Bereitschaftsbeitrag

Zur Front

2. Juli 2026

Zur Wagner'schen Prophetie

Im Gegensatz zur Dostojewskij'schen betrifft die Wagner'sche Prophetie nicht einen der im vorigen Beitrag genannten Staatsbetriebsänderungsauslöser, auch wenn sie die Erwartung der Regierten betrifft, was an Wagners politischer Deutung der Schopenhauer'schen Resignation liegt, wozu ich etwas weiter ausholen muß.

Wie Philip Kindred Dick in VALIS schreibt:
#2. The Mind lets in the light, then the dark; in interaction; so time is generated. At the end Mind awards victory to the light; time ceases and the Mind is complete.
[...]
The universe is contracting into a unitary entity which is completing itself. Decay and disorder are seen by us in reverse, as increasing
,
was so zu verstehen ist, daß die Ordnung, welche wir durch Selbsterkenntnis erlangen, auf der Analyse des unseren Erfahrungen begegnenden Willens beruht, und somit einen immer schon vergangenen Standard darstellt, vor dessen Hintergrund die Welt ihre Ordnung zu verlieren scheint, während wir unsere Ordnung erlangen, und dies hat natürlich auch generationale Auswirkungen, insofern es ja möglich wäre, die Ordnung der vorigen Generation als eigene zu akzeptieren, in welchem Falle die ganze Welt in Ordnung wäre.

Genau das ist Wagners Deutung von Schopenhauers Resignationsversprechen, also daß wir alle unsere erbärmlichen Probleme los würden, wenn wir unsere Art nur selbst erkennten und uns nicht von welschem Dunst und welschem Tand verführen ließen, vom Golde gekirrt nur noch nach Gold zu gieren.

Dies nun nimmt die Haltung ein, daß das Zeitalter der Werke weit genug vorangeschritten ist, und wir wunschlos glücklich ein könnten, wenn wir bloß unsere Seele polierten und Minderwertigkeitskomplexen etwa und dem aus ihnen erwachsenden Drang zur Selbstbestätigung, gemeinhin durch Erniedrigung anderer, abschwüren.

Ich schrieb wiederholt zu diesem Thema, daß wir dazu einer Bescheidenheit bedürften, welche wir nicht besitzen, und ob wir nun
  • beginnen uns in einer When the Bough Breaks-artigen Welt zu langweilen und neue Erfahrungen zu suchen, welche uns unsere Technologie ermöglicht, oder
  • zu neuen Erfhhrungen gezwungen werden, um den zunehmend Skynet-artigen Repressionen des Zeitalters der Werke zu entkommen,
in beiden Fällen gewinnen wir ein Interesse am Fortschritt des generativen Zykels des Zeitalters der Wunder, welches heute noch schläft.

Wagner täuscht sich also, was die gegenwärtige Erreichbarkeit der ewigen Glückseligkeit angeht, doch auch wenn er das nicht täte: Diese Resignation verträte einen Fortschritt, und wie die Fortschritts-, so wirkte auch diese Resignationserwartung im Rahmen eines Freiheitskampfes gegen eine sie verweigernde Regierung. Und an der Stelle wird Wagners Fehleinschätzung natürlich offensichtlich.

Und so ärgert sich Wagner auch über Bismarck, welcher die nötigen Staatsbetriebsänderungen vornahm, ohne die Wagner'sche Resignation voranzutreiben, und auch Hitler tat es später nicht. Wir leben heute tatsächlich in der wagnersten aller deutschen Zeiten bisher, wobei der Grund für seine fortgesetzte Relevanz darin besteht, daß Wagner hinsichtlich der Erstrebenswertheit des Fortschritts des generativen Zykels des Zeitalters der Werke Recht hat, aber gleichzeitig arbeitet er auf eine Revolution hin, welche frühestens in ein paar tausend Jahren stattfinden kann, und bis dahin ignoriert er alle tatsächlichen Staatsbetriebsänderungsauslöser - wie auch die Kirchen und die Juden, welche die Geduld verlieren: Welche Optionen haben sie? Doch nur eine, nämlich den neuen Menschen zu züchten, welcher Aldous Huxley's Brave New World akzeptiert.

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