Kursbestimmung mit und ohne Einsichtsvermittlung
Letztere Einschränkung ist nötig, um die Einsichtsvermittlung von der Erfahrungsvermittlung abzugrenzen, also daß etwas auf eine bestimmte Weise abzulaufen pflegt. Letztere ist denn auch die Alternative* zur ersteren, nur daß sie diese nicht alleine bildet, sondern zusammen mit der Instinktauslese: Die Jugend hat den Instinkt, das Alter die Erfahrung, und wenn das Alter abtritt, wählt es die Jugend mit dem Instinkt, welcher ihm am besten gefällt, aus, um ihr seine Erfahrung zu vermitteln.
Einsichtsvermittlung findet in den Wissenschaften statt und bisweilen in Religionen , Erfahrungsvermittlung in den meisten andern Institutionen.
Die katholische Kirche schwingt ja große Reden über die Familie als Keimzelle der Gesellschaft, Platon nennt sie in den Nomoi (wenn man so will) die Keimzelle der schönsten Tragödie (wenn ein Mann der Witwe seines Bruders Samen erzeugen soll, und ein Bruder den andern aus Haß umbringen darf, ist es, glaube ich, recht leicht nachzuvollziehen, wie das eine zum andern führt), ich möchte an dieser Stelle hingegen auf einen wichtigen Unterschied zwischen Familie und Gesellschaft verweisen, welcher zum so genannten Generationenkonflikt führt, welcher in Wahrheit ein Koalitionskonflikt ist.
Den Lieblingsinstinkt zu wählen fällt in einer Familie, sofern die Frau treu ist, nicht weiter ins Gewicht, da der Charakter väterlicherseits ererbt wird. Und gleichzeitig stellt es auch keine unnatürliche Einschränkung dar, da die Jugend nur ihren Instinkt besitzt.
Wenn in einem beliebigen Schwarm hingegen Führungspositionen auf diese Weise besetzt werden, kommt es zu zwei Problemen:
- Kursänderungen können nur gegen den Willen der Führung zustande kommen, das heißt Neuanfänge werden systematisch verroht, und
- Kursfortsetzungen werden systematisch instinktiviert, indem unnötigerweise vorhandene Erfahrung übergangen wird (wogegen sich das Haus Saud selbst als Familie, mit allerdings sehr vielen Kindern, lange gewehrt hat, jetzt allerdings wohl davon abzukommen scheint).
Weiterhin stellt sich die Frage, wie eine Kirche Schwärme zu beeinflussen gedenkt, durch Einsichtsvermittlung oder durch Begünstigung genehmer autonom ihre Erfahrungen vermittelnder, und ich denke, daß dies der entscheidende Unterschied zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche ist, welcher sich in der Verfeindung katholischer Nationen untereinander einerseits, schließlich braucht es den Krieg, um eine Partei zu begünstigen (angefangen hat es, wenn auch verheimlicht, mit den Wikingerüberfällen, mit den Kreuzzügen wurde es zur offiziellen Politik, welche alsbald zur Usurpation des Papsttums zu nationalen Zwecken führte, und nachdem dieser formale Austritte aus der katholischen Kirche folgten, setzte es sich noch einmal in den napoléonischen Kriegen fort, wobei Napoléon die Katholiken bekanntlich dadurch von seiner Vertrauenswürdigkeit überzeugte, daß er die Bücher, welche er dem Vatikan entwandte, nicht verbrannte: Was habt ihr bloß alle für Ängste? Ich soll unzurechnungsfähig sein? Denkste!), und den von Dostojewskij in den Brüdern Karamasow geschilderten Eitelkeiten im Kloster Sossimas andererseits, sind die Gläubigen doch zumeist weniger an den eigenen Einsichten interessiert, als es einem lieb wäre, ausdrückt, woher denn auch die demonstrative Bescheidenheit aller östlichen Geistlichen rührt, also um jedem potentiellen Geistlichen zu verdeutlichen, daß er ohne Bescheidenheit seine Rolle nicht ausfüllen können wird. Bei westlichen Geistlichen kommt das schlicht nicht zu tragen: Je stattlicher sie auftreten, je wichtiger sie scheinen, desto mehr fällt ihre politische Parteinahme ins Gewicht.
Freilich, eine Kirche kann nicht lehrsame Katastrophen einfädeln, und wenn sie noch so geschickt dabei vorgeht, es fällt doch auf sie zurück, sie muß es dabei belassen, dem Falschen genug Raum zu geben, um von genügend Vielen als solches erkannt zu werden.
* Erfahrungen lassen sich tatsächlich nur als logisch zu erwarten oder gemachte vermitteln, wobei letztere vom Instinkt vorbereitet werden, jedoch gibt es mehr als nur die beiden näher besprochenen Ansätze, so etwa jenen der Saudis bisher, Abd al-Aziz' Söhne der Reihe nach durchzugehen, oder jenen der Freimaurer, nützliche Potentiale in ihre Logen einzuladen.
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