlicher wäre, nicht wahr, Herr Henze? Nichts gegen Pfitzner, aber wieso sollte sich die Menschheit dazu verpflichten, fortan nur noch die eigene Impotenz zu betrauern? Dabei hat Pfitzner ja durchaus einige halbwegs schöne Stücke komponiert, und es muß natürlich auch einem Komponisten erlaubt sein, eine Zeitenwende zu verarbeiten, aber eine Epoche dadurch einleiten zu wollen, geht eindeutig zu weit!

Besinnen wir uns doch mal kurz. Also, die einen hören Jazz, die anderen Blues, Gospel, R & B, Hip Hop, Techno, Pop, Heavy Metal, House, Psychadelic, Folk Rock gar oder Rock'n Roll und wir sollen allen Ernstes glauben, daß es unter all diesen eine Form gibt, welche für sich in Anspruch nehmen kann, die Kunst der Gegenwart zu sein?

Warum reden wir dann bloß noch von moderner Musik und Klassik? Weil das Hegeltum im Bürgertum unausrottbar festsitzt? Bin ich, weil ich solches frage, postmodern? Es gibt wohl keinen weniger postmodernen Menschen als mich, gemessen an dem was ich hier bisher so geschrieben habe. Aber halten wir fest, daß es in Intellektuellenkreisen nichts Ungewöhnliches ist, wenn man für einen unverstellten Blick einer besonders verwerflichen Denkschule zugerechnet wird.

Bleiben wir noch etwas in dieser absonderlichen Welt. Beethovens Fünfte und Sechste, Schuberts Unvollendete, die sind so populär, weil sie so volkstümlich sind. Jetzt alle Völker oder nur die Deutschen? Ich meine, angelsächsischer Pop hört sich halt anders an. Haben wir hier einen Überlegenheitskomplex, daß wir uns einfach nicht trauen, damit rauszurücken, daß die Musik, welche das Volk bei uns pfeift von Beethoven stammt und nicht von den Beatles?

Es riecht danach. Klassik bedeutet den Menschen auch heute noch etwas, sie ist immer noch aktuell. Und daß nicht, weil sie halt klassisch, formvollendet und nachahmenswert - beides gänzlich hohle Worthülsen - ist, sondern weil uns ihr kommunikatives Anliegen erreicht. Nur, daß heute einer uns auf dieselbe Weise erreichen können wollte, daß ist schlichtweg nicht hinnehmbar, denn er imitierte nur einen längst verstorbenen Geist, den man lieber respektvoll in seinem Grab ruhen lassen sollte!

Na wartet, ihr verdient's nicht besser. Irgendwann werde ich hier auch noch eine Symphonie veröffentlichen. Wenn's sonst keiner macht, dann muß man's halt selber machen, auch wenn die andern einen dann mit dummen Bemerkungen über die eigene Unzeitgemäßheit zupflastern, wie zuletzt bei den Stone Roses. Leider habe ich bisher nur einen Satz, sehr volkstümlich, da bin ich mir allerdings sicher.

Formvollendung! Sicher, eine Symphonie, das ist was ganz Hohes, da kommt halt heute keiner mehr ran. Was für ein ausgemachter Unsinn! Eine Symphonie erwächst aus einer, na, sagen wir mal, vier Takte langen Weise, und alles was der Komponist anschließend macht, ist sie gemäß der eigenen Vorstellung davon, wie sie sich organisch und wesenstreu fortsetzte, gleichsam in sich hineinhorchend, fortzuspinnen. Das alles ist zunächst in einer Melodiestimme gehalten und wird dann später zur Formvollendung gebracht, welches auch nichts anderes ist, als die Hintergrundechos der ursprünglichen Intuition einzufangen.

Und nochmal, nur weil Pfitzner an einem Punkt angelangt war, an dem sich ihm jede Volkstümlichkeit verschloß, weil die Vorstellung davon, was das Volk berechtigterweise hoffen dürfte, aufgezehrt war, hat sich doch dadurch nicht die Hoffnung des Volkes für alle Zeiten in Luft aufgelöst.

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