Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

23. September 2022

Haltungskoordination und -delegation des neuen Menschen

Ich sprach bisher davon, daß die Haltungsdelegation im Gegensatz zur Erfahrungs- und Vorhabendelegation, immer wechselseitig sei, doch der vorige Beitrag hat mich zu der Einsicht geführt, daß dies nicht so ist.

Bei der wechselseitigen Haltungsdelegation, bei welcher also jeder zugleich Prüfer und Kandidat ist, bietet einer als Prüfer dem anderen als Kandidaten ein Verhalten an, indem er beispielsweise Guten Tag! sagt, was ein Angebot zu einer bestimmten Art der Unterhaltung ist. Das Ziel dabei besteht darin, ein Verhalten auszuhandeln, welchem beide Seiten zustimmen können, und die Erwartung dabei ist, daß jeder Verhandlungsteilnehmer durch Verhaltensangebote und geeignete Belohnungen oder Bestrafungen des vorliegenden Verhaltens sicherstellt, daß sich das Verhalten zielgemäß einpendelt.

Wenn es allerdings zu der im vorigen Beitrag beschriebenen sozialen Angliederung eines Menschen kommt, so rückt er zunehmend von diesem Verhalten, der wechselseitigen Zurechtweisung, ab und beginnt stattdessen, sich mit von ihm erwarteten Verhalten abzufinden, was den im vorigen Beitrag beschriebenen ideellen Anschluß begünstigt. Und gleichzeitig beginnen diejenigen, welchen er sich sozial anschließt, damit, sich über die Einstellung seines Verhaltens Gedanken zu machen und sich zu diesem Zweck zu verbünden, gleich ob es sich um Händler handelt, welche Franchises anbieten oder um sozialistische Studentengruppen, und das ist eben der neue Mensch, auf der einen Seite mit einander verbündete Einsteller (einseitiges Prüferpendant) und auf der anderen Abfinder (einseitiges Kandidatenpendant), welche ihre Haltung an die Einsteller einseitig delegieren.

Die kapitalistische Form dieser Entwicklung habe ich stets unter dem Aspekt der Verhöhnung des Mitmenschen gesehen, wo die eigene intellektuelle Überlegenheit darin besteht, sich über seine Manipulierbarkeit im Klaren zu sein und sie zum eigenen Vorteil zu praktizieren, wobei jene, welche sich damit abfinden, es zumeist nur partiell tun, dergestalt sie in bestimmten Bereichen auftrumpfen und ihrem Eigensinn frönen. Schön, aber, ist diese Entwicklung nicht, und ich kann über solche Menschen, gleich ob Einsteller oder Abfinder, nur meinen Kopf schütteln.

Und was die sozialistische Form angeht, so sind mir die Einsteller dort etwas sympathischer, weil sie nicht aus zynischem Eigennutz, sondern aus Pflichtgefühl heraus handeln, doch die Abfinder dafür noch unsympathischer, weil ihre Abfindung total ist, weil sie jedes Verhaltensangebot als kollektives Gesetz betrachten, mit welchem sie sich abzufinden haben, es also mißtrauisch in Erwartung seiner Zumutungen beäugen, anstatt ihre Interessen durch eigene Verhaltensangebote und geeignete Korrekturen einzubringen, vielmehr darauf sinnend, andere zu finden, welche ihren Unmut teilen, und sich, wenn es wieder einmal so weit ist, gegen die Einsteller aufzulehnen. Mit anderen Worten also ein passiver, mißtrauischer, hinterrückscher Menschenschlag, welchen die Einsteller in Erfüllung ihrer Pflicht erzeugen, aber auch wenn die kapitalistischen Abfindenden noch nicht ganz dort angekommen sind, annähern tun sie sich diesem Endpunkt jetzt schon.

Labels: , , , , , , , , , , , , ,