Bereitschaftsbeitrag

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16. Januar 2017

Der Weg ins Unvorstellbare

Die Teilung der Welt in einen spanischen und einen portugiesischen Teil erzeugte den Ungehorsam gegen die Kirche. Nationaler Wettstreit war den Königen erlaubt, so lange sie die Rechte des Volkes nicht verletzten, Rechte, in welche es durch die Annahme des Christentums gekommen war. Indem sich die Welt nun den seefahrenden Nationen öffnete, öffnete sie sich zugleich ihrem regellosen Wettstreit, denn die Kirche konnte nicht hoffen, Mission und Eroberung unter diesen Bedingungen auf die gewohnte Art zu verflechten, zu groß waren die militärischen Verlockungen.

Was geschah also?

Die Kirche zimmerte einen illusorischen Rahmen, in welchem sie ihrem Auftrag hätte gerecht werden können, aber das Ergebnis dieser Entscheidung war, daß sie ihren Auftrag an die Nationen abtrat.

Als nächstes gedachte die Kirche die Einheit des Volkes im Rahmen der Aufhebung der Standesunterschiede durch die allgemeinen Menschenrechte wiederherzustellen, was in erster Linie daran scheiterte, daß das Bedürfnis der Engländer an dieser Aufhebung nach dem Englischen Bürgerkrieg bereits merklich gesunken war, und in zweiter Linie am Zynismus der Befreier.

Napoléon hatte in Rußland nicht viel verloren, nur ein paar hunderttausend Deutsche, die Brüderlichkeit aller Menschen war schnurstracks in etwas anderes übergegangen.

Was war dieses Mal passiert?

Die Kirche beschwor das Fundament der christlichen Menschenwürde, um die Menschheit aus ihren bestehenden Organisationen zu lösen, so daß organisationsbasierte Ungleichbehandlungen, unter welchen insbesondere Katholiken zunehmend litten, überwunden würden. Stattdessen hat sie dann dieses Fundament im Rahmen einer formal höher legitimierten Herrschaftsdoktrin zerbrochen.

Man kann auch sagen, daß die Kirche durch den Schritt der Betonung der geschichtlich gewachsenen, konkreten Würde und der Abschwächung der national formulierten ethischen Ideale ihre eigene Vorbildfunktion bei der Formulierung dieser Ideale verloren hat, mit anderen Worten also nach dem Verlust der Judikative nach dem ersten Versuch der Verteidigung ihres Einflusses nun auch noch die Legislative an die Exekutive, also die weltlichen Herrscher, abtrat.

Und in Folge dessen haben sich europäische Staatsdoktrinen dann auch zunehmend vom christlichen Glauben entfernt, was einen sich selbst verstärkenden Prozeß darstellt, denn je weiter sich eine Doktrin vom Christentum entfernt, desto weniger entsprechen ihre Herrschaftsakte christlichen Erwartungen, und je weniger Herrschaftsakte christlichen Erwartungen entsprechen, desto größer ist die Bereitschaft, vom Christentum abweichende Staatsdoktrinen aufzustellen.

Ich habe dies alles schon zuvor besprochen und stellenweise etwas anders dargestellt, mit größerem Gewicht auf dem Machtwillen der katholischen Kirche und dem gesellschaftlichen Alter, aber ich bin von der Wichtigkeit dieser Sichtweise hier überzeugt: Es zeigt sich ein Muster, das Muster des Aufstiegs des Teufels.

Ein Gut, welches man besitzt, wird daran gesetzt, ein unerreichbares Gut zu erreichen, und dadurch aufgebraucht: Zuerst die Autorität der Kirche, um der Stabilität Willen, dann ihre Heiligkeit, um der Gleichbehandlung Willen.

Es ist noch nicht zu Ende, fürchte ich. Es geht nur seinem Ende entgegen. Was bleibt?

Was der Kirche ist, ist immer auch Christi. Christi Autorität, Christi Heiligkeit. Das Vertrauen auf Christus?

In dem Sinne, daß Christus kein verbindliches Vorbild mehr ist, aber immerhin noch als ein sicherer Weg durch's Leben betrachtet wird, sowohl für den einzelnen Christen als auch für den Einzelnen in einer Gemeinschaft von Christen.

Was würde der Teufel sagen? Etwa nicht: Ihr habt doch dieses sichere gesellschaftliche Umfeld. Setzt es nur ein, und ihr werdet jene, welche sich nicht in eure Staatsdoktrin fügen, überzeugen.

Autorität für unerreichbare Stabilität, Heiligkeit für unerreichbare Gleichbehandlung, Vertrauen für unerreichbare Herrschaft.

Und was kommt dann?

Das, was wir uns heute noch nicht vorstellen können.

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