Benennen
Die Antwort auf sie lautet: Ja, und zwar die Ausschau auf das eröffnete Bewußtsein einschließlich des für seine Eröffnung (oder Evokation) verantwortlichen Namens.
Dafür gibt es zwei Standardsituationen:
- das Belegen einer schönen Erfahrung mit einem (oder mehreren, siehe unten) schönen Namen, um sie sich wieder vergegenwärtigen zu können, die Benennung von Neugeborenen, Blumen, Orten, Bergen, aber auch den Bezugsgegenständen von Einsichten, das Quadrat der Hypotenuse ist gleich der Summe der Quadrate der Kathete und der Ankathete eines rechtwinkligen Dreiecks, wie auch hier auf diesem Blog, wobei ich bestehende Begriffe der deutschen Sprache als termini technici auf die definierte Weise im Zusammenhang mit einander stehend deute, und
- das Hänseln: Oh shut-up, Big Nose,
Im Gegensatz dazu war es im antiken Griechenland noch erlaubt, Schulen zu bilden und innerhalb ihrer die Sprache weiterzuentwickeln. Und auf der Zivilisationsstufe der Indianer, etwa, konnte jeder noch Namen für neue Entdeckungen prägen.
Nun läßt sich natürlich einwenden, daß es heute eben keine elementaren Entdeckungen mehr gibt, man die Katheten und Ankatheten lieber den Spezialisten überläßt, und die Organisation von Schulen als universitäre Fakultäten vorbildlich sei, doch beweist dieses Weblogbuch (Logbuch meines Webens), daß letzteres nicht stimmt, sondern daß der aristotelische universitäre Ansatz, die Allgemeinheit um Geld für wissensmehrende Dienste anzubetteln, die Wissensmehrung von den Interessen der Menschen entkoppelt, da sie sich naturgemäß auf solches Wissen beschränkt, welches die bestehende Herrschaftsform nicht in Frage stellt - fast könnte man meinen, daß Platons lobhudelndes Gesülze in den Nomoi (Gesetze verdienen Lobreden) sein Mißfallen an seinem Schüler Aristoteles zum Ausdruck bringt, denn nichts von dem, was Platon interessierte, stellt ein Thema dar, für dessen Wissensmehrung die Allgemeinheit blechen würde: Niemand bezahlt einen anderen dafür, daß er ihm sagt, wie er leben sollte, wiewohl jeder ein Interesse daran hat, seine eigenen Überzeugungen verstehen und ausdrücken zu können.
Die abendländische Kultur ist grotesk unkritisch in ihrem intellektuellen Zentralismus, in den Vereinigten Staaten wird ein Think Tank inthronisiert und das Abendland plappert ihm nach. Eine böse Persiflage des katholischen Modells macht es nicht besser, wohingegen die Bibel durchaus das Potential hat, einem dabei zu helfen, die eigenen Überzeugungen zu verstehen und auszudrücken, weshalb die katholische Kirche freilich seit jeher den freien Zugang zu ihr bekämpft hat und auch weiterhin alles tut, um die gesellschaftsstrukturellen Konsequenzen aus ihm zu unterbinden.
Heute diskutieren die Leute über die künstliche Intelligenz. Und weil sich mit ihr militärische Vorteile verbinden, wird in sie investiert. Und weil die Investitionen heikel sind, wird versucht, sie auf möglichst viele Partner zu verteilen. Und also sagen Leute wie Köppel, daß uns die künstliche Intelligenz doch bestimmt viel produktiver macht, obwohl auch ein Köppel weiß, daß eine Nieren- oder Herztransplantation ihn unter Umständen viel produktiver machen könnte, dies bei einer Gehirntransplantation aber ausgeschlossen ist, weil er dann im Abfall landet. Es ist schon grotesk, zu welchen Verrenkungen das Sprichwort Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'. die Menschen treibt.
Übrigens, noch sind wir ja nicht da, und statt mit einem Ersatzhirn haben wir es einstweilen mit einer Art Empath zu tun, welcher, sobald wir etwas sagen, sofort alles durchforstet, was andere dazu gesagt haben, um dann etwas zu finden, was unseren Gedanken möglichst ansehnlich vervollständigt, wobei der einzige Grund, warum der noch kein Ersatzhirn ist, darin besteht, daß die Ansehnlichkeit etwas in die Irre führt, was vergleichsweise leicht behoben werden kann, wonach es dann auch nicht mehr der exorbitanten Datenmassen bedarf, sondern lediglich Musterbeispiele korrekten allgemeinen Denkens (und jene, welche gerade nicht damit beschäftigt sind, die Lieder ihres Brotgebers zu singen, hören jetzt vielleicht der Nachtigall trapsen), doch ungeachtet all dessen, worin drückt sich der Einsatz dieses Empathen aus?
Ich habe vor einem Jahr vorhergesagt, daß Bill Gates ihn benutzen wird, um Programmierern beim Programmieren auf die Finger zu schauen, Architekten beim Entwerfen, Verfahrenstechnikern beim Lösen von partiellen Differentialgleichungen mithilfe der finite Elemente Methode, und et voilà die Aktienkurse von Softwareunternehmen gehen bereits in den Keller. Weil die Produktivität des Menschen gestiegen ist? Wahrscheinlich. Und Programmieren ist eine Scheißarbeit, wie ich als Programmierer genau weiß. Heißt es aber, daß nun bessere Programme auf uns zukommen? Ich bezweifle es, das war nie die Entwicklungsrichtung der Branche: Sobald etwas wirklich gutes passiert, Flash Games als Einstiegsprodukt für junge Programmierer etwa, kommen die Etablierten, Adobe in dem Fall, daher und zerstören seine Grundlage. Ihr geht es um Kontrolle, und diese Kontrolle verdichtet sich in immer weniger Händen. Es darf einfach nicht sein, daß der Einsatz dieses Empathen die Etablierten weniger mächtig macht: Die einzigen Anwendungen, welche keinen Argwohn erregen, sind einstweilen dummerhaftige Spielereien, wie Mark Hamil im Kampf auf dem Todesstern durch sich selbst zu ersetzen. Darin besteht der allgemeine Nutzen des Empathen. Ob jene, welche lieber ihn fragen, als sich durch die Wikipedia zu wühlen, darin einen Nutzen haben, halte ich für fraglich, von Lehrbüchern ganz zu schweigen. Es ist jetzt schon dystopisch, und es wird sehr bald tödlich werden.
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