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„Daß du nicht weißt, was dir frommt, des faß ich jetzt deines als Pfand!“
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7. August 2010

Vom Geist, der stets verneint.

Was ist das Geheimnis der Entwicklung Europas?

Liegt es in der Natur der Europäer, ihrem Charakter, ihrer Intelligenz oder liegt es an der Topologie des europäischen Kontinents, seiner Unterteiltheit?

Das spielt alles eine Rolle, aber der eigentliche Grund für Europas Entwicklung besteht darin, daß dem Element des Chaos in Europa Raum gelassen wurde.

Unter einer chaotischen Kraft verstehe ich eine zufällig agierende, ziellose Kraft, welche die bestehende Ordnung angreift. Ein solcher Angriff kann aber gar nicht anders geführt werden, als daß gesellschaftliche Verbindungen aufgelöst und nicht wieder neu geknüpft werden, was wiederum praktisch nicht anders von statten gehen kann, als daß Instanzen der herrschenden Ordnung von Menschen besetzt werden, welche sich anderen Kreisen zugehörig fühlen als dem Kreis derjenigen, welche sie hüten. Und Kreise, welche aus bloßem Eigennutz solche Angriffe führen, agieren, vom Standpunkt der herrschenden Ordnung aus, auch zufällig und ziellos.

Mit anderen Worten hat es in Europa Tradition, ordnungsrelevante Stellen liberal zu besetzen, liberal vom Standpunkt der herrschenden Ordnung aus, soll heißen, daß Europa traditionell eher lasch Gesinnungsprüfung betreibt und daß aus dieser Nachsicht eine stete Tendenz zur Auflösung bestehender gesellschaftlicher Verbindungen folgt, welche natürlich durch Anstrengungen zur Knüpfung neuer Verbindungen bekämpft wird, woraus sich Entwicklung ergibt.

Wenn man den Blick auf's Ganze richtet und sich fragt, was diese Laschheit in den letzten 2000 Jahren bewirkt hat, so lautet die Antwort, daß der stete Zwang, sich neu einzurichten, dazu geführt hat, daß die öffentliche Diskussion von Vernunft und der geschichtlichen Perspektive bestimmt wird. Nun mag jemand einwenden, daß es im Moment nicht gerade danach aussieht, aber im Vergleich zu vor 2000 Jahren, wenn man Europa als Ganzes betrachtet, gilt es schon. Und durch diese Elemente der öffentlichen Diskussion haben sich unsere Gesellschaften von fremdbestimmten zu selbstbestimmten Gesellschaften gewandelt.

Nun ist aber die heutige Zeit ein besonderer Fall. Die jetzige, auslebensorientierte Elite wurde durch dieses spezifisch europäische chaotische Element an die Macht gespült und weiß das auch. Sie glaubt indes, daß es speziell ihr Diener ist und ihr dabei helfen wird, ihren Machtbereich noch weiter auszudehnen. Das ist aber nicht der Fall, denn dieses Element wirkt nur im europäischen Machtbereich und dort prinzipiell gegen die gerade herrschende Ordnung. Da die herrschende Ordnung aber glaubt, daß es ihr Diener sei, versucht sie noch nicht einmal, sich ihm in den Weg zu stellen, wie es zuvor jede Ordnung tat, wenn sie ihre eigene Bedrohung spürte, sondern hat effektiv aufgehört, auf die chaotischen Ereignisse, welche ihre Herrschaft zerreissen, überhaupt noch Einfluß nehmen zu können.

Neue Verbindungen zu knüpfen ist, wie stets, wieder Aufgabe der anderen Europäer. Darin liegt natürlich eine Chance, aber zugleich auch eine endgültige Anforderung, denn aufgrund der sich verschiebenden globalen Machtverhältnisse kann sich Europa in absehbarer Zeit die eigene Selbstauflösung zum Zwecke weiteren gesellschaftlichen Fortschritts nicht mehr leisten. Gestaltete Europa indes eine Friedensordnung, so würde sie von allen, welche dazu prädisponiert sind, auf ihre Weise übernommen. Um jene, welche dazu nicht prädisponiert sind, braucht man sich keine Sorgen zu machen, sie folgen einfach auch weiterhin ihrem alten Trott, welcher ipso facto keinen Grund zur Beunruhigung darstellt.

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31. Juli 2010

Kulturell dokumentierte Mangelerscheinungen von Heiligkeit

Es stellt sich die Frage, ob heute im Jahre 2010 Anno Domini jemand die gesellschaftliche Gestaltungsmacht in seinen Händen hält oder nicht, eine Frage, welche ich bejahen würde, da sich kaum irgendwo Beispiele von spontaner gesellschaftlicher Organisation finden.

Nun mag man lange darüber spekulieren, wer diese Macht wohl in seinen Händen hält, wichtiger indes ist es zu verstehen, wohin die Reise geht und warum sie dahin geht und nirgendwo sonst hin.

Ich wurde durch einen Zeitungsbericht über Surfunterricht auf dieses Thema gestoßen. Was ist Surfen eigentlich? Eine Aktivität, ein Lebensstil? Weder noch, denn Surfen ist mehr als eine Aktivität und weniger als ein Lebensstil. Was ist Surfen? Ein Eskapismusgewerbe. Und Surfen ist nicht das einzige Eskapismusgewerbe, es muß auch nicht immer Sport sein oder überhaupt nur Unterhaltungsindustrie, nein, sogar das Religiöse wird mehr und mehr zu einem Eskapismusgewerbe und in Ansätzen auch schon die Bildung.

Noch deutlicher als Eskapismus ist Ausleben für das, was dort gehandelt wird. Ausleben ist der Gegensatz zu Verherrlichen, das einem Triebe Nachgehen, welchen man nicht als heilig erachtet, sondern als irrationales Überbleibsel, welches es durch Sättigung zu zähmen gilt.

Beim Surfen ist es der Bewegungsdrang, beim Religiösen die kindliche Freude an Farben und Formen oder faszinierenden Stoffen und bei der Bildung ist es eine Mischung aus Neugierde und Eitelkeit.

Wir leben in der Zeit der Herrschaft des Pessimismus, das Leben gilt es durch Eskapaden zu überwinden. Wir müssen frei werden, um ins Nichts eingehen zu können. Das Leben selbst ist die Schuld, mit welcher wir geboren werden und welche es zu begleichen gilt.

Dies ist die verblüffende Wahrheit, zwar scheint alles darauf ausgerichtet, das Leben bis in die letzte Faser zu genießen, aber der Zweck dieses Genusses ist, ob man es will oder nicht, die Befreiung von der Lust.

Den heute Herrschenden ist nichts heilig, die Gesellschaft ist ihnen nichts weiter als ein Leib, ihre Wollust zu stillen, bildlich und zum Teil auch tatsächlich gesprochen. Da dies alles auf dem freien Markt geschieht, erlaubt es letztlich jedem, der es will, an diesem Fest teilzunehmen und sich restlos auszuleben.

Die Welt heute ist eine große Stadt, in welche früher die Ländler zogen, um in ihr zu versiegen, doch wer sorgt heute für den Zufluß?

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29. Juli 2010

Kulturell dokumentierte Formen von Heiligkeit

Sakralbauten und Riten einer Kultur bringen deren vorherrschendes Verständnis von Heiligkeit zum Ausdruck. Dabei muß man Kulte danach unterscheiden, ob sie eine Form der Unterdrückung darstellen oder ob es sich bei ihnen um Quellen der Kraft handelt. Nur letzteren gilt hier mein Interesse.

Glücklicherweise bin ich genug in der Welt herumgekommen, um über alle Formen, welche ich hier zu behandeln gedenke, aus eigener Anschauung reden zu können, was ich zunächst auch nur tun werde, also meine unmittelbaren Eindrücke beschreiben.

In der näheren Umgebung Cordobas befindet sich eine alte Moschee im persisch-jüdischen Stil. Sie steht zusammen mit einigen anderen Ruinen auf einer Anhöhe vor einem Bergkamm und besteht aus nichts weiter als einem gemäßigt länglichem zwei Stockwerke hohen Raum, dessen Seitenverhältnisse ganzzahlig vorgegeben sind und ihn sofort als Tempel kenntlich machen. Es sind dies ebenfalls die Maße der Hauptbauform von Synagogen. Der einen umgebende Quader wirkt in seiner Gesetzmäßigkeit wie eine Drohung sich anzupassen. Die Ornamentik erhebt dabei die stumpfe Materie zum Symbol des Gesetzes. Von dieser Art sind auch die bekannteren Pyramiden, also Symbol des Gesetzes.

Was aber bewirkt es, wenn man vor das Gesetz gestellt wird? Es zwingt einen, sich an der gegenwätigen Situation zu beteiligen, sich zu verteidigen, indem man mit Hand anlegt, seinen Teil dazu tut. Die Form von Heiligkeit, welche sich hier manifestiert, ist der Einsatz.

Betrachten wir als zweites die Riten mancher Inder, zum Teil auch der katholischen und orthodoxen Kirche, das Verströmen wohlriechender, zum Teil ätherischer Substanzen oder das tranceartige Rezitieren des Korans, all dies hat eine erweichende Wirkung mit welcher sich zugleich ein unbestimmtes Sehnen einstellt.

Die Form von Heiligkeit, welche hier letztlich angestrebt wird, ist die Reinheit.

Zum dritten betrachten wir einen traditionellen norddeutschen protestantischen Gottesdienst und insbesondere die Inbrunst seiner klagenden Kirchenlieder. In diesen schwingt das Versprechen mit, besser zu werden, ein Eingeständnis der eigenen Fehler und zugleich ein Bekenntnis zum als richtig Erkannten.

Die Form der Heiligkeit, welche sich hier offenbart, ist die kodifizierte Edelkeit.

Und zum vierten verweise ich auf das Altarfenster der Johanneskirche in Viljandi, welches farblich sehr zurückhaltend gestaltet ist und auch nur geometrische Figuren zeigt, welche allerdings natürlichen Motiven, insbesondere Blüten, nachempfunden sind. An einem hellen Sommertag stellt sich in diesem schlichten weißen Bau dann fast so etwas wie eine Halluzination ein, erkennt man das Glasbild als eine geistige Erfassung der örtlichen sommerlichen Natur.

Darin zeigt sich die Schönheit als Form von Heiligkeit, wobei sie untrennbar mit der Fähigkeit verbunden ist, sie wahrzunehmen.

Nun handelt es sich bei Einsatz, Reinheit, Edelkeit und Schönheit natürlich gerade um die Heiligkeit der Handhabung, des Gemüts, des Verstandes und des Wesens, wobei die letzten beiden Fälle vielleicht einer Erklärung bedürfen. Edelkeit bedeutet sich moralisch zu verhalten, wobei die Moral aus einem System ethischer Einsichten folgt, welches selbst Gegenstand gesellschaftlicher Diskussion ist. In sofern der Verstand also richtig funktioniert, ethische Einsichten eingeschlossen, führt er zu Edelkeit. Was das Wesen und die Schönheit betrifft, so ist ein richtig funktionierendes Wesen gerade ein für das Schöne offenes. Da alle vier Formen irgendwo auf der Welt dominant sind und nur drei dieser Formen motivieren, heißt das, daß die lokalen Unterschiede nicht Unterschiede der Motivation, sondern des Bewußtseins sind.

Das mag etwas ins Klischeehafte gehen, aber es fußt, zumindest großteils, auf der Realität.

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28. Juli 2010

Der SPIEGEL vor 41 Jahren

Ausnahmsweise möchte ich mich einmal wieder mit etwas Gegenwärtigem, wenn man so will, beschäftigen, nämlich diesem Artikel hier: Mit dem Latein am Ende. Ich stieß auf ihn, als ich bei Wikipedia nach der eierlegenden Wollmilchsau suchte.

Einige Auszüge daraus.
Experten der weltweiten Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) konstatierten 1968, es gebe "kein Gebiet der Wissenschaft mehr, in dem Deutschland als führend bezeichnet werden könnte"; Hauptgrund für den deutschen Rückstand sei "die Vernachlässigung von seiten des Staates".
Immer häufiger sind westdeutsche Industriefirmen gezwungen, Erfindungen und technische Neuerungen im Ausland einzukaufen -- 768 Millionen Mark zahlte die deutsche Wirtschaft 1967 für ausländische Patente und Lizenzen, der Export eigener Ideen brachte ihr nur 359 Millionen Mark ein.
so stammen 80 Prozent aller Computer, die in der Bundesrepublik verkauft oder vermietet werden, von amerikanischen Elektronikfirmen; die US-Hersteller sind den Deutschen gegenüber eindeutig im Vorteil -- während sich in Amerika der Staat mit einem Anteil von 62 Prozent an den Forschungsausgaben der Computer-Industrie beteiligte, zahlte Bonn den heimischen Elektronikfirmen nur vier Prozent der Entwicklungskosten.
auf je 10000 Einwohnern kommen in den USA etwa 25 Wissenschaftler, in der Bundesrepublik dagegen nur sechs; während in Amerika insgesamt 435 000 und in der Sowjet-Union 416 000 Techniker und Wissenschaftler arbeiten, verfügt die Bundesrepublik nur über etwa 40 000 Physiker, Chemiker und Ingenieure.
Das westdeutsche Forscher-Defizit wird sich auf absehbare Zeit kaum ausgleichen lassen; von jeweils 10000 Bundesbürgern besuchen nur 45 die Universität in den USA studieren hingegen 200, in der Sowjet-Union 117 von je 10 000 Einwohnern) und während sich nur drei von zehn westdeutschen Studienanfängern für ein naturwissenschaftliches Fach entscheiden, stellen in den USA und der Sowjet-Union die Studenten der Naturwissenschaften die Hälfte des akademischen Nachwuchses.
Lehre, so interpretiert Freerksen, bedeute im Sinne Humboldts "Verkündigung von Überzeugungen durch den "Meister" an seine "Jünger"" -- nicht "Weitergabe von Kenntnis und Erfahrung" in wissenschaftlichen Spezialfächern; und unter Forschung habe Humboldt die gemeinsame Denkarbeit des Philosophen und seiner Schüler verstanden -- die Entfaltung eines universellen Gedankengebäudes, nicht empirische und experimentelle Wissenschaft.
im Bereich der Naturwissenschaft sei deshalb die Einheit von Forschung und Lehre "sachlich nicht begründbar, praktisch nicht durchführbar und ökonomisch nicht vertretbar" (Freerksen);
Angesichts der Vielzahl von Lehrfächern und des expandierenden Lehrstoffs schlägt die nutzlos gewordene Freiheit bei angehenden Naturwissenschaftlern in quälende Unsicherheit um: Durchschnittlich zwei Semester dauert es, so ermittelte der Tübinger Botanik-Professor Erwin Bünning, bis sich die Novizen ohne Anleitung und verbindlichen Studienplan in ihrem Wissenschaftsgebiet zurechtgefunden haben
Nur zwei Prozent der Befragten hatten bei Lernschwierigkeiten den Dozenten um Hilfe gebeten, nur vier Prozent fragten den Übungsleiter. Hingegen zogen es 36 Prozent der Studenten vor, in den Lehrbüchern nachzulesen, und mehr als die Hälfte aller Befragten (54 Prozent) hatte in Zweifelsfragen "mit Kommilitonen gesprochen".
Oft kommt es vor, daß wichtige Vorlesungen lange Zeit Überhaupt nicht gehalten werden -- so fiel in Hamburg eine Vorlesung über Quantenmechanik monatelang ersatzlos aus.
Die Stimmung der Nachwuchswissenschaftler an westdeutschen Hochschulinstituten, so ermittelten "infratest"-Demoskopen, zeige "in manchem erstaunliche Parallelitäten zu dem Bild ... von Arbeitslosen der zwanziger und dreißiger Jahre".
Natürlich betreibt der SPIEGEL da Wahlkampf für Willy Brandt, und dennoch ist dies ein sehr interessanter Artikel in vielerlei Hinsicht.

Einerseits klärt er Stundenten über die innere Logik deutscher Universitäten auf, an welcher sich bis heute auch nichts geändert hat, nämlich daß sie sich zum Kreis eines Professors schlagen müssen, um hernach seine Forschungsarbeit zu erledigen, daß dies aber gerade in der Anfangsphase schwierig ist, weil die verschiedenen Professoren mit einander konkurrieren und auch versuchen durch Sabotage zu verhindern, daß Studenten universelle Souveränität erlangen, welche es ihnen ermöglichte ohne Sachzwänge frei zu wählen, m.a.W. schonmal eine Vorlesung nicht gehalten wird, um einen Jahrgang zu zwingen, sich einem Professor anzuschließen, dessen Spezialgebiet diese Vorlesung als einziges nicht erfordert.

Andererseits ist es sehr aufschlußreich hier die Gleichsetzung von Wissenschaft und Naturwissenschaft von Seiten eines SPD-nahen Nachrichtenmagazins aus dem Jahre 1969 A.D. geboten zu bekommen, wohl wissend, daß gerade jene Damen und Herren, welche sich hier über deren Unterrepräsentation in Deutschland beschweren, wie keine andere Gruppe auf diesem Planeten für die Wucherung der Soziologie, der Pädagogik und ihrer Geistesverwandten gesorgt haben und immer noch sorgen.

Auf einer Metaebene ist auch die Vermittlung von Informationen ein Punkt von Interesse. Ich kan mich nicht daran erinnern in den letzten 20 Jahren einmal so etwas wie
auf je 10000 Einwohnern kommen in den USA etwa 25 Wissenschaftler, in der Bundesrepublik dagegen nur sechs;
gelesen zu haben - jedenfalls nicht im SPIEGEL. Dasgleiche gilt von substantiierter Wirtschaftspolitikkritik à la
während sich in Amerika der Staat mit einem Anteil von 62 Prozent an den Forschungsausgaben der Computer-Industrie beteiligte, zahlte Bonn den heimischen Elektronikfirmen nur vier Prozent der Entwicklungskosten.
und es liegt die Vermutung nahe, daß dieser Rückgang an Sachlich- und Übersichtlichkeit, an inhaltlicher Tiefe und Durchdringung des Gegenstandes etwas mit der Verschärfung der im Artikel scheinheilig angeprangerten spezifisch deutschen Einseitigkeit zu tun hat.

Und jedenfalls für mich ist es auch von Interesse zu erfahren, daß 36% der Studenten nachlesen, während 54% nachfragen, was nachgelesen wurde. Freilich, das war damals an einer Hochschule so. Gesamtgesellschaftlich käme man da natürlich auf ganz andere Zahlen, aber dennoch wäre es ein sehr interessanter Indikator dieses Verhältnis an deutschen Hochschulen heutzutage zu messen, um einen Begriff davon zu bekommen, wie sich das Ansehen der Selbständigkeit in Deutschland in den letzten 40 Jahren entwickelt hat. Und eine geschlechtsspezifische Aufschlüsselung wäre auch interessant.

Nun, halten wir fest, damals wie heute gab und gibt es Menschen, welche Probleme erkennen und beschreiben können. Damals wurden ihre Analysen noch verbreitet, heute nicht mehr. Allerdings wurde auch damals nur mit Verschlimmerung auf ihre Analysen reagiert. Und wirklich zum Himmel schreiende Mißstände besaßen und besitzen das Odium heiliger humanitärer Traditionen.

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19. Juli 2010

Kleine Kartographie des Bewußtseins

Hauptsächlich geht es mir an dieser Stelle darum, mich auf eine Begrifflichkeit festzulegen.

Idealerweise sollten die verwendeten Bezeichnungen sprechend sein und gar nicht anders als auf die richtige Weise gedacht werden können.

Die Gesamtheit eines einmal Bewußten möchte ich als Begebenheit bezeichnen. Der Begriff wird üblicherweise vom auktorialen Erzähler verwendet, und das hat den Vorteil, daß unter ihm alles gefaßt werden kann, was zur Schilderung einer Situation gehört, unabhängig davon, ob es sich um Ereignisse, Gedanken oder Gefühle handelt.

Begebenheiten haben Seiten, einmal bedingt durch einander begleitende Sinne, zum anderen durch die Gliederung des menschlichen Bewußtseins in Handhabung, Gemüt, Verstand und Wesen. Diese Seiten wiederum beinhalten Gepräge, worunter ich jede Synthese von aus gewissen Rahmen gewählten Werten verstehe. Prägen faßt die Festlegung eines Möglichen in vorbildlicher Knappheit und Gepräge die Vielzahl dessen. Gepräge können also auch selbst mehrere Seiten haben oder als Untergepräge Obergepräge prägen. Streng genommen sind Gepräge natürlich immer mehrdimensional (zumeist sogar unendlich dimensional), allerdings möchte ich den Begriff Seite auf die kanonischen Dimensionen des Bewußtseins beschränken und damit nicht die einzelnen Freiheitsgrade einer Prägung (Raumpunkte, Klangfarben, Tonhöhen usw.) bezeichnen, wenn sie nicht selbst kanonisch sind (wie es bei den Geschmackskomponenten der Fall ist).

Anmerkung. Die Äquivalenz von kanonisch und endlich viele entspringt dem Umstand, daß unser Gehirn aufgrund seiner eigenen Endlichkeit gerade dort willkürlich werden muß, wo es auf das Unendliche trifft. Auch muß das Unendliche aus diesem Grund stets überabzählbar sein, da andernfalls keine Gleichwertigkeit zwischen den einzelnen Elementen bestehen könnte. Dies will ich hier indes nur so dahingesagt haben und es nicht weiter vertiefen.

In jenen vier Gliedern unseres Bewußtseins erkennen wir die vier fundamentalen Zusammenhänge unserer Existenz, also zwischen Wahrnehmungen und Handlungen, zwischen Stimmungen und Haltungen, zwischen Begebenheiten und Erkenntnissen und zwischen Nöten und Schicksalswendungen, wobei sowohl die Handhabung, als auch das Gemüt, der Verstand und das Wesen zur begrenzten Umgestaltung dessen, was sie erleiden, fähig sind.

Bei der Handhabung liegt es auf der Hand, wir nehmen die Welt wahr und einen kleinen Teil ihrer können wir durch unsere Taten umgestalten. Beim Gemüt ist es die Stimmung, welche wir durch den Entschluß zu einer neuen Haltung zu einem kleinen Teil umgestalten können, beim Verstand ist die Bildung von Mustern jedweder Art, welche die Erkenntnis der Begebenheiten zu einem kleinen Teil umgestaltet und beim Wesen ist es die Bejahung der Not, welche das Schicksal zu einem kleinen Teil wenden kann.

Über letzteres möchte ich mich nicht so genau auslassen, es gibt dbzgl. einige Verse in den Evangelien, das muß an Deutlichkeit reichen.

Ein Muster hingegen ist eine Beschreibung von Verhältnissen zwischen beschreibbaren Teilen (auch deren Seiten) eines Gepräges, wobei gerade jene Teile beschreibbar sind, welche entweder einem Muster entsprechen oder von einzelnen Werten gebildet werden.

Es sind allerdings nicht alle Bildungen des Verstandes Muster. Daneben gibt es noch die Vorstellungen, welche in erster Linie der Auffindung von logischen Gesetzen dienen und auf diesem Wege die Erkenntnis von Begebenheiten bereichern.

Erkennen bedeutet wörtlich zu einem Zweck zu kennen. Der Zweck ist dabei die Bearbeitung durch den Verstand aufgrund der Berücksichtigung der auftretenden Verhältnisse. Einige Muster werden spontan gebildet, beispielsweise das Muster eines Lochs. Wer also zum ersten Mal ein Loch erkennt, und das wird in aller Regel schon vor der Vollendung des ersten Lebensjahres geschehen sein, der erkennt es nicht wieder, sondern weil sein Verstand glücklicherweise mächtig genug war, dieses Muster in just diesem Moment zu bilden. Andere Muster, wie z.B. das eines Schwammes, werden dann stückweise auf jenen aufbauend gebildet, also in dem Fall so ungefähr in der Art von ein Loch und noch ein Loch und noch ein Loch und noch ein Loch.

Es ist interessant, daß die Glieder unseres Bewußtseins alle ihrer Art nach gleich sind, es besagt nicht nur, daß wir im wesentlichen Funktionen, genauer gesagt Endomorphismen, sind, sondern auch, daß wir den Hang haben, auf Fixpunkte zuzulaufen, welche wir einst nur noch stabilisierten, was daher rührt, daß wir in allen Gliedern unsere Aktivität auf die Wahrung des uns angenehmsten Maßes eingestellt hätten.

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17. Juni 2010

Staatstheorie

Jede Gemeinschaft, als Zusammenschluß zur Verwirklichung von Gemeinschaftsaufgaben, tut gut daran, sich an Bäumen ein Beispiel zu nehmen.

Bäume versuchen einzig, so gut sie es können zu funktionieren. Zu ihrer Funktion gehört es einerseits eine Struktur zu entwickeln, auf welche sie sich in ihren fortgeschrittenen Wachstumsphasen stützen und andererseits, auf diese Struktur zurückgreifend, ihre Umwelt mit ihren Früchten zu versorgen.

In ihren Früchten befindet sich zugleich ihr Samen, so daß sie sich zugleich mit ihrer Beliebtheit verbreiten.

Könnten einzelne Menschen wie Bäume sein, in Freiheit geben ohne mehr als das Nötige zu nehmen, und zwar in jeder Beziehung, so wäre die Welt bereits seit langem ausschließlich von solchen Menschen bevölkert, denn eine bessere Verbreitungsstrategie der eigenen Erbanlagen läßt sich noch nicht einmal denken.

Das Problem ist indes, daß auch der einzelne Mensch, wie die einzelne Faser des Baumes, eine Struktur braucht, auf deren Grundlage er erst in die Lage versetzt ist, Früchte von Interesse zu produzieren, und genau wie die Faser kann er allein diese Struktur nicht hervorbringen. Die Faser braucht den Baum, um Teil dieser Strategie sein zu können, und der Mensch braucht eine Gemeinschaft.

Von dieser Gemeinschaft werden wir also folgendes fordern,
  • daß sie sich gewährt, was sie zum Leben braucht,
  • daß sie sich erarbeitet, was ihr zu ihrer Entwicklung wichtig scheint,
  • daß sie schafft, was ihr schön erscheint und großzügig davon an andere abgibt,
  • daß sie auch einen Teil ihrer Mitglieder mit jeder Generation an andere abgibt,
  • daß sie sich der Qualitäten, aus welchen sie lebt, bewußt ist und sie in sich ehrt,
  • daß sie idealerweise gerade von jenen gebildet wird, welche sich in ihr wiederfinden.
Die politischen Gemeinschaften unterteile ich nach den geistigen Horizonten, deren freie Entfaltung sie motivieren. Ich sprach zuvor bereits hiervon, möchte meine damalige Beschreibung aber nicht zur Grundlage machen. Eine Gemeinschaft, deren Zusammenhalt aus der Entfaltung der Beherrschung erwächst, nenne ich einen Haufen, wenn sie aus der Entfaltung des Gemüts erwächst, eine Kultur, erwächst sie aus der Entfaltung des Verstandes, so nenne ich sie ein Reich und wenn sich das Wesen entfaltet, einen Staat.

Es gibt schon seit langer Zeit keine Staaten mehr auf der Erde. Reiche hingegen hat es bis vor kurzem gegeben, aber die Vernetzung des weltweiten Wissens beraubt Reiche ihrer Grundlage, nämlich dem exklusiven Zugang zum Reichswissen. In Folge dessen gibt es zwar noch so etwas wie ein weltweites Reich, aber es ist mit keinen Pflichten mehr verbunden, da ein Ausschluß aus diesem unmöglich ist. Mit anderen Worten halten die bestehenden politischen Gemeinschaften ihre Mitglieder entweder durch gewisse Attitüden oder durch Machtinteressen zusammen und sind dem gemäß als Kulturen oder Haufen zu bezeichnen.

Dieser Ausfall des Reiches als Gemeinschaftsform stellt die Menschheit auf den Scheideweg, entweder sie strebt weiter hinauf zum Staat oder sie sinkt hinab zu ewigem Kampf zwischen Haufen und Kulturen.

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4. Juni 2010

Vorläufiger Umriß des Bewußtseins

Ich möchte an dieser Stelle einen alternativen Ansatz zu dem in Von den vollständigen Wahrnehmungen dargestellten vorlegen. Mein Augenmerk gilt dieses Mal nicht der Motivation und der Assoziationstechnik, welche ich dort in großem Detail durchgenommen habe, sondern ich möchte dieses Mal bei der grundlegenden Situation des Bewußtseins im Groben verweilen.

Bewußtsein ist stets ein organisches Produkt, also das Ergebnis eines Strebens nach einer vorbildlosen Ordnung aus einem Gemisch. So wie eine Pflanze wächst, so bringt unser Gehirn unser Bewußtsein hervor, indem es, wie die Pflanze die Nährstoffe aus dem Boden zu ihrer Substanz, so seine Stimulation zur bewußten Anschauung ordnet.

Diese Worte sind rein bildhaft gemeint. Eine Aussage darüber, ob Materie Geist hervorbringen kann oder nicht, enthalten sie nicht. Diese Frage habe ich bereits mehrfach verneint, nur ist dies ein völlig anderes Thema, nämlich die Bestimmung der Elemente der Existenz in einem Modell derselben. An dieser Stelle ist es nur von Belang, daß die Schärfe der Anschauung aus einem blinden Streben, aus einer unverstandenen Anspannung heraus erwächst. Lediglich daß diese Anspannung eintritt verstehen wir, nicht aber was durch sie im Einzelnen geschieht.

Bewußtsein aber besitzt nicht zu jeder Zeit denselben Umfang, das fängt schon bei der reinen Sinnlichkeit an, man hört anders, wenn man horcht, sieht anders, wenn man späht, eben gemäß dem Streben zu einer Anschauung zu kommen oder auch nicht. Indes, solange wir bei der reinen Sinnlichkeit bleiben, solange ist unser Bewußtsein kein anderes als im Traum und sind wir, so wir wachen, selbstverloren. Gerade diesen Teil des Bewußtseins nennt man gemeinhin die Anschauung, wobei ich diesen Begriff auch schon anders verwendet habe, und durchaus zu Recht, nur will ich mich hier auch mit diesem Punkt nicht weiter befassen.

Wenn einer sich außer der Anschauung dessen, was ihm seine Sinne geben, nur noch dessen bewußt ist, daß er frei ist zu tun, was er wollte, so hat er sein Bewußtsein bereits auf seine Beherrschung erweitert, wobei ich mit Beherrschung jenen Teil des Ichs meine, welcher Absichten und Versuche hervorbringt und in Beziehung zu einander setzt.

Der Leser mache sich bitte klar, wie sich sein Bewußtsein ändert, wenn er sich aus Selbstverlorenheit kommend mit seiner Beherrschung identifiziert. Es ist auch eine gute Übung diesen Bewußtseinszustand im Schlaf während eines Traumes anzunehmen, was freilich bewirkt, daß man sich des Träumens bewußt wird, da die Unverträglichkeit der Traumbilder damit, etwas zu versuchen, hervortritt.

Ein anderer Teil des Ichs ist das Gemüt. Dieses ist jener Teil, welcher Stimmungen und Haltungen hervorbringt und zu einander in Beziehung setzt. Haltungen sind dabei Verhaltensregeln, welche man sich zu eigen macht. Auch hier ändert sich das Bewußtsein spürbar, sobald man anfängt, sich als gemütsvoll zu erkennen.

Wie nach dem letzten Beitrag zu erwarten ist der nächste Teil des Ichs der Verstand, jener Teil, welcher Gegenstände und Verhältnisse hervorbringt und zu einander in Beziehung setzt, und wiederum gilt das bereits zuvor Gesagte von der Änderung des Bewußtseins, wenn man seinen Verstand bemerkt.

Der letzte Teil des Ichs ist das Wesen, der Teil, welcher Not und Geschichte hervorbringt, und zwar in Bezug auf einander. Die entsprechende Bewußtseinsveränderung findet auch hier statt.

Damit aber ist das Bewußtsein und Ich vollständig umrissen, weder wird man etwas außer diesem brauchen, wenn man vom Menschen spricht, noch kann man etwas anderes meinen.

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20. Mai 2010

Verbesserung bezüglich der Gesinnungen und Geisteshorizonte

Ich schrieb bereits von diesen Dingen, allerdings nicht mit der wünschenswerten begrifflichen Klarheit, so daß dabei auch einiges verrutscht ist.

Der geistige Horizont bezeichnet den Grad, zu welchem sich ein Mensch seines Seins in der Welt bewußt ist. Der niedrigste Grad entspricht dabei einem ausschließlichen Bewußtsein der Welt als Gegenstück zum Ich.

Der zweite Grad zeichnet sich dadurch aus, daß dem Menschen der Zusammenhang zwischen seiner Stimmung und seiner Haltung bewußt ist und er dieses Wissen entsprechend auch benutzt, um Einfluß auf seine Stimmung oder Haltung zu nehmen.

Der dritte Grad ist das Bewußtsein des eigenen Begreifens, den Begriff, unter welchen eine gewisse Schar von Gegenständen fällt, als solchen zu erfassen und also auch seine Beziehungen zu anderen Begriffen fassen zu können. Sich dessen bewußt zu sein, versetzt einen in die Lage, eine eigene Begrifflichkeit entwickeln zu können, welche mehr als eine Zusammenstellung und Umordnung anderer ist.

Der vierte Grad des Bewußtseins des eigenen Seins schließlich ist das Bewußtsein der Verbindung des eigenen Innenlebens, wie es sich im zweiten und dritten Grad darstellt, mit der Quelle, aus welcher die Welt ist, also daß Haltungen und Begriffe sowohl aus ihr entspringen als sich auch auf sie übertragen. In der Angst vor dem bösen Blick schwingt die Ahnung dessen mit, Fluch und Segen sind geeignet, die eigene Verfassung zum Guten oder Schlechten zu beeinflussen. Neben dieser Art gezielter existentieller Umstimmung gibt es die ebenfalls gezielte eine einmalige Handlung einleitende Umstimmung oder Aufmerksammachung und die allgemeine an das eigene Schicksal gebundene Umstimmung oder Aufmerksammachung.

Die drei Gesinnungen ergeben sich schlicht daraus, auf einer gewissen geistigen Ebene stärker motiviert zu sein als auf den anderen. Der Materialist ist es auf der ersten, der Held auf der zweiten und der Philosoph auf der dritten. Während sich Materialisten und Helden unzählig auffächern gemäß den angenehmen Erfahrungen und erhebenden Rollen, welche es gibt, spaltet sich die Philosophie lediglich in drei, die Logik als nach Klarheit strebende Beschreibung des Erfassens, die Physik als nach Macht strebende Verfolgung des Wirkens und die Ethik als nach Rechtschaffenheit strebende Ergründung des Wollens.

Zur Physik ist anzumerken, daß das westliche Verständnis derselben theoretisch zwar auf der dritten Ebene angesiedelt ist, praktisch hingegen auf der ersten, während die praktische Ausrichtung im östlichen Raum auf die vierte Ebene zielt und dort dann beispielsweise Yoga heißt.

Es gibt allerdings keine Technik, deren Befolgung dazu führte, daß man seinen geistigen Horizont erweitert. Vielmehr erweitert sich derselbe schlagartig in gewissen Lebensabschnitten, wenn der Organismus, welcher man ist, dazu bereit und Willens ist, welches sich allenfalls durch Forderung und Förderung begünstigen läßt.

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10. Mai 2010

Zur Währungsfrage

Geld ist ein nützliches Tauschmittel, aber woraus erwächst das Recht es in Umlauf zu bringen?

Aus dieser Frage und eingedenk des Wesens des Geldes, der Sicherheit, erwächst die Einsicht, daß es das Vertrauen der Allgemeinheit auf die eigene Produktivität ist, welches man zu Recht zur Währung erheben darf.

Dabei tut es freilich Not die Produktivität zeitlich einzugrenzen, wozu sich der Jahresrahmen von Natur aus anbietet. Für jede Produktsorte, welche man zu produzieren gedenkt, ließen sich eine gewisse Anzahl spezifisch kenntlich gemachter Einheiten herausgeben, mit denen ein anteiliges Recht auf die Jahresproduktion dieses Produkts des entsprechenden Produzenten verbunden ist. Diese Einheiten dienten somit als Währung, müßten allerdings zu einem bestimmten Fälligkeitsdatum, beispielsweise der Ernte, in Naturalien eingetauscht werden und somit zum Produzenten zurückkehren, sofern es sich nicht um lagerbare Güter handelte, zu deren Einlösung sich nicht genügend Einheiten in einzelner Hand befänden, in welchem Falle dieses Gut zu lagern und zu pflegen wäre, und das nächste Jahr zusätzliche Einheiten entsprechend diesem Gut oder dieser Güter herausgegeben werden müssen, um weniger vermögenden Interessenten die Möglichkeit zu geben, auf diese Güter zu sparen. Allerdings wird man auch hier ein Fälligkeitsdatum vorschreiben, um unsinnige Lagerzeiten zu vermeiden, beispielsweise maximal 25 Jahre nach Produktion des Gutes, was einer Generation entspricht.

Ebenso ist auch noch der Fall gesondert zu betrachten, daß die Herstellung des Gutes mehrere Jahre erfordert. Um in dieser Situation keine schwer zu handhabenden Probleme zu schaffen, ist es am ratsamsten, in diesem Fall die gesamte Arbeitszeit auf das letzte Jahr der Herstellung zu beziehen, die zugehörigen Einheiten also erst im Jahr der Fertigstellung herauszugeben.

Wer meine vorigen Beiträge gelesen hat weiß, daß darin Arbeit entweder der Grundversorgung dient, in welchem Falle Arbeitspflicht besteht, oder auf rein freiwilliger Basis, gestaltungs- und nicht profitorientiert, indes auch wieder handelbar, erfolgt, wo sich eben die Frage nach der Währung, in welcher gehandelt wird, anschließt, welche ich mit dem Obigen beantwortet habe.

Dieses System kennt keinen Zins, keine Inflation, teilt Risiken dezentral und vereint libertäre und kommunistische Ansätze. Freilich ist es aber nur in einer Gesellschaft der Besitzenden und Produzierenden möglich und erfordert zu dem Zweck die Deckung der Grundbedürfnisse außerhalb seiner, denn erst dadurch werden die Menschen zu Besitzenden. Es ließe sich schon heute zwischen Staaten etablieren und wäre dort von Segen, indes wurde es für die speziellen Bedürfnisse einer Gemeinschaft einzelner Organisiertheit Gewährender entworfen und beseitigt insbesondere deren Bedarf an Krediten, da es Kredit aus ihr heraus gewährt.

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25. April 2010

Souveränität und Gewißheit

An dieser Stelle geht es um die beiden Seiten der Freiheit im alltäglichen gesellschaftlichen Rahmen.

Souverän ist der, welcher die Umstände seines Lebens selber gestalten kann, ob es sich dabei nun um einen Einzelnen handelt oder gleich um eine ganze Gesellschaft.

Es ist dabei zu beachten, daß eine Gesellschaft an und für sich stets dazu in der Lage ist, ihre Umstände zu gestalten, ihr dies aber zu einem befriedigenden Grad nur dann gelingt, wenn genügend viele ihrer Mitglieder selbst souverän sind.

Daher kommt es also, daß wir in Staaten wie England oder Deutschland in weiten gesellschaftlichen Bereichen ein planloses Treiben beobachten können, wo wir anhand der Machtverhältnisse mühelose Ordnung erwartet hätten. Das planvolles Handeln nicht immer besser ist, kann man am Beispiel Frankreichs sehen, aber wenigstens ist die französische Lebensweise allumfassend und gestaltet jeden Bereich nach französischer Vorliebe aus, welche für meinen Geschmack zu sehr dem Dionysischen und zu wenig dem Apollinischen zuneigt, aber das ist wiederum meine persönliche Vorliebe.

In England und Deutschland aber sind zu viele Menschen mit ihren Lebensverhältnissen überfordert, als daß sich auf ihren chaotischen Zuckungen irgendetwas Ordentliches bauen ließe. Der Grund dafür ist wohl historisch, diese Menschen haben stets erst gehandelt, bevor sie nachgedacht haben und kommen jetzt allein schon ihrer eigenen angestammten Unruhe wegen nicht mehr zur Ruhe, jedenfalls nicht als Ganzes, einzelnen Splittergruppen ist es schon gelungen, und dann zumeist auch sehr gründlich.

Soviel also zur Fähigkeit eine Gesellschaft zu gestalten.

Auf der anderen Seite besteht die Gewißheit darin, sich in seinen Zielen wiederzufinden, also überhaupt zu wissen, nach welcher Gestalt man strebt.

Auch hier gilt, daß sich eine Gesellschaft nur dann zu einem neuen organischen Ganzen entwickeln kann, wenn genügend viele ihrer Mitglieder davon begeistert sind, und das ist in modernen Staaten oder Staatengebilden nur sehr selten der Fall, da die Medien, im besonderen die Filmindustrie, diesen Prozeß bewußt zur Stabilisierung der Machtverhältnisse sabotieren.

Dennoch muß man sich die Mühe machen, Staaten genauer danach zu unterscheiden, warum es zu einer solchen Entwicklung nicht kommt, ob sie aufgrund von bewußter Störung unterbleibt oder aufgrund innerstaatlicher Heterogenität kein gemeinschaftliches Ziel gefunden wird oder ob es daran liegt, daß eine zu große Zahl von Staatsbürgern keinerlei Gewißheit besitzt.

Man sollte nicht denken, daß ein jeder Mensch Gewißheit besitzt. Wie Psychopathen Empathie grundsätzlich abgeht, so geht noch wesentlich mehr Menschen die Inspiration ab, welche es braucht, um jemals Gewißheit zu finden.

Hiernach kann man die Menschen in drei Klassen unterteilen, Psychopathen, Streuner und Gewisse. Fast gewinnt man dabei den Eindruck, daß es nicht wenige Religionen als ihre Aufgabe ansehen, aus Streunern Gläubige zu machen, wobei sie versuchen Gegensätze zu Gewissen zu vermeiden, welcher Eindruck sich noch verstärkt, wenn man bedenkt, daß Gewisse von ihnen stets zu Suchenden herabgewürdigt werden. Eine solche Kirche ist indes ein gesellschaftliches Machtinstrument, den heutigen Medien weit überlegen, aber auch nur ein Werkzeug in den Händen der Herrschenden.

Wer selbst gewiß ist, trägt damit die Verantwortung auf seinen Schultern, sich an der Formung eines ideologischen gesellschaftlichen Kerns, eines Ordens, wie ich es zuvor nannte, zu beteiligen. Für die näheren technischen Einzelheiten zu diesem Thema verweise ich auf jenen Beitrag zu Orden und Ständen.

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17. April 2010

Von der rechten Gestalt des Apollinischen und Dionysischen

Ich setze voraus, daß der Leser von den Begriffen apollinisch und dionysisch eine ausgeprochen klare Vorstellung hat, was es mir erspart, sie zu definieren.

Ausgangspunkt dieses Beitrages ist die Frage, welche Kraft im Dionysischen liegt und auf welche Weise ihr zu huldigen ist.

Die Früchte des Apollinischen sind sehr leicht zu greifen, da sie als Ausnahmen hervorstechen. Beim Dionysischen ist das genau umgekehrt, da stellt ihr Ausbleiben eine absolute Ausnahme dar. Wenn es einem indes gelingt diese Ausnahmen zu finden, so wird man sie wiederum daran erkennen können.

Führen wir uns also einen vollends apollinisch lebenden Menschen vor Augen. Woran gebricht es ihm? An kontemporärem Einfluß, an Kommunikation mit seinen Zeitgenossen.

Während das Apollinische eine Brücke in die Zukunft baut, spendet das Dionysische dem neben einander Ausgeschütteten Frieden und Gesundheit, womit die erste Hälfte der Frage beantwortet wäre.

Nun zur zweiten, was kann man falsch machen, wenn man sich in dionysische Gefilde begibt?

Die Antwort darauf lautet den Blick heben, auf sich schauen, Sinn oder Richtigkeit einfordern, Unvergänglichkeit suchen. Am gefährlichsten ist es dabei, wenn sich die eigenen Hoffnungen mit dem Dionysischen verbinden, dann entsteht eine Schwüle, welche ein Sumpffieber gebiert, an welchem man zu Grunde gehen kann. Die reinste Albernheit, in der trockensten Wüstenluft, ist dem Dionysischen angemessen. Alles Handeln muß in allgemein bekannten Formen erfolgen, in freier, sinnloser Assoziation.

Beim Apollinischen verhält es sich nun genau umgekehrt, jede Konvention zwingt es in einen Ofen, welcher das Wasser der Kreativität verdunsten läßt, so daß nur wund machende Gedankenspiele übrig bleiben. Tiefe, ja Unendlichkeit, muß stets gesucht werden, damit das Werk lebendig bleibt.

Dieses sind wirkliche Kräfte, welche wirklichen Dienst einfordern und einen für mangelnde Achtung bestrafen. Glaube niemand, daß es anders ist.

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14. April 2010

Beethoven

Beethovens eindringlichste Werke kreisen stets um dieselbe Hoffnung, eine Hoffnung auf ein unbedingt erfülltes Leben, seinen Ansprüchen ohne Abstriche gerecht zu werden und dadurch eine Verbindung zum Ewigen aufzubauen.

Wenn ich dies Fortschrittsglauben nenne, so gehe ich wohl nicht fehl damit. Aber letztlich ist die Qualität der Erfüllung ein wesentliches Merkmal an sich, eine Mahnung an die eigenen Ideale, an den eigenen Platz im Leben als ihr Diener, verbunden mit der Hoffnung nach Entlohnung durch den Herrn.

Ohne Zweifel hat Beethoven da nur seine Einsamkeit in die Welt geschrien, sie dabei aber gleich als unbedeutend überbrückt, und wenn man seine Musik hört, so ist sie auch eine Mahnung an ihn, welche zwischen Mitleid und Bewunderung pendelt und entgegen Beethovens erklärten Willen nicht zum Aufbruch anspornt, sondern zur Bewahrung.

Es ist das Vergessene, es ist der Vergessene, was einem in den Sinn kommt. Aber auch nur bei Wenigen erwächst daraus die bewahrende Tat, so wie es wohl bei Bismarck der Fall war, den meisten ist es ein bloßer Trost, ein Ersatz für Taten.

Was soll man sonst denken, wenn man sieht, wie selten die Menschen ihren Idealen Gestalt geben? Doch weinen tun sie alle, wenn sie Beethoven hören.

Um aufzubrechen ist offenbar Oberflächlichkeit von Nöten, Tiefe läßt sich nicht kommunizieren, oder wenn sie auch als solche kommuniziert wird, wie es Beethoven gelungen ist, weist sie doch sogleich wieder ins einzelne Innere zurück. Märsche bewegen Massen, Beethoven nicht.

Zum Teil mag Beethoven daran Schuld sein, weil er zu sehr an seiner eigenen Bestätigung interessiert war, so daß sich das paradoxe Bild ergibt, daß er trotz seines Riesenwerkes, eigentlich nie etwas im Sinne einer wirkenden Tat getan hat. Die meisten Menschen imitieren bloß seine Suche nach Trost, wobei sie dazu aber nicht mehr komponieren müssen, das hat ihnen Beethoven gnädigerweise abgenommen.

Dennoch ist Beethoven natürlich ein wichtiger Pol in einer Welt, in welcher Ideale nichts gelten. Es ist schon seltsam dabei zuzusehen, wie sich ein edles Geschlecht in Apathie verfallen von der Erdoberfläche wischen läßt, seltsam zu beobachten, wie oft es von körperlichen Makeln befallen ist, als ob es sich selbst zu Siechtum verurteilt hätte. Für diese ist Beethoven Bestätigung, nur scheint das nicht viel zu ändern.

Sind denn ihre Ideale alle alt und schwach, in sich zerstritten und einander im Wege stehend geworden, daß sie so verwahrlosen? Oder sind sie allesamt zu faul oder feige ihnen zu folgen?

Nein, es kann nur das erstere sein, ihre Ideale zeigen keinen Nutzen, es fehlt die erst noch zu erreichende Freiheit, welche selbst dem Ausharren als einem Schritt zu ihr Sinn gibt. Es ist nur nicht recht zu begreifen, daß ihnen die Mängel ihrer Lage verborgen bleiben, daß sie nicht mit Leichtigkeit erfassen, was sie für sich erst noch gewinnen müssen.

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12. April 2010

Distanz und Nähe

Es geht mir hier darum, unterschiedliche Formen der Nähe von einander zu unterscheiden, die eheliche von der geschwisterlichen und elterlichen, genauer gesagt, wobei diese Bezeichnungen lediglich der besseren Anschaulichkeit halber gewählt sind und sich nicht selbst erklären.

Die unterschiedlichen Formen der Nähe ergeben sich aus der Tatsache, daß wir alle unter einander mit einander verbunden sind. Wenn diese Verbindung von der Art ist, daß ein gegenseitiges Interesse an der Existenz des jeweils anderen besteht, welche indes für die eigenen Entscheidungen weitgehend folgenlos bleibt, also lediglich Rücksicht einfordert, was nur der Fall sein kann, wenn sich die Lebensäußerungen der betroffenen Parteien in nahezu vollständig von einander getrennten Bereichen vollziehen, ist elterliche Nähe die entsprechende Form, wobei es deren Kennzeichen ist, daß man selbst dann, wenn man massiv in die Geschicke anderer eingreift, deren Schicksal kaum berührt. Von dieser Art ist insbesondere das Verhältnis des Menschen zur Natur, wobei die im Namen ausgedrückte Asymmetrie der Beziehung eine illusorische ist, und zwar stets, denn da es den jeweils anderen Teil kaum berührt, was der eine tut, schränkt sich dieser auch nicht ein, das gilt sowohl von Eltern als auch von Kindern, sowohl vom Menschen als auch der Natur, was aber nicht heißt, daß sich beide Teile nicht nahe sein könnten und ihr Wohlergehen gegenseitig fördern, ganz im Gegenteil, es heißt gerade, daß dies möglich ist.

Wenn hingegen zwischen den beiden Parteien eine unleugbare Rivalität besteht, so kommt diese Form der Nähe für sie nicht in Frage. In Frage kommt dann entweder die geschwisterliche oder die eheliche Form, wobei letztere neben allem anderen offenbar auch schon rein biologisch bedingt ist. Ob nun aber die eine oder andere Form angemessen ist, kann man darüberhinaus im allgemeinen nicht sagen, sondern muß es der jeweiligen, gesonderten Entscheidung überlassen. Was man aber tun kann, ist beide Formen zu beschreiben.

Geschwisterliche Nähe bedeutet, den anderen für das zu achten, was er ist, und sich gebührend zu verhalten.

Eheliche Nähe bedeutet, in Kauf zu nehmen, in der Beziehung zum anderen selbst ein anderer zu werden und gegen den gemeinsamen Schwerpunkt zu gravitieren. Ehe bedeutet immer Kampf, aber auch Einheit. Es ist daher kategorisch falsch Ehen zu scheiden. Man könnte es aber beiden Partnern freistellen, weitere Ehen nach eigenem Gutdünken einzugehen, eine Freiheit, welche ihnen den Ursprung ihrer Probleme sehr schnell klar machte und kaum jemals nach reiflicher Überlegung beansprucht würde.

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11. April 2010

Vom Willen Freiheit zu gewähren

Als Grundlage jeder Zivilisation wird gemeinhin das Recht angenommen, und auch ich äußerte mich diesbezüglich dahingehend, daß es eben ein Streben der meisten Menschen sei, einander grundlegende Rechte einzuräumen, welches mit ihrem Einfühlungsvermögen zusammenhinge.

Nun gibt es aber Menschen, und nicht gerade wenige, welche durchaus Einfühlungsvermögen besitzen, mit der Gewährung grundlegender Rechte aber nichts am Hut haben, und zwar weil ihnen ein gesittetes Recht des Stärkeren, also eines, welches bestimmte Handlungen als feige ächtet, mehr Gemeinwohl zu versprechen scheint als eine als unnütz erachtete gleichmäßige Rücksicht.

Es gilt hier zu verstehen, daß alle Menschen konkret dasselbe tun und ihnen konkret auch allen dasselbe gefällt, daß sie aber zu unterschiedlichem Grade für die Gestalt ihres Lebens Verantwortung übernehmen, indem sie von sich aus tun und lassen was nötig ist, um ein gesellschaftliches Umfeld zu gewähren, in welchem die freie und überlegte Gestaltung verschiedener Aspekte des Lebens möglich ist.

Was jene, welche die gleichmäßige Rücksicht nicht zu schätzen wissen, mit ihr verschmähen ist die Muße selbst, die Möglichkeit, seine Zeit unabhängig von Sachzwängen zu verleben. Wo diese aber fehlt, da sind die Menschen unschöpferisch, nicht ihr Vorstellungsvermögen bestimmt ihre Taten, sondern ihre Nachbarn.

Wenn auch nur ein Drittel der Bevölkerung von dieser direkten Art wäre, so wäre schon mit Sicherheit davon auszugehen, daß die betreffende Gesellschaft ihren geordneten Charakter verlöre.

Neben der Muße als solcher, deren Wertschätzung eben das Privatrecht gebiert, achten manche noch zusätzlich die Hoffnung und die Verbundenheit als solche.

Der Preis der Hoffnung ist die Vernunft, das Anhören der Anderen, das Erlernen des Hergebrachten, alles in der Hoffnung, daß sich aus diesem noch mehr ergebe, als durch die bisherige Betrachtung geschehen. Begriffe sind ja gerade das, ein Sein vor dem Sein, eine Beschreibung von etwas, das noch aussteht. In ihnen liegt notwendig Offenheit, und in dieser Offenheit zu sein, sie erschließen zu können, um einst ihre Entsprechungen zu finden, das ist es, was derjenige zu gewähren sucht, der sich der Hoffnung verpflichtet fühlt.

Der Preis der Verbundenheit ist die Bereitschaft zur rechtlichen Regelung des Gemeinwesens, des Festlegens von Verfahrensweisen. Sich bereitwillig in einen Gesellschaftsentwurf einzufügen ist offenbar die notwendige Voraussetzung dafür, daß Gesellschaftsentwürfe jemals umgesetzt werden, und so wie derjenige, welcher Muße gewährt, damit seiner Gesellschaft Initiative ermöglicht, derjenige, welcher Hoffnung gewährt, damit seiner Gesellschaft Wissenschaft ermöglicht, so ermöglicht derjenige, welcher Verbundenheit gewährt, seiner Gesellschaft Selbstordnung.

Wer das Wort Staat im Munde führt, sollte sich darüber im Klaren sein, daß damit eine Gesellschaft gemeint ist, welche dazu fähig ist, sich selbst zu ordnen. Die Ordnung mag dabei eine Fremde sein, will man das ausschließen, so muß man von einem demokratischen Staat sprechen. Aber unabhängig davon, wer die Ordnung ersonnen hat, ist festzuhalten, daß nur wenige Menschen nach Ordnungen suchen, um sich in sie einfügen zu können.

Jedenfalls global gesehen verhält es sich so, weshalb eine Weltregierung unmöglich auf den sozialen Trieb dieser gegründet sein kann, sondern vielmehr die Berechenbarkeit jener, welche einander noch nicht einmal Initiative ermöglichen, dazu verwenden wird, der Welt ihre Ordnung aufzuzwingen, so daß das Gesamtgebilde nicht als Staat sondern als Stall zu bezeichnen sein wird.

Biologisch gesehen ist die Idee des Staates im höchsten Grade aristokratisch. Der besseren Einordnung halber seien hier auch noch die beiden mittleren Stufen bei ihrem Namen genannt, das Reich und die Kultur.

Nun wird man zurecht einwenden, daß es in der Geschichte nicht allzu viele Ställe gegeben hat, was aber schlicht daran liegt, daß in den betreffenden Fällen auf eine Befestigung des Gemeinwesens verzichtet wurde, und freilich, welches Tier baute sich schon selbst einen Stall?

Dies läßt also keine Rückschlüsse auf die Natur der Menschen zu. Wenn man sich hingegen die verschiedenen Reiche und Kulturen vor Augen führt, so wird hinreichend klar, wie schmal der Acker ist, auf welchem man hier zu wirtschaften hat.

Über diesen verstreuten Fundstücken menschlicher Größe, jeweils ihrer Art nach beschränkt, soll ein Staat wachsen, welcher seiner geschichtlichen Verantwortung gerecht wird und sie krönend überdacht. Wenn man nicht wüßte, daß sich die Fähigkeiten der Menschen im Laufe der Zeit entwickeln, könnte man es gleich aufgeben. Ihr Wachstum setzt aber voraus, sich auf den eigenen Weg zu begeben.

Jene, welche hier schnelle Veränderung versprechen, drängen auf Stillstand. Es ist ein weiter Weg, welcher mit kleinen Schritten beginnt, sich aber schon mit diesen in eine andere Richtung entfernt, weshalb der Entschluß zur Ablösung bereits zu seinem Beginn getroffen worden sein muß.

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14. März 2010

Von der weiblich passiven Gestalt der Schicksale

Natürlich ist es allgemein weiblich, Formung zu suchen, und darüber mag es so scheinen, als ob diese Hälfte der Menschheit insgesamt in einer von Passivität und (Ereignis-)Konsum geprägten Kultur ihre natürliche Heimat gefunden hätte.

Gelten tut dies aber nur für die Bewahrerinnen, welche in der Tat stets in einer solchen Subkultur leben.

Ich will an dieser Stelle nicht der Frage nachgehen, in wiefern nicht die heutige Kultur jedem seinen angemessenen Platz zuwiese, obwohl sich an einer solchen stets eine erneuerte Rekapitulation anbietet, sondern vielmehr deutlich machen, wie sich Weiblichkeit und höhere Schicksale mit einander verbinden und wie sie sich also von jenem Klischeebild des reinen Ereignishungers unterscheiden.

Jede Frau ist natürlich ereignishungrig, allerdings unterscheiden sich ihre Erwartungen und Ansprüche. Während eine Bewahrerin damit zufriedengestellt sein wird, daß sich das sie unmittelbar Tangierende ihren Wünschen gemäß gestaltet, besteht die Gestalterin bereits auf gewissen, nicht weiter begründeten Formen, sowohl das Verhalten als auch die Einrichtung betreffend, die Entwicklerin auf Eigenständigkeit und Leistungsfähigkeit des Partners, die Berichtigerin obendrein auf dessen Einsicht und die Verkörpererin auf seinen Willen zur Verantwortlichkeit; dies alles, soweit sie weiblich passiv bestimmt sind, welchen Umstand zu kennzeichnen, sich die weibliche Nomensform anbietet.

Während sich Männer an Bewahrerinnen für gewöhnlich nicht weiter stören, auch wenn sie egoistisch in ihren Ansprüchen sind, ganz einfach, weil die Wünsche hier natürlicherweise zusammenfallen, so enerviert sie der Egoismus der Gestalterinnen für gewöhnlich sehr. Glücklicherweise ist der Egoismus der übrigen Arten indirekt und geht somit dem Konflikt in der Sache aus dem Weg.

Ich sollte vielleicht noch anschließen, daß idealerweise ein Mann nicht gänzlich männlich und eine Frau nicht gänzlich weiblich sein sollte, sondern, wenn man sich das auf einer Skala von Null bis Eins vorstellt, ein Mann bei einem und eine Frau bei drei Vierteln Weiblichkeit liegen sollte, was zu erreichen dadurch begünstigt würde, daß ein Paar anfangs symmetrisch von den jeweiligen Idealzuständen abweicht.

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19. Februar 2010

Versuch einer weiteren Unterscheidung der Menschen

Bisher habe ich die Menschen ja in fünfzehn Klassen unterschieden, nämlich einerseits der Tiefe ihrer Verantwortung und andererseits der Tiefe ihrer Not nach, welche Tiefen indes nicht dieselben Grade durchlaufen, weshalb ein Vergleich beider der Umstände bedarf, mit welchen letztere einhergeht und wo es sich dann eben herausstellt, daß die direkteste Not durch die direkteste Verantwortung nur ungenügend gelindert wird, während die letztere der mittleren Not völlig angemessen ist.

Lediglich die tiefste Not und die tiefste Verantwortung finden naturgemäß zu einander. Unabhängig davon aber, wie sinnvoll sich Not und Verantwortung in einem Menschen verbinden, erscheint ein Mensch jung, wenn seine Not tiefer als seine Verantwortung ist und alt, wenn es sich umgekehrt verhält, wobei zum Zwecke dieses Vergleichs die tiefsten drei Stufen der Verantwortung zusammengefaßt seien.

Außerdem behielt ich die Schopenhauersche Unterteilung des Intellektes in Verstand und Vernunft bei, mit den sich aus ihr ergebenden unterschiedlichen Gewichtungen.

An einer weiteren Heranziehung der Unterteilung des Denkens zur Unterscheidung der Menschen bin ich indes zunächst nicht weiter interessiert und auch nicht an all den Unterscheidungen ihrer, welche sich durch ihre charakterlichen Schwächen ergeben.

Ich interessiere mich aber für die Unterschiede, welche sich auch weiterhin in der Freude der Menschen finden.

Dort nun vermeine ich für's erste vier Pole zu erkennen, welche in Europa die Variation der Temperamente entscheidend bestimmen, nämlich Herrischkeit, Rauschhaftigkeit, Edelheit und Freundlichkeit, wobei die mittleren und äußeren beiden direkte Gegensätze von einander sind. Ich selbst würde mich dort übrigens bei rauschhaft und freundlich verorten, aber man kann seinem Temperament natürlich nicht uneingeschränkt folgen, insbesondere bei tiefster Verantwortung nicht.

Herrisch und rauschhaft beschriebe man wohl als bestialisch, herrisch und edel als würdig, freundlich und edel als artig und freundlich und rauschhaft als offenherzig.

Rauschhaftigkeit scheint sich, nicht allzu sonderbarerweise, umgekehrt proportional zur Bevölkerungsdichte zu verhalten und findet sich entsprechend häufiger in Norddeutschland als in Süddeutschland, häufiger in Skandinavien oder Rußland als in Italien oder England. Sie stellt den Naturzustand dar, aus welchem sich Edelheit durch einen Prozeß der narzißtischen Kompensation, als künstlich geformte Besonderheit in einem Meer gleichförmiger Menschen, herausbildet.

Herrischkeit hingegen verteilt sich weniger geographisch als historisch, bedingt durch die Härte des Lebens, worin auch immer sie bestehen mag, entsteht also durch Abhärtung aus Freundlichkeit.

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7. Februar 2010

Dieses und jenes zum Thema Liebe

Daß man einen Menschen für das liebt, was man an ihm schätzt, ist das eine.

Daß nicht jede Liebe möglich ist, ein zweites, welches nur den allgemeinen Sachverhalt widerspiegelt, daß das Ideale über das Schicksalhafte hinausgeht.

Aber was genau unterscheidet eine Liebesbeziehung, möglich oder nicht, von Verehrung?

Ist es nicht dies, daß der Verehrte bereits vollendet ist und einen sein Abglanz verstummen läßt, daß man es gar nicht wagt, sich ihm zu nähern, ihn mit sich zu beschweren, wohingegen der Geliebte erst zu dem werden muß, was man gleichsam hinter seiner gegenwärtigen Maske, seiner Ungeschliffenheit an Liebenswertem bemerkt und daß man sich also zunächst darüber klar werden muß, was dieses ist, damit man es dann in dem Geliebten klar zum Vorschein zu bringen vermag?

Eine Verpflichtung, welcher man sich auch bei feststehender Unmöglichkeit der Liebe nicht zu entziehen vermag. Wenn man den Geliebten auch nicht zu dem formen kann, was man in ihm spürt, dieses zu erkennen ist doch eine innere Pflicht, kann man jenem doch ohne diese Einsicht noch nicht einmal ein Freund sein, und auch nicht jenen, welche ihm gleichen.

Wir Menschen halten viel auf uns, und doch verstehen wir wenig, werden wir über mancher Kleinigkeit verwirrt, und das Bißchen Liebe, welches uns in unserem Leben begegnet, zu entschlüsseln und unser Leben diesem anzupassen füllt es wahrlich aus.

Das sage ich selbst von mir, wenngleich ich nicht mehr als den untersten Knopf am Mantel liebe und es dem Mantel wenig hilft, daß ich es tue, nur verleugnen kann ich ihn darüber nicht, er wird schon taugen, einen anderen Mantel zu schließen, einen Mantel, welcher seine Schönheit vollenden wird.

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18. Januar 2010

Über die Alltagsbilder der vier Bewußtseinsformen

Im vorigen Kapitel unterschied ich die Gesinnungen nach dem Ort des Auftretens der Motive, ob sie in der Anschauung liegen oder in der begrifflichen Erfassung oder im in der Welt Sein als solchem, wobei letzteres sich nicht durch den Gebrauch eines gesonderten Vermögens auszeichnet, sondern dadurch, das eigene Tun zu erfassen, womit man natürlich anfangen muß, um überhaupt einen Gegenstand zu haben, auf welchen sich die eigene Motivation beziehen kann. Allerdings ist das schon sehr früh der Fall, wenngleich dort das eigene Tun zunächst als Ohnmächtigkeit definiert ist, welche es zu überwinden gilt. Das Gewissen ist dabei nur ein kleiner Teil und dient rein negativen Zwecken, weshalb es bei der Unterscheidung der Gesinnungen auch keine Rolle spielt.

Das eigene Tun ist natürlich ein konkret gegebenes Objekt, liegt aber nicht auf dieselbe Weise in der Anschauung, wie es die üblichen konkret gegebenen Objekte tun, was man freilich auch von den sozialen Beziehungen sagen kann, welche in ihrer Realität noch konstruierter sind, deren Vorhandensein aber in geringerem Maße von der eigenen Aktivität abhängt. In allen Fällen gibt es Idealbilder, welche sich auf ihre Objekte beziehen, und in allen Fällen sind diese Idealbilder sowohl begrifflich als auch anschaulich, allerdings im ersten stets direkt begrifflich, während im heroischen Falle die meisten Idealbilder auf begriffliche Konstrukte gehen, welchen nur zu einem kleinen, aber fundamentalen Teil, anschauliches Erleben zu Grunde liegt, etwa wenn Fragen der Gerechtigkeit betroffen sind. Die Idealbilder beschreiben Verhältnisse an Beispielen, welche es zu erlangen gilt. Im Falle der indirekten Bilder sieht das so aus, daß ein die Dinge Geordnetwissen zum Beispiel wird, wobei die Idealität der Ordnung sich nicht in ihrem Objekt zeigt, sondern nur von oben her verständlich ist. Es ist der Trieb zur Ordnung, welcher sich dort entspricht. Daher kommt es dann auch, daß zwei Menschen dieselbe Ordnung erleben und sie unabhängig von ihrer beiden Wesen, einzig aufgrund unterschiedlicher Deutung dieser Ordnung, ganz unterschiedlich bewerten können, während die direkt abgebildete Schönheit von allen erkannt wird.

Im philosophischen Falle schließlich liegt es nahe, dasselbe vom Verhalten eines einzelnen Menschen zu sagen, daß es auch von der Deutung abhängt, ob es seinem Ideal genügt oder nicht, denn schließlich gibt es hier überhaupt kein Tun, in welchem sich die Idealität direkt zeigen würde. Das ist aber nicht so, denn hier gibt es einen Ersatz für die sich direkt zeigende Idealität, nämlich den eigenen Seelenfrieden, das eigene Ertragen des eigenen Verhaltens, welches sich ja wieder im eigenen Tun zeigt, also daß man zaghaft bei allen seinen Verrichtungen wird und dergleichen. Wenngleich hier also auch die Idealität willkürlich in der Luft zu hängen scheint, wird sie doch auf unbewußte Weise durch das eigene Wesen gestützt bis schließlich der Punkt erreicht ist, an dem man versteht, was das eigene Wesen ist und in welchen Taten es sich ausdrückt.

Nach dieser Rekapitulation, welche zur Vermeidung folgender Verwirrungen nicht unwichtig gewesen sein dürfte, werde ich nun also zu den vier verschiedenen Bewußtseinsformen übergehen, welche ich zuvor durch ihre Abschlußpunkte charakterisiert hatte.

Zunächst haben wir dort denjenigen, welcher die Welt als das versteht, was sie zu sein scheint, mit anderen Worten deutet und begreift er sie wohl, ist sich dessen aber nicht bewußt. Er zeichnet sich durch emotionale Involviertheit aus und durch seine auf konkrete Veränderungen und Unterschiede gerichtete Aufmerksamkeit. Es ist dies ein Typus, welcher heroisch gesinnt zumeist recht froh durch's Leben geht, materialistisch gesinnt oft streitet und philosophisch gesinnt ruhig bis betrübt ist.

Als zweites haben wir denjenigen, welcher sich der Bedeutung von Ordnungen und Leitgedanken bewußt ist, allerdings ohne sich der Macht der Begriffe bewußt zu sein. Dieser ist oftmals fanatisch und rücksichtslos, außerdem auf unangenehme Weise beschränkt, uneinsichtig und ein ausgesprochener Träumer und Phantast, welcher wohl in seiner Begeisterung auch mitzureißen vermag. Es ist dies ein Typus, welcher heroisch gesinnt zur Politik neigt und dort zur aristokratisch-militanten Sorte, zumeist reaktionär genannt, welches indes ein historisch zufälliger Begriff ist. Materialistisch gesinnt ist er für gewöhnlich in seinem Element und äußerst produktiv, und philosophisch gesinnt ist er zerfahren und unstet.

Als drittes haben wir denjenigen, welcher um die Macht des Fortschritts und der Begriffe weiß, allerdings ohne sie auf endgültige Ziele zu beziehen. Der nun ist offen und neugierig, zugleich biegsam und sachlich. Es ist dies ein Typus, welcher heroisch gesinnt zumindest in Ansätzen zur Hochstapelei und/oder zum Absolutismus neigt, materialistisch gesinnt, wiederum in Ansätzen, zur Eigenbrötlerei und philosophisch gesinnt zum getriebenen Genius.

Und als viertes haben wir schließlich denjenigen, welcher all dies in bewußten Bezug auf sein Wesen setzt. Dieser ist gefestigt, gelassen, unerschrocken und unnachgiebig. Es ist dies ein Typus, welcher heroisch gesinnt ein Selbstdarsteller mit Vorbildfunktion ist. Materialistisch gesinnt ist er staatsmännisch bedacht und philosophisch gesinnt ist er... ein Fremder.

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2. Januar 2010

Über die Alltagsbilder der drei Gesinnungen

Meine bisherige Behandlung der drei Gesinnungen, also der materialistischen, der heroischen und der philosophischen, welche sich so auch schon bei Platon finden, wenngleich dort etwas anders in bezug gesetzt als bei mir, ist im wesentlichen abstrakt gehalten, ohne das Bedürfnis sie zu veranschaulichen, welches ich nun allerdings verspüre, und zwar zu dem Zweck an Wesensgemälde diverser Autoren anzuknüpfen, und sie auf diese Weise auf ihren wahren Kern zurückzuführen.

Beginnen wir mit der materialistischen Gesinnung. Die Verhaltensweise eines materialistisch gesinnten Menschen zeichnet sich dadurch aus, daß er zuvörderst darauf achtet, in welchem Verhältnis er zu seiner Umwelt, meistens natürlich anderen Menschen, da ja kaum einer heutzutage isoliert lebt, steht und seine Gedanken sich fast ausschließlich darum drehen, wie er in Verhältnisse eintreten kann, in welchen er gerne stehen würde und wie er es zu Stande bringt, auch weiterhin in Verhältnissen zu stehen, welche ihm gerade gefallen. Dabei legt er großen Wert auf Erscheinung und besitzt ein großes Talent zu raschen Entschlüssen und Handlungen, allerdings zu Lasten seiner Fähigkeit langfristig zu planen, welches bei ihm darauf hinausläuft, so lange wie möglich an geschätzten Verhältnissen festzuhalten.

Die Denkweise eines materialistisch Gesinnten ist eher auf Verstand als auf Vernunft gebaut (gemäß Schopenhauers Terminologie), er besitzt oftmals ein großes Interesse an für ihn außergewöhnlichen Phänomenen und ist gut darin, viele Details solcher Phänomene auf einen Schlag festzuhalten und sie vorläufig zu ordnen. Seine Begrifflichkeit ist allerdings zumeist kurz, geht also meistens auf unmittelbare Zusammenhänge, und er hat auch kein ihm innewohnendes Interesse an der Ästhetik von Begriffsgebäuden, sondern ist dem Nutzen als leitendem Architekturprinzip verpflichtet. Schönheit liegt für ihn in der Anschauung und im Haben, nicht dahinter.

Das Spektrum materialistisch Gesinnter reicht von sehr primitiven Naturen bis hin zum Idealtypus des abgeklärten, überlegenen Verkörperers menschlicher Güte und Größe.

Nun zur heroischen Gesinnung. Die Verhaltensweise eines heroisch gesinnten Menschen zeichnet sich dadurch aus, daß er zuvörderst darauf achtet, Ehrbegriffen, welche er besitzt, zu entsprechen. Dabei ist er in der Lage eine gigantische Anzahl von Regeln und Konsequenzen zu beachten und fällt entsprechend durch seine Umsicht auf, ebenso wie auch durch seine lange Entwicklungszeit, da er sich in der Regel ein umfangreiches Programm vorgibt. Leider ist diese Fähigkeit zur Befolgung umfangreicher Regeln zumeist mit einer erschreckenden Unfähigkeit, ihren Sinn zu bewerten, verbunden.

Die Denkweise eines heroisch Gesinnten ist hochgradig ästhetisch zu nennen, er folgt in seiner begrifflichen Arbeit einem diffusen Gefühl für Ordnung und Schönheit und benutzt fast ausschließlich seine Vernunft und nicht seinen Verstand. Entsprechend ist sein ganzes Urteilen nichts anderes als ein Abspulen von Definitionen und entsprechend anfällig ist er für neurolinguistische Programmierung. Schönheit ist für ihn letztlich ein gemeinsam gelebter Wahn.

Wenn heroisch Gesinnte in relativer Einsamkeit leben, entwickeln sie zumeist eine unnatürliche Sammelwut und den Wunsch sich durch ihre gesammelten Habseligkeiten mitzuteilen. Letztlich geht die gesamte russische Gartenkultur darauf zurück; in England ist es auch nicht anders, nur weniger einleuchtend, wobei der Fehler darin liegt zu denken, daß man in einer Stadt nicht einsam sein könnte. Ich hätte also auch Briefmarkensammler anführen können.

Und schließlich zur philosophischen Gesinnung. Die Verhaltensweise eines philosophisch gesinnten Menschen zeichnet sich dadurch aus, daß er zuvörderst darum bemüht ist, den Widerspruch der eigenen Existenz aufzulösen. Dabei ähnelt er in seiner begrifflichen Arbeit dem heroisch Gesinnten, welche Ähnlichkeit er wohl manches Mal zu leugnen geneigt ist, unterscheidet sich aber von jenem darin, daß er ein wiederkehrendes Bedürfnis zur begrifflichen Reduktion verspürt, also das eigene Begriffsgebäude abzureißen, um es geläutert wiederauferstehen zu lassen. Die größte Schwäche des philosophisch Gesinnten besteht in eben dieser Unfähigkeit auszuharren, darin, daß er unfähig ist, in der Zeit zu existieren und er ganz eigentlich am liebsten in einem einzigen Augenblick zusammenflösse.

Die Denkweise eines philosophisch Gesinnten ist wesentlich reflektiv und zu einem großen Teil unbewußt, in sofern die Wiederauferstehung der vormaligen Einsichten außerhalb jedes Bewußtsseins liegt. Letztlich aber erreicht sie einen Grad, an welchem sie beginnt sich zu genügen und versteift sich dann zusehends, dabei zugleich subjektiv an Relevanz verlierend, wie eine letzte abgeworfene Haut.

Schopenhauer spekulierte auf einen Zusammenhang zwischen Breitköpfigkeit und materialistischer Gesinnung, im Gegensatz zu Langköpfigkeit und heroischer Gesinnung. Der mag bestehen und paßt auch gut zu dem, was ich bezüglich der Evolution des Menschen geschrieben habe, also dazu, daß die heroische Gesinnung aus Südostasien schließlich während des Neolithikums in Europa eintraf. Es ist jenseits allen Zweifels klar, daß die materialistische Gesinnung älter als die heroische ist, und daß die heroische Gesinnung in Reinform eine immense Gefahr für eine Gemeinschaft darstellt, während die materialistische Gesinnung wie gesagt lediglich indirekt über Machtkämpfe und langfristige Inflexibilität das Wohl einer Gemeinschaft gefährdet.

Daß hingegen die philosophische Gesinnung die älteste ist, ist doch eine sehr gewagte These, welche allenfalls durch die Betrachtung der mit ihr assoziierten Form der Religiösität gestützt werden kann, denn jene ist in der Tat die älteste, nur mag es so sein, daß die materialistisch Gesinnten sich anfangs in religiösen Fragen zurückgehalten haben, sie also unbestimmt ließen. Und dies ist auch am wahrscheinlichsten, also daß es eine Protogesinnung gab, welche in praktischen Belangen materialistisch zu nennen wäre, allerdings ohne vollständig entwickelte eigene Ästhetik und Selbstbild, denn aus dieser Offenheit heraus entspringt von ganz alleine die Wahrheit. Wahrscheinlich handelt es sich bei den philosophisch Gesinnten schlicht um Fälle der Wiedererlangung jener Offenheit, bedingt vielleicht durch eine Unentschlossenheit der materialistischen und heroischen Anteile. Und so wie man den Taoismus als Bändigung einer übermäßig heroischen Bevölkerung verstehen kann, handelt es sich bei den semitischen Hochreligionen um Zügelungen übermäßig materialistisch gesinnter Bevölkerungen, was sich insbesondere am Bildverbot festmachen läßt, wobei im Falle des Christentums mehr die Kirche als die Schrift davon betroffen ist, welche philosophisch zu nennen ist.

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27. Dezember 2009

Von den Stufen des Verfalls einer Kultur

Ich habe mich ja bereits über das Entstehen einer neuen Kultur ausgelassen und muß hier folglich nur noch die Verfallsstufen nachreichen, um den gesamten Lebenszyklus einer Kultur beschrieben zu haben.

Am Verfall einer Kultur sind die heroisch gesinnten Menschen schuld, das leuchtet sofort ein, denn philosophisch oder materialistisch gesonnene Menschen können einfach wenig falsch machen, und schließlich sind es auch die heroisch gesinnten Menschen, welche für die Dynamik des Aufstiegs einer Kultur verantwortlich sind.

Wie bereits beschrieben, haben Gestalter den Geist einer Kultur während ihres Aufstiegs in Monumenten fixiert, und dieser Geist macht, daß die verschiedenen Teile einer Kultur sinnvoll zusammenarbeiten. Auf ihrem Höhepunkt entbrennen dann Machtkämpfe, und es findet ein beträchtlicher Mißbrauch von in gutem Glauben erbrachten Vorleistungen statt.

Dadurch entsteht eine Spannung, welche die Reinheit der heroischen Gesinnung belastet. Diese Reinheit ist aber die, daß der heroisch Gesinnte nach Dankbarkeit verlangt. Wenn sie verloren geht, wird die Dankbarkeit durch Ansehen ersetzt, was sich dadurch bemerkbar macht, daß die heroisch Gesinnten anfangen sich zu rechtfertigen, zu welchem Verhalten derjenige, welchem es um Dankbarkeit geht, keine Veranlassung hat.

Wenn dies passiert, hören die heroisch Gesinnten auf, dem Geiste einer Kultur nach produktiv zu sein, erbringen also keine Vorleistungen mehr oder führen Vorleistungen nicht mehr sinnvoll weiter, und die Kultur verliert ihre Funktionstüchtigkeit und zerfällt schließlich.

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