Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

29. Dezember 2008

Die drei Schlachtfelder

Es ist töricht zu glauben, daß nur um Herrschaftsbereiche gekämpft werde, denn Machtausübung hat psychologische Voraussetzungen, welche sich oftmals leichter unterminieren lassen als einen direkten Angriff zu führen. Am deutlichsten zeigt sich dies natürlich bei der Tierdressur. Das Tier wird dabei an eine bestimmte Verhaltensweise gewöhnt, und diese Gewohnheit verhindert in der Folge, daß das Tier seine ursprünglichen Handlungsanreize aufnimmt.

Beim Menschen nun gibt es noch eine weitere Art der Zähmung, welche nicht auf die Unterdrückung seiner Wirkungsansprüche abzielt, sondern auf die Verwirrung seines Selbstverständnisses.

Dabei besteht ein gewisser Gegensatz zwischen den zugehörigen Freiheitsbestrebungen, denn jedes Selbstverständnis beinhaltet auf es gegründete Gewohnheiten, welche im einzelnen Fall zu psychischem Anpassungsdruck führen können. Das deutlichste Beispiel ist wohl das im Rahmen der Gastfreundschaft geschlachtete Lamm, welches einem Vegetarier angeboten wird.

Derartige Dinge passieren stets, sobald man sich gesellschaftlich auf gewisse Grundpfeiler dessen festlegt, was das menschliche Wesen ausmacht. Würde man auf diese verzichten, raubte man damit dem sozialen Umgang seinen ethischen Wert, was auch wieder völlig inakzeptabel wäre.

Kulturen definieren sich durch ihre Verallgemeinerungen und sind somit zwangsläufig fehlerbehaftet, deswegen gibt es ihrer auch mehrere, welchen indes insgesamt ihre Sterblichkeit gemein ist. Es ist diese mangelnde Vollkommenheit, welche in den letzten 150 Jahren dazu geführt hat, gesellschaftlichen Fortschritt ex negativo zu definieren, also die Aufhebung von Ungerechtigkeiten und Hindernissen in den Mittelpunkt zu stellen, was freilich zu Lasten zunächst des Selbstverständnisses und in Folge dessen der menschlichen Substanz geht.

Interessanterweise ist dieser Schwenk umgehend thematisiert worden, in herausragender Form von Friedrich Wilhelm Nietzsche, welcher in ihm allerdings die bloße Fortführung der jüdisch-christlichen Moral sah. Das allerdings ist überzogen, denn sowohl die jüdische, als auch die christliche Lebensweise hat jeweils einen positiven Kern, ganz im Gegensatz zu den Utopiegebilden, welche aus dem Hegelschen Gedankengut emporsprossen. Aber auch wenn Nietzsche diesen Kern nicht zur Kenntnis nehmen wollte, mindert das nicht die Berechtigung seiner Einwände gegen eine gesellschaftliche Dynamik, welche lediglich auf Negation ausgerichtet ist und im Endeffekt eine gute, wenn auch nicht vollkommene Herrschaft, durch eine katastrophale ersetzt.

Wie gesagt, es besteht in dieser Frage ein Gegensatz zwischen für sich genommen löblichen Absichten, welcher heute zu Lasten eines menschlichen Miteinanders, welches eben eine Vorstellung des Menschseins des Gegenübers voraussetzt, aufgelöst wird, und ohne menschliches Miteinander kann dann auch kein Mensch mehr sonderlich gut Mensch sein.

Dies ist natürlich der Grundgedanke des Nihilismus', daß es etwas dreckiges zu gebähren gelte, wie Nietzsche es gesagt hat. So beliebig, denke ich, müssen wir aber nicht verfahren, dafür besitzen wir ethischen Instinkt genug, aber es bleibt natürlich ein ungeheuerliches gesellschaftliches Versagen, daß diese Fragestellung der wissenschaftlichen Diskussion entglitten ist und sich auf die historische Weise politisch manifestiert hat. Ein Versagen, von dem wir auch heute noch nicht frei sind, und es scheint mir darum so, als ob der größte Dienst, welchen man der Gesellschaft heute erbringen könne, darin bestehe, das Gefallen der Menschen an universeller Regulierung gründlich zu zerrütten.

Aber wie dem auch sei, dieses entbindet den Einzelnen ja nicht von seiner Verantwortung für die Gewichtung von Bewertung und Offenheit, und seine eigene Position diesbezüglich zu finden, mit welchen Maßen man sich und andere messen will, welche Freiheiten man sich und anderen gestatten möchte, ist ein langwieriger und schwieriger Prozeß und je langwieriger und schwieriger, desto weniger die vorherrschende politische Strömung darauf verzichtet, ihre eigene Meinung durchzudrücken, wozu sie natürlich immer neigt, nur dummerweise in wodurch auch immer verschuldeten Krisenzeiten (also insbesondere auch in selbstverschuldeten) um so unnachgiebiger, was zu der unschönen Erscheinung des hadernden Sturkopfes führt, welche man allerdings nur dort findet, wo Gutes zu tun bestrebte Menschen Verantwortung tragen.

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