Halbschlaf oder bewußt gesteuertes Halluzinieren
Ingo Swann fragt hier in die Runde, ob die Leute das, was sie sich vorstellen, sehen können, und sie bejahen es, worauf er sagt, daß dies niemand erklären könne. Nun, ich kann das, was ich mir vorstelle, nicht sehen, und wenn ich die Augen schließe, sehe ich Farbtöne im rot bis violettem Spektrum, welche unter Umständen auf der roten Seite bis ins Gelbgrüne übergehen.
Im Halbschlaf allerdings verhält es sich anders: Ich stelle mir etwas vor, ob ausgemalt oder eingelöst, und in einem Moment des Fallenlassens, welcher dem Einschlafen ähnelt, wache ich gleichsam gleich wieder zu einer tatsächlichen Wahrnehmung des Vorgestellten auf, vermisse jedoch die Tat und die (linear) zeitlich voraufgegangene Wahrnehmung, aus welchen sie hervorgegangen ist und mit ihnen meine Verantwortlichkeit für sie, an welcher Stelle ich begreife, daß ich mich im Halbschlaf befinde. Ein- oder zweimal in meinem Leben wollte ich aus ihm aufwachen und konnte es aber nicht, so daß sich das mit offenen Augen Wahrgenommene mit dem Ausgemalten vermischte, sich eine Nachttischlampe schlängelte und dergleichen mehr, aber glücklicherweise nur für einen Augenblick.
Vorliegenden Schilderungen nach scheint es chemische Substanzen zu geben, deren Konsum diesen Geisteszustand (möglicherweise auch diese Geisteszustände) einleiten, und insbesondere wird auch gemutmaßt, daß die delphische Sybille derartige Dämpfe inhalierte - mich würde allerdings mehr interessieren, ob sich Ingo Swann's damaliges Publikum tatsächlich zeitlebens, wenn es sich etwas vorstellt, in ihm befindet.
Nach dem, was Schopenhauer zu den Begriffen schreibt, müßte es für ihn so gewesen sein, aber ich bezweifle es, sagt er doch, daß sie Abstraktionen der konkreten Vorstellungen seien, welche sie in unserem Denken vertreten, da wir andernfalls, wenn wir einem Gespräch folgten, von einer Bilderflut überrannt würden. Ich glaube aber nicht, daß Schopenhauer auch nur ein vorgestelltes Bild jemals im wachen Zustand gesehen hat und er dies nur deshalb sagt, weil es ihn als Philosophen wurmt, nicht erklären zu können, auf welche Weise uns Vorstellungen bewußt sind, denn er sagt ja auch, daß das Träumen dadurch zu Stande käme, daß sich die Kausalität zwischen Gehirn und Sinnesorganen umkehrt, und wenn dies so wäre, ist es ausgeschlossen, daß wir im wachen Zustand ein vorgestelltes Bild sehen.
Tatsächlich sind wir uns unserer Vorstellungen nur mittelbar dadurch bewußt, daß sie unsere Besinnungen zu steuern vermögen, das heißt: Wir erleben, daß wir in unterschiedlichen Lagen sind, nämlich in die Lage versetzt, uns auf die jeweilige Weise zu besinnen, also
- Aufmerksamkeiten verfolgen,
- Verständnisse einlösen und
- Bedachte auslösen zu können,
Eine Offenbarung findet demnach genau dann statt, wenn sich die Lage, uns zu besinnen, in welcher wir uns befinden, nicht rekonstruieren läßt, wobei dies in Form der Inspiration auch die Aufmerksamkeit, jedoch eine Offenbarung im engeren Sinne das Verständnis betrifft, wohingegen ein nicht rekonstruierbarer Bedacht als ein außerordentliches Erfülltsein von einer Kraft erlebt wird.
Daß sich Offenbarung jemals in Träumen oder Halluzinationen vollzieht ist keinesfalls klar, dieselben mögen lediglich Begleiterscheinungen sein, derart ein unrekonstruierbares Verständnis eingelöst wird und dann im oben besprochenen Geisteszustand infolge des Fallenlassens der resultierenden Vorstellung wahrgenommen. Wo dies hingegen nicht stattfindet, bildet sich schlicht der Bedacht, bestimmte Worte auszusprechen oder auch nur das zusätzliche Verständnis, durch welches wir uns an deren zugehörigen Klang erinnern, im Geist, wobei ich allerdings zugeben muß, daß als innere Stimme vorgestellte Worte tatsächlich gewissermaßen gehört und also nicht rekonstruiert werden müssen, also etwa wenn ich diesen Satz schreibe und mir dabei die Frage stelle, ob er glücklich formuliert ist.
Eine direkte Offenbarung in der Aufmerksamkeit, welche nicht alleine die Verfolgung betrifft, wie es die Inspiration tut, sondern auch dasjenige, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet, müßte als plötzliche Erweiterung der Wahrnehmung erlebt werden, wobei etwaig auftretende Ahnungen aber als zu ihr erwacht inspirierte Verfolgungen betreffen und keine Erweiterung der Wahrnehmung darstellen, wie von Rudolf Steiner suggeriert, und die einzigen Berichte, welche dem entgegen die Erweiterung der Wahrnehmung selbst schildern, betreffen Visionen entfernter Umstände, wobei es im oben geschilderten Geisteszustand aber nicht ausgeschlossen werden kann, daß es sich um Vorstellungen unrekonstruierbar Verstandenens handelt, und Ingo Swann's Schilderungen der größten Erfolge seines Musterschülers, nämlich daß sie stets gerade etwa zu wenig wahrnahmen, um die angeblich gesehenen Objekte zu identifizieren, deuten darauf hin, daß es sich tatsächlich um solche Vorstellungen handelt.
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