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17. März 2021

Erleben und Miterleben




Wenn man jemanden mag, mag man auch, wen er mag. Mag ich Wagner und er Schopenhauer, so mag ich auch Schopenhauer, und wenn Schopenhauer Platon mag, so mag ich auch Platon. Umgekehrt ist es natürlich nicht immer so, Schopenhauer, beispielsweise, hat Wagner nicht gemocht. Aber da ich Supertramp mag und Supertramp Spooky Tooth mag, mag ich selbstverständlich auch Spooky Tooth.

Es gibt zwei Arten von Erleben, nämlich Erleben und Miterleben. Von der ersten Art gibt es wiederum zwei Unterarten, nämlich Vergegenwärtigen und Durchleben. Vergegenwärtigen bedeutet, sich eine Handlung zur Erwägung ihrer Ausführung vorzustellen, wozu es in den Sprachen der Menschen den Konjunktiv gibt.

Vom Miterleben gibt es hingegen drei Unterarten, nämlich Träumen, Einfühlen und Phantasieren. Ganz grundlos bin ich nicht auf Spooky Tooth gekommen. Beim Phantasieren stellen wir uns auf bestimmte Anhaltspunkte hin Erlebnisse vor, und beim Einfühlen versuchen wir, die Erlebnisse von anderen mitzuempfinden - ich möchte nicht behaupten, daß es ganz dasselbe ist. Dennoch, die Grenzen verwischen bisweilen, ein Buch erfordert Phantasie, in Musik fühlen wir uns ein, aber wenn es ein Film ist, so ist es nicht ganz klar.

Was Erleben von Miterleben trennt ist das emotionale Spektrum, denn drei Gefühle sind vom Miterleben ausgeschlossen, nämlich Erwartung, Adäquanz (Verallgemeinerung der Sicherheit) und Stimmung (Unterart der Wertschätzung), und zwar deshalb, weil sie unsere dynamische Bedingtheit evaluieren,
  • die Erwartung das Sein,
  • die Adäquanz unsere Stellung und
  • die Stimmung unsere Haltung,
und damit stets auf unser eigenes Leben zurückkommen. Allerdings ist es möglich, daß mehrere Menschen zeitweilig dieselbe Haltung annehmen und ihr gegenüber dieselbe Stimmung empfinden, ebenso wie sie auch dasselbe erwarten mögen oder sich auf dieselbe Weise stellen und dieselbe Adäquanz empfinden, doch ist gleiches Erleben noch kein Miterleben.

Freilich hätten wir auch sagen können, daß beim Erleben das Zeitliche in seinem natürlichen Zusammenhang steht, während es beim Miterleben zersplittert ist: Wohl kann ich über den Bau eines Anderen Stolz empfinden, aber was weiß ich schon von der Verwirklichung des Guten, welche ihn erwirkt hat? Was von der Situation und dem Aufwand des Architekten? Doch wenn wir dies präzisieren wollten, würden wir zu dem Begriff des von uns Ausgelösten zurückfinden, und dieser wäre erstens nur beim Durchleben gegeben, und zweitens geht insbesondere die Liebe zur Zustandserfassung der eigentlichen Verwirklichung lange voraus, so daß wir ihr Erleben nicht füglich vom Miterleben scheiden könnten.

Doch indem wir fragen, was einer vom Sein, seiner Stellung oder seiner Haltung weiß, wissen wir sofort, ob er erlebt oder miterlebt, denn wenn er miterlebt, weiß er nichts von ihnen, und das Sein verkennend atrophiert sein eigenes, sein Erleben.

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