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„Daß du nicht weißt, was dir frommt, des faß ich jetzt deines als Pfand!“
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28. Juli 2015

Erhebung

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27. Juli 2015

Civitas peregrina

Die Nachfolge Christi und das Reich Gottes bestehen wirklich nur darin,
sich von der eigenen Vorstellung des Rechten leiten zu lassen,
in der alltäglichen Ungewißheit, dem Wahrscheinlichen zu folgen,
aber das Wahre zu suchen und glücklich den Anschein beiseite zu schieben,
wenn man erkannt hat, daß etwas recht ist und es an einem selbst,
es zu tun oder an ihm mitzuwirken.

Der Reiche ist zu tief in das Wahrscheinliche verstrickt,
und der Funktionär auch,
als daß sie sich je von ihm lösen würden.
Und die meisten halten sich wohl für den einen oder den andern.

Wo also ist das Volk Gottes Augustinens?
Sehnen tu' ich mich nach ihm.

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26. Juli 2015

Profane Stimmungen

Die melodischen Stimmungen, unser Befinden, illustrieren sehr schön das tastend kriechende Voranschreiten der Sorge bei der Bestimmung unserer Haltung.

Ist die Haltung angemessen, trifft uns der Reiz angemessen, gehen wir beschwingt ans Werk und lassen es gelöst zurück, so verflüchtigt sich die Stimmung bald.

Aber wenn die Haltung unangemessen ist, dann beschäftigt uns unsere Stimmung.

Die Schwermut drängt uns sanft zu anderen Werken, doch die Schwärmerei holt uns zurück, und uns bleibt einzig der Ausweg, unsere Arbeitsweise anzupassen.

Die Schüchternheit gefällt uns im Augenblick wohl gar, aber schließlich wird sie lästig, und uns bleibt einzig der Ausweg, uns den Aufgaben, welche wir vermieden haben, zu stellen.

Bei der Verzauberung ist es ähnlich, auch sie weiß zu gefallen, doch schließlich fragen wir uns, worauf wir unsere Zeit verwenden und beginnen, den Sinn unseres Lebens kritischer zu erfassen.

Charakteristisch für all diese Stimmungen ist dabei der niedrige Grad ihrer Bewußtheit. Es ist gleich, woran wir gerade denken, sie lenken uns auch ohne unser gedankliches Zutun zu den nötigen Haltungskorrekturen.

Übrigens, falls Sie sich fragen sollten, warum ich die melodischen Stimmungen nun gerade unser Befinden nenne, die Antwort darauf ist die folgende. Mir gefällt es, auf die Frage: Wie ist ihr Befinden, werter Herr? mit zwei unterschiedlich hohen Seufzern zu antworten.

An dieser Stelle läge es nun nahe, unterschiedliche Formen der Verliebtheit nach Seufzersequenzen zu kategorisieren, aber ich belasse es bei der Angabe der mir vertrautesten: sol-do, si-sol, beliebig oft wiederholt.

Ich schreibe diese Beiträge wirklich nicht, um einer Erzählung E.T.A. Hoffmanns dabei zu helfen, Wirklichkeit zu werden (diejenige, welche Léo Delibes vertont hat, genau), aber ganz unnütz dürften sie zu diesem Zweck auch wieder nicht sein. Nur... wozu einer Coppélia das Seufzen beibringen? Das heißt, wozu die Umständlichkeit der Lenkung? Wozu die Bewußtmachung der unterschiedlichen emotionalen Affiziertheiten, um sich anschließend einen Weg durch sie zu bahnen? Freilich, es mag so am leichtesten zu programmieren sein, aber bei der Abwägung der unterschiedlichen Einflüsse handelte es sich um eine banale Stelle im Programm, während in unserer Abwägung das Potential der existentiellen Aussöhnung liegt: Wir setzen sie zu einander ins Verhältnis und unter Umständen stimmt es die Welt, hat es Gottes Segen. Die materielle Welt ist nur der Widerhall der Seelen, in ihnen liegt das Maß, und wo es mißachtet wird, stört es auch die körperliche Ordnung, und insbesondere stört der Angriff des Maßes dieser Stimmung, welcher der Abfall vom Glauben an sie ist, die Harmonie insgesamt.

Doch zurück zum Befinden, was offenbart die Sorge durch es von sich?

Den Willen zur Meisterschaft in Schwermut und Schwärmerei, den Willen zur Anwendung dieser Meisterschaft in der Verzauberung und den Willen zur Prüfung der Meisterschaft in Schüchternheit.

Im Gegensatz zu den heranleitenden und den zurückführenden Stimmungen, welche so gesehen religiöse Stimmungen sind, handelt es sich bei unserem Befinden also um profane oder auch willkürliche Stimmungen.

Im übrigen ist noch zu bemerken, daß sich die Wirkung von Musik nicht in melodischen Stimmungen erschöpft, sondern die von ihr evozierten Gefühle aus der Verbindung von Melodie, Rhythmik, Akzentuierung und Harmonie entstehen. Ein Beispiel für eine aus Melodie, Rhythmik und Akzentuierung entstehende Evokation ist durch zwei knapp gestoßene Hmms gegeben, welche eine Quinte hinabsteigen und rhythmisch dem Spondeios entsprechen, und zwar die Evokation verärgerter Entschlossenheit. Wird die Akzentuierung geändert, die beiden Hmms nicht knapp gestoßen, sondern das volle spondeiische Maß lang gehalten, so ändert sich die Evokation zum Sinnen auf Rache. Wird hingegen der Spondeios zum Iambos, so evoziert knappes Stoßen ein sich abwendendes So also! und das Halten des vollen iambischen Maßes ein letztlich versöhnliches, wenn auch einstweilen verärgertes, Na gut. Und wenn der Spondeios zum Pyrrhichios oder Trochaios wird, so wird gar nichts mehr evoziert.

Es gibt Musikstücke, welche stark auf der rhythmisch-akzentuierten Evokation beruhen, etwa Ludwig van Beethovens Wut über den verlorenen Groschen, zentral bei ihr der knapp gestoßene spondeiische Abstieg um eine Sekunde, welcher in Verzweiflung umschlagende Frustration evoziert, von Beethoven zusätzlich mit einem Triller verziert. Ich bin aber eher kein Freund derartiger, meist ärgerlicher, Musik, denn sie nähert sich zu sehr der Rede an und verliert dadurch das sie auszeichnende Musische.

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25. Juli 2015

Tonintervalle und Befinden

Nach den beiden speziellen Betrachtungen in Mi-la-do-mi re-mi-sol-do re-mi la-sol und Try it out versus Hayling möchte ich nun endlich die von den Tonintervallen evozierten Gefühle allgemein betrachten.

Die so evozierten Gefühle fallen in drei Klassen, die aktiven, die passiven und die rezessiven, und zwar wie folgt.

Intervall aufwärts.

Aktiv:
  • Sekunde - Schwermütig
  • Terz - Beschwingt
Passiv:
  • Quarte - Schüchtern (Untertroffen, Kraft bleibt hinter dem Maß zurück)
  • Quinte - Getroffen
  • Sexte - Verzaubert (Übertroffen, Kraft geht über das Maß hinaus)

Intervall abwärts.

Rezessiv:
  • Sekunde - Schwärmerisch
  • Terz - Gelöst

Es handelt sich bei diesen Gefühlen um Kommentierungen des eigenen Befindens, nämlich ob man einer Aufgabe gewachsen ist (aktiv beschwingt, rezessiv gelöst) oder nicht (aktiv schwermütig, rezessiv schwärmerisch), sowie des eigenen Entbrennens für die Aufgabe (passiv schüchtern, getroffen oder verzaubert).

In der Systematik der Gefühle gehört dieses Befinden zu den Ausdrücken der Sorge, genauer gesagt zu den Stimmungen, aber es handelt sich bei ihm um Stimmungen der abstraktesten Art, vergleichbar zu Gefallen, Mißfallen, Vermissen, Scheuen, Zuversicht, Sorge und Verpflichtung, wobei Zuversicht als Spezialfall der Beschwingtheit betrachtet werden kann und Sorge als Spezialfall der Schwermut, siehe Die Stimmungen des Waltens der Sorge und Seelische Schmerzen und Wege ihrer Auflösung zur die Ergebenheit betreffenden Korrektur.

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24. Juli 2015

Waiting in the meadow

Wer gräbt, der findet.

Ich habe ein Moor entdeckt, einen halben Meter unter dem Mutterboden beginnt der Torf.

Wenn das Zusammenspiel zwischen Mensch und Erde doch nur immer so abwechslungsreich wäre!

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21. Juli 2015

Zur Umformung der Natur

Wer auf die jüngere Geschichte der Menschheit sieht, erblickt hastige Aneignung und hartnäckiges Vorantreiben der eigenen Zwecke, und es entsteht der Eindruck eines Wettrennens verschiedener Fortbewegungsarten.

Sieht er hingegen auf die gesamte Geschichte der Natur, so erblickt er inmitten der Vielfalt der suchenden Formen die Konstanten, die Qualle, den Quastenflosser, den Farn, und es entsteht der Eindruck einer Ablagerung.

Das menschliche Herz wehrt sich gegen die Vorstellung einer Abfolge der Geschlechter und beharrt auf ihrer Variation. Wir befinden uns bereits an dem Ort, an welchem wir sein wollen, nur die Mittel unserer Versorgung ändern sich. Und auch wenn wir diese Mittel erschöpft haben, vergehen wir nicht, sondern drängen fortan zu einer variierten Lage, welche es uns gestattet, uns wieder zu versorgen.

Kann die Natur aber beständig gleichbleibende Ansätze variieren?

Sie kann es, wenn sich diese Ansätze mit Fällen der Ausbeute verbinden. Mehrwert, im besonderen, man bedenke dies einen Augenblick, beruht stets auf Ausbeute.

Genauer gesagt beruht er auf der Ausbeute mangelnder Initiative als Anstifter, der Ausbeute mangelnden Vertrauens als Vermittler oder der Ausbeute mangelnder Ahnung als Ratgeber, denn nur, wo eine Seele ihr Licht in den Dienst dunklerer Seelen stellt und diese ihre Kraft in den der lichtvolleren stellen, entsteht Mehrwert.

Freilich, der Fall ist gar nicht selten, in welchem sich eine Seele erst im Dienst anderer mit Licht füllt.

Und nicht wenige Menschen sind wenigstens partiell zu solchem Dienst veranlagt. Indes, wie bei jeder anderen Währung auch, mag es sich auch bei ihm um Falschgeld handeln, um einen Artikel, welchen der Markt nicht verlangt.

Einiges folgt hieraus für den Gesellschaftsentwurf, aber kehren wir zum Thema zurück.

Wenn ein Ansatz in einer bestimmten Lage aus welchen Gründen auch immer keine Anwendung findet, oder nur eine Anwendung, welche ihn selber zu Grunde richtet, so bleibt er doch unter anderen Umständen wertvoll, und die Natur täte schlecht daran, ihn zu vergessen. Auch ist zu fragen, ob eine Lage, welche sich lohnender Ausbeuten entledigt, stabil sein kann oder an ihrer eigenen Ineffizienz zu Grunde geht.

Interessanterweise hat bereits Adolf Hitler über diesen Punkt nachgedacht, wenn auch auf recht kuriose Weise, siehe Mein Kampf. Hitler betrachtet die natürliche Anleitung minderwertigerer Rassen durch höherwertigere Individuen als Problem, man verzeihe mir diese Ausdrucksweise, aber ich bin ein Freund verständlicher Mitteilung. Ginge es nach ihm, so leuchtete der Erleuchtete nur anderen Erleuchteten den Weg. Und dabei ist er sich des Problems des fehlenden Gefälles, welches noch stets zu Gerangel führt, durchaus inne. Aber er hat auch seine Lösung parat, nämlich blinden Gehorsam.

Fragt sich nur, welche gesellschaftliche Dynamik so begünstigt wird. Aber in sich ergibt es schon Sinn, wenn nur der Dumme nach Klugen Ausschau hält, während sich der Kluge, der Klugheit Seinesgleichen vertrauend, Scheuklappen anlegt.

Interessant dabei ist der offensichtlich schon damals zu beobachten gewesene Mehrwertschwund im Deutschen Reich, welcher Hitler ja nur auf derartige Pfade geführt haben kann und nach allem, was wir hier betrachtet haben, wohl eine Folge des Endes der Kaiserzeit ist, mit welcher zusammen die Basis für die bereitwillige Orientierung an lichtvolleren Seelen verschwand. Die Deutschen nämlich sind durchaus gewillt, sich am Lichtvolleren zu orientieren, aber nur, wenn es zugleich auch das Mächtigere ist. Umgekehrt freilich sind sie weniger skrupulös und orientieren sich auch dann am Mächtigeren, wenn es ins Verderben führt.

Freilich, das ist nichts besonderes, und im hiesigen Zusammenhang nichts weiter als ein Beispiel dafür, wie die schiefe Bahn ihre eigenen Voraussetzungen beseitigt, wodurch eben alles in der Natur auf den rechten Weg zurückkehrt und sie die ausbeutenden Ansätze solange variiert, bis ihre jeweilige Nische weitere Variationen unterbindet und sie in ihrer so erstarrten Form überdauern oder nicht.

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20. Juli 2015

Haltung und Stimmung der Menschheit

Das Gefühl, daß das Leben noch etwas anderes sein müsse, strömt aus zwei verschiedenen Quellen.

Die erste bilden die Schatten vergangenen Lebens, einmal erkannte Gefahren, aus welchen sich die Ängste, aus welchen die gesellschaftliche Achtung besteht, speisen, und einmal überstandene, welche die eigene Erwartung der Aufgaben, vor welche einen das Leben stellt, berät.

So kommt es also, daß wir einen Begriff von den Dingen haben, welche in unserem Leben fehlen, den Kanten, welche den Erfolg vom Mißerfolg scheiden, und den Belastungen, welche vor und nach dem Erfolg stehen.

Diese Dinge sind instrumentell, das, worin sich das Leben kleidet, aber kein Leben ohne Kleider und nichts Wesentliches ohne Institutionen! Und wen die Blöße des Lebens um sich herum übermannt, der beginnt, sich von ihm zu lösen, denn er sieht auf sein Ganzes. Wo das Spezielle entschwindet, tritt das Allgemeine hervor.

Aber dieses Allgemeine ist kein Ersatz, es ist etwas gänzlich Neues, die Schatten der Vergangenheit vergehen und an ihre Stelle tritt das zeitlos Gültige.

Denn genau das ist die zweite Quelle. Man schwimmt im Meer des Ewigen, man steht in Beziehung zu dem, was das Sein begründet. Und so kann es kommen, daß einem das eigene Leben nichts, und doch zugleich alles ist, indem es sich in keine liebenswerte Form fügt, und doch den Schlüssel zu allen liebenswerten Formen enthält.

Wir können uns freilich stets in dem, worüber wir Kontrolle haben, eine Zuflucht schaffen, aber je liebenswerter jene ist, desto verspielter ist sie, Liebenswertheit ist wesentlich Eleganz und Eleganz überträgt stets die Wohlordnung eines größeren Rahmens auf einen kleineren, so daß sich das wohlgeordnete Individuum, wo die Gesellschaft nicht wohlgeordnet ist, nur zwischen elegantem Rückzug in dasjenige, was kleiner als es ist, und arbeitsaufwendigem Verharren im seiner Statur angemessenen Rahmen entscheiden kann.

Der Widerspruch, sich in keine liebenswerte Form fügen zu können, welche man in sich trägt, löst sich nicht im eigenen Leben auf, sondern durch es. Gott leitet das Gebet nicht, welches er hört, er fordert zu ihm auf; das Entleerte begründet auf keinerlei Weise Sein. Und darin liegt auch der Sinn des Selbstmordverbots.

Wie im Einzelnen, so muß auch die Stimmung der Menschheit ihre Haltung neu formen, wenn diese ihr Leben nicht mehr durchgängig bestimmt. Die Stimmung der Menschheit aber ruht in denjenigen, welche auf das Ganze des Lebens schauen.

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16. Juli 2015

Orientierende Zeichen

Stolz und Vertrauen auf das Werk,
noch unverbraucht im Anblick mannshoher Zahnräder, aus Holz gebaut,
muß Freude über und Vertrauen auf das aufgewendete Leben weichen,
auch wenn und gerade weil es flüchtig ist.

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15. Juli 2015

Ethnogenese und Genozid

Es gibt drei Arten der Ethnogenese. Zunächst einmal mag es sich bei einer Ethnogenese um die Verschmelzung bestehender Völker handeln, oder es handelt sich um die Verschmelzung von Menschen, welche sich nicht bereits in einem Volkszusammenhang befinden. Ist ersteres der Fall, so mag die Verschmelzung in der Verschmelzung verschiedener Völker auf einem Gebiet bestehen oder es handelt sich um die allmähliche Verschmelzung verschiedener Völker in jeweils eigenen Gebieten zu einem Volk.

Auch der Fall, daß Menschen aus dem Nichts zu einem Volk zusammenwachsen, läßt sich wieder in zwei verschiedene Unterfälle scheiden, aber diese Unterscheidung ist nicht wesentlich: Entweder ein leeres Gebiet wird unter Verpflichtung auf die Vorgaben seines Besitzers zur Besiedelung freigegeben oder eine fremde Macht ergreift Besitz von einem ins Chaos versunkenen Gebiet und verpflichtet seine Bewohner auf ihre Vorgaben.

Bevor wir dies aber alles noch genauer betrachten, müssen wir zunächst definieren, was ein Volk ist.

Ein Volk ist eine Gemeinschaft von Menschen, welche eine bestimmte Öffentlichkeit, ein bestimmtes öffentliches Verhalten, für sich angenommen haben, was gleichbedeutend damit ist, daß sie wissen, was ihre gegenseitige Gegenwart für sie bedeutet, siehe auch den Beitrag Glaubenslagen, in welchem das Konzept der Öffentlichkeit entwickelt wurde.

Es gibt also wie gesagt drei Arten der Ethnogenese, und es handelt sich bei diesen um folgende Prozesse,
  1. die klassenmäßige Strukturierung verschiedener Völker auf einem Gebiet,
  2. die bündische Angleichung verschiedener Völker in jeweils eigenen Gebieten,
  3. die Akzeptanz einer äußeren Autorität.
Aufgrund der nötigen Überleitung zum zweiten Punkt dieses Beitrags möchte ich die Besprechung der ersten Art Ethnogenese an den Schluß verschieben. Beginnen wir also mit der zweiten.

Damit aus einer bündischen Angleichung verschiedener Völker tatsächlich ein neues Volk entstehen kann, ist es notwendig, daß die politische Großwetterlage, welche den nötigen Anreiz zum Bund liefert, stabil ist. Deutschland liefert dafür ein gutes Beispiel, denn auf sich alleine gestellt hätten sich die vier größeren deutschen Völker in der Mitte Europas nicht halten können.

Darüberhinaus ist, wie bei allen Ethnogenesen, die charakterliche Verbindbarkeit der beteiligten Menschen notwendig, siehe das Schaubild der kulturstiftenden Paarungen.

Bei der dritten Art Ethnogenese ist wie behauptet die anhaltende Akzeptanz einer äußeren Autorität die spezifische Voraussetzung ihres Gelingens, denn wo sie fehlt, wie etwa in Brasilien, gibt es wohl die Bereitschaft dazu, eine Öffentlichkeit anzunehmen, aber ohne den dazu verpflichtenden Druck bleibt alles Spiel und unverbindlich, erweist sich keine Option als Geschick.

Die Vereinigten Staaten bilden in dieser Beziehung einen Sonderfall, denn in dem Maße, in welchem ihre Bürger die Notwendigkeit ihrer militärischen Dominanz anerkennen, verzichten sie faktisch auf ihre gesellschaftliche Mitbestimmung. Oder anders gesagt, genau so lange, wie die Amerikaner bereit sind, sich für die Weltherrschaft der Vereinigten Staaten zu opfern, verbinden sich ihre Charaktere zu einem Volk. Sobald diese Bereitschaft erlahmt, werden sie sich persönliche Freiheiten erlauben, welche die gesellschaftlichen Beziehungen genauso unverbindlich werden lassen werden, wie sie zur Zeit in Brasilien sind - es sei denn, freilich, eine andere Verpflichtung ersetzte die vergangene.

Äußere Autoritäten können also abstrakt sein, aber sie sind es in der Regel nicht, weil ein Mensch nicht so ohne weiteres seine Freiheit aufgibt. Die Weltherrschaft tut's, aber unterhalb ihrer ist's fraglich. Gott kommt hier nicht in Betracht, weil Gott bereits in der persönlichen Präferenz einer Öffentlichkeit gegenüber einer anderen wirkt. Es geht bei dieser Ethnogenese also gerade darum, Gott zum Verstummen zu bringen, was letztlich allerdings auch nur dann erfolgreich sein kann, wenn die äußere Autorität eine gottgefällige ist.

Das französische Volk ist am ehesten auf diese Weise entstanden.

Die bei weitem meisten Völker sind indes dadurch entstanden, daß ein obsiegendes Volk unterworfene Völker klassenmäßig abgegrenzt in sich aufgenommen hat, wobei die klassenmäßige Abgrenzung um so starrer zu sein pflegt, desto fremder die Unterworfenen den Eroberern sind. Die mittlere Starre dürfte dabei das Knechte-Freie-Adelige-Modell besitzen, in welchem Selbständigkeit die Bedingung zur Freiheit und Heldentum die Bedingung zum Adel ist.

Damit auf diese Weise erfolgreich ein neues Volk entstehen kann, muß die es strukturierende Hierarchie bis zur vollendeten Verschmelzung fortbestehen.

Wenn wir beispielsweise auf die heutige Zeit blicken und erstens annehmen, daß wir de facto immernoch im Zeitalter des Imperialismusses leben, wofür die spezifische Gestalt der Migrationsströme durchaus spricht, und zweitens, daß die klassenmäßige Abgrenzung nach der Zugehörigkeit zum imperialen Volk intakt ist, wofür auch vieles spricht, so sähen wir zur Zeit nichts weiter als die unter diesen Umständen zu erwartenden Ethnogenesen der ersten Art, und wenig spräche dafür, daß sie mißlängen.

Allerdings, wie man leicht einsieht, wenn man es auch nur kurz durch denkt, sind diese imperialen Ethnogenesen logisch unvereinbar mit einer zugleich stattfindenden bündischen Ethnogenese auf europäischer Ebene, denn letztere muß im Rest der Welt ja eine Bedrohung und keine unterworfenen Kolonien erblicken.

Die Unentschiedenheit zwischen diesen beiden Aussichten legt den Schluß nahe, daß die zur Zeit versuchten Ethnogenesen scheitern werden.

Warum aber werden Fremde überhaupt klassenmäßig abgegrenzt, anstatt sie einfach auszurotten?

Und damit kommen wir zum zweiten Punkt dieses Beitrags.

Das Motiv dieser Abgrenzung ist nie Faulheit, denn kein Volk ist so dumm zu glauben, daß es überleben könne, wenn es die Beschwerlichkeit des Lebens auf andere Völker abwälzte - mit Ausnahme vielleicht der Perser.

Das Motiv ist stets das eigene ethische Empfinden, nach welchem es falsch ist, Wehrlose abzuschlachten oder zu enteignen. Und damit setzt der Genozid eine Störung des ethischen Empfindens voraus.

Die Geschichte zeigt, daß eine solche Störung stets mit einem Glauben an das Dämonische verbunden ist, wobei es wiederum zwei verschiedene Spielarten gibt, das Dämonische gegen Fremde in Stellung zu bringen, nennen wir sie die afrikanisch-europäische und die ostasiatische.

Die afrikanisch-europäische besteht darin, alles Unglück auf dämonische Kräfte zu schieben und diese dann in Fremden zu beheimaten, diese also zu dämonisieren.

Die ostasiatische besteht hingegen darin zu sagen, daß zwar alles Unglück von dämonischen Kräften herstammt, aber es bestimmte Kniffe gäbe, dieses Unglück in Glück zu verwandeln, welche die Fremden aber nie meistern würden, sondern nur man selbst. Die Fremden werden hier also zu Dämonensklaven, während man selbst zu Dämonenmeistern wird.

Gleich um welche Spielart es sich handelt, das betroffene Volk ist psychologisch an seine Vorstellungen gefesselt, und je länger sie Teil seiner Öffentlichkeit sind, desto mehr bilden sich alle Aspekte seines Lebens um sie herum, bis der Einzelne in einem genozidalen Wahn gefangen ist, welchen er nur verdrängen, aber nicht abschütteln kann.

Aus diesem Grunde werden solche Völker zu einem Problem für die Welt und diese pflegt sie im Laufe einiger Jahrhunderte zu zerschlagen, unter Umständen auch innerhalb eines etwas längeren Zeitraums, wenn das betreffende Volk lange genug hinreichend isoliert blieb.

Wenn diese Isolation hingegen endet, geht es auch mit dem Volk zu ende, denn es kann seine Geisteskrankheit nicht verbergen, sie ist keine freie Entscheidung, sondern ein übermächtiger Fluch.

Niemals wird ein solcher Glaube gepredigt, um den Gläubigen zu nützen, stets zum Nutzen Dritter und zum Schaden Zweiter, wobei der Schaden, welcher den Ersten dabei entsteht, als Kollateralschaden betrachtet wird.

Hin und wieder kommt es allerdings auch dazu, daß sich ein solcher Glaube von alleine aus einem ausgeglichenen, also nicht einseitigen, Dämonenglauben heraus entwickelt, und zwar wenn sich eine Gruppe aus ihm abspaltet, sei es durch Migration oder Bündnisbruch. Beispiele dafür sind durch die Bantuexpansion und die Reformation gegeben, wobei der Katholizismus, so ungleich schwächer sein Dämonenglaube im Vergleich zu dem des westafrikanischen Animismusses auch ist, immerhin noch genug Rohmaterial geliefert hat, um die Hexenverbrennungen anzustoßen.

Beispiele für einen gepredigten einseitigen Dämonenglauben liefern Dschingis Khan und das Dritte Reich.

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14. Juli 2015

Die Kriterien der Frieden der drei Seelenteile

Frieden bedeutet, daß die Willensäußerungen der drei Seelenteile ein stabiles Lebensumfeld erzeugen.

Das Kriterium des Friedens der Lust ist, daß das Gewicht der Übergriffigkeit der Gewalt hinreicht, ihr Einhalt zu gebieten.
Gäbe es nur eine Form des Krieges, nämlich den Anfall des Gegners, also keine Verteidigung, oder mit anderen Worten, unterschiede sich der Angriff von der Verteidigung bloß durch das positive Motiv, welches jener hat und diese entbehrt, der Kampf wäre aber immer ein und derselbe: so würde in diesem Kampfe jeder Vorteil des einen immer ein ebenso großer Nachteil des anderen sein, und es wäre Polarität vorhanden.

Allein die kriegerische Tätigkeit zerfällt in zwei Formen, Angriff und Verteidigung, die, wie wir in der Folge sächlich dartun werden, sehr verschieden und von ungleicher Stärke sind. Die Polarität liegt also in dem, worauf sich beide beziehen, in der Entscheidung, aber nicht im Angriff und der Verteidigung selbst. Will der eine Feldherr die Entscheidung später, so muß der andere sie früher wollen, aber freilich nur bei derselben Form des Kampfes. Hat A das Interesse, seinen Gegner nicht jetzt, sondern vier Wochen später anzugreifen, so hat B das Interesse, nicht vier Wochen später, sondern jetzt von ihm angegriffen zu werden. Dies ist der unmittelbare Gegensatz; daraus folgt aber nicht, daß B das Interesse hätte, A jetzt gleich anzugreifen, welches offenbar etwas ganz Verschiedenes ist.

Ist die Form der Verteidigung stärker als die des Angriffs, wie wir in der Folge zeigen werden, so frägt es sich, ob der Vorteil der späteren Entscheidung bei dem einen so groß ist wie der Vorteil der Verteidigung bei dem anderen; wo das nicht ist, da kann er auch nicht vermittelst seines Gegensatzes diesen aufwiegen und so auf das Fortschreiten des kriegerischen Aktes wirken. Wir sehen also, daß die anregende Kraft, welche die Polarität der Interessen hat, sich in dem Unterschied der Stärke von Angriff und Verteidigung verlieren und dadurch unwirksam werden kann.

Wenn also derjenige, für welchen die Gegenwart günstig ist, zu schwach ist, um den Vorteil der Verteidigung entbehren zu können, so muß er sich gefallen lassen, der ungünstigeren Zukunft entgegenzugehen; denn es kann immer noch besser sein, sich in dieser ungünstigen Zukunft verteidigend zu schlagen, als jetzt angreifend, oder als Frieden zu schließen. Da nun nach unserer Überzeugung die Überlegenheit der Verteidigung (richtig verstanden) sehr groß und viel größer ist, als man sich beim ersten Anblick denkt, so erklärt sich daraus ein sehr großer Teil der Stillstandsperioden, welche im Kriege vorkommen, ohne daß man genötigt ist, dabei auf einen inneren Widerspruch zu schließen. Je schwächer die Motive des Handelns sind, um so mehr werden ihrer von diesem Unterschied von Angriff und Verteidigung verschlungen und neutralisiert werden, um so häufiger also wird der kriegerische Akt innehalten, wie die Erfahrung dies auch lehrt.

- Carl von Clausewitz: Vom Kriege
Wäre die Verteidigung dem Angriff nicht überlegen, gäbe es für den jeweils Stärkeren keinen Grund, den Schwächeren nicht sofort zu unterwerfen, und das Gesetz des Stärkeren schlösse freiheitliche Koexistenz aus. Die Entwicklung der Waffentechnik verheißt diesbezüglich nichts Gutes, aber es liegt ein wesentlicher Hoffnungsschimmer darin, daß die Übergriffigkeit nirgends stärker ist als im Gebet: Was einer einem anderen wünscht wiegt wenig im Vergleich zu dem, was der andere für sich selbst wünscht.

Das Kriterium des Friedens der Achtung ist, daß die Ausschüttung der Verpflichtung im Angesicht von Ehrerbietung hinreicht, diese aufrechtzuerhalten.

Damit dies der Fall sein kann, muß erstens überhaupt einmal eine solche Verpflichtung empfunden werden, was voraussetzt, daß die gewährte Ehre als Schuld verstanden wird, welche zu begleichen ist, was technisch gesehen eine Form der Angst ist, nämlich der, sich als unwürdig zu erweisen, zweitens muß der Geehrte dazu in der Lage sein, den Ehrerbietenden von Nutzen zu sein und drittens muß das gesamte System von Ehrerbietung und Verpflichtungsausschüttung so angelegt sein, daß es alle erreicht.

Das Kriterium des Friedens der Sorge ist, daß die Zustimmung zur Öffentlichkeit der Ordnung hinreicht, um sie mit dem Leben der Zustimmenden zu erfüllen.

Und dieses habe ich in den Beiträgen Glaubenslagen und Remagnetisierung behandelt.

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11. Juli 2015

Glaubensbündel

So wie der Antichrist sein Bündel hat, so hab' ich auch meins.
Die richtige Haltung ergibt sich aus dem Vergleich des eigenen Willens mit der Gesetzmäßigkeit, welche sich aus dem übrigen Wollen ergibt. Und die eigene Seele führt einen zu ihr, wenn man sie nur läßt.

Die richtige Wertschätzung eines anderen Menschens ergibt sich aus der Erkenntnis seines Charakters und seiner Disziplin.

Und das unter den gegebenen Umständen richtige Vertrauen auf Gottes Hilfe besteht in der Konzentration auf das Wesentliche und damit auf die Formen der Transzendenz.

Wer seine Sachen beisammen hat, ist frei zu gehen. Es ist ein gutes Gefühl.
I can't answer for the place, only for myself.

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10. Juli 2015

Die großen und die kleinen Bosheiten

Der gestrige Beitrag hat mich in seiner Nachbetrachtung auf den Dreiklang
  • confuse
  • bluff
  • scare
gebracht - Begriffe, welche ich gerne unübersetzt lasse.

Sie sind den drei seelenteilzugehörigen Bosheiten, welche ich im Beitrag Moralische Defizite aus Schwäche oder Bosheit angegeben habe, verwandt, genauer gesagt sind letztere ihre Mütter, welche sie jeweils tausendfach gebären.
  • Irreleitung gebiert confusing others,
  • Reinreiten gebiert bluffing others,
  • Aufhetzung gebiert scaring others.
Und der Vollständigkeit halber:
  • Verblendung gebiert disregarding others.
Die letzte Bosheit ist aber nicht global institutionalisiert, es gibt lediglich lokale Institutionen, welche sich im gegenseitigen Wettbewerb um sie bemühen.

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9. Juli 2015

Schwankender Boden

  • Vereinte Nationen. Ehrung des Allgemeinen oder Ersetzung des Spezifischen durch es?
  • Federal Reserve. Selbstregulierung des Finanzmarktes oder Vehikel seiner Machtergreifung?
  • U.S. Military. Verteidiger der Freiheit oder Brandschatzer in ihrem Auftrag?
Sorge, Achtung und Lust des Antichristen.

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8. Juli 2015

Zum griechischen Referendum

Was will man den Griechen vorwerfen? Mit dem technischen Wissen, was wir haben, können wir alle auf der faulen Haut liegen und das Leben genießen, solange wir keine grundsätzlichen Dummheiten wie etwa die Zeugung von sechs Kindern im nationalen Durchschnitt begehen.

Jeder weiß das, und viele rechtfertigen ihr letztlich nutzloses Leben auf diesem Fundament. Groß geredet wird aber nicht davon. Warum? Deswegen, weil wir wissen, daß die Verteilung von Nektar und Ambrosia außerhalb unseres politischen Einflusses liegt. Wir nuckeln an der Flasche, welche uns hingehalten wird, und hinterfragen die Motive lieber nicht, aus welchen das geschieht.

Die Approximation des herrschenden Systems aus dem Blickwinkel des zwölfjährigen Außenstehenden gestaltet sich dabei in etwa so.

Die Schönen hänseln die Häßlichen, bis letztere genügend motiviert sind, ein Leben lang für einen etwas größeren Hubraum zu arbeiten und erstere passieren das Tor zum privilegierten Leben, indem sie die Unverdientheit unseres Reichtums und ihre eigene Großherzigkeit besingen.

Nur sieht es nicht danach aus, daß es noch lange so weitergehen wird: Je weniger Einfluß man nämlich auf den Zugang zu einem Gut hat, desto hysterischer, desto weniger auf die Folgen sehend schlägt man sich um es - ganz wie in einer amerikanischen Auktion, und zu einer solchen ist das Schuldenerhaltungsgeschäft schon lange verkommen,
immer wieder zahlen die Gläubiger einen Einsatz, um ihre Hoffnung auf den großen Gewinn, also daß dem Schuldner seine Schulden nicht erlassen werden, aufrecht zu erhalten.

Da sich die Euro-Staaten nun einmal in diese Auktion hineinziehen lassen haben, kann man von ihnen nicht mehr als Hauen und Stechen erwarten, und darin liegt die Perspektivlosigkeit der gegenwärtigen Lage, soweit sie Europa betrifft, begründet: Unsere Zukunft besteht im Melken einer Ziege, welche wir nicht ausreichend füttern können, weil sie dafür zu wenig Milch gibt.

Aber ist das wirklich so? Oder befinden wir uns zur Zeit nur in einem Strudel, welcher uns an einen gänzlich anderen Ort spülen wird?

In Estland ist es nämlich jüngst zu zwei sehr symbolischen Unglücken gekommen. Am Sonntag trieb der Wind eine Hüpfburg in die Luft, zwei Kinder starben, einige weitere wurden verletzt, und am Freitag zuvor ertranken in Narva-Jõesuu vier  Menschen in einem Strudel.

Strudel, so klärt der estnische Staat auf, bilden sich, wenn schnellfließende Flüsse ins Meer strömen und der Wind das Meer in die Flußmündung drückt. Da der Wind an der Oberfläche wirkt und Salzwasser leichter als Süßwasser ist, wird das Flußwasser oberflächig an weiterer Bewegung gehindert, was zur Sogbildung in die Tiefe führt.

Man erkennt Strudel daran, daß Treibgut über dem Trichter eines Strudels eine schwimmende Insel bildet. Sollte man in den Einzugsbereich eines Strudels geraten, so sollte man nicht versuchen, ihm zu entkommen, sondern tief durchatmen und sich auf einen etwa 20 sekündigen Tauchgang vorbereiten (estnische Verhältnisse). Auf dem offenen Ozean nützt einem diese Vorbereitung indessen nichts mehr, da der Sog unter den dortigen Verhältnissen für Stunden anhalten kann.

Tja, wo sammelt sich das Treibgut heute?

Auf den Arbeitsämtern, im Internet?

Nous verrons.

Nach meiner mittelschweren Depression am Samstag konnte ich die Lust zum Ausbruch aus dem gegenwärtigen Gefängnis am Tag darauf geradezu spüren. Und wie sollte sie falsch sein?

Wir können tun, was immer wir wollen.

Daß uns gerade das in die äußerste Not stürzen wird, hat sich noch nicht erwiesen, wiewohl es sich natürlich erweisen wird. Also warum nicht einmal einen mutigen und edlen Schritt tun, anstatt in knechtischer Feigheit zu verharren?

Am Ende wird es nicht anders sein, wenn uns unsere titanischen Werke auf die Füße fallen werden, was wird uns einzig retten? Warum nicht schon einmal zeigen, daß wir die menschliche Existenz technischen Erwägungen nicht unterordnen werden?

Die Agenda 21 ist eine Paste, welche lindern soll, wo Heilung nötig ist. Wer leben will, muß mit dem Falschen brechen, und dazu müssen falsche Vorstellungen zerbrochen werden.
Und wer da überwindet und hält meine Werke bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Heiden*, und er soll sie weiden mit einem eisernen Stabe, und wie eines Töpfers Gefäße soll er sie zerschmeißen, wie auch ich's von meinem Vater empfangen habe; und ich will ihm geben den Morgenstern**.
* ἐθνῶν = Völker.

** ἀστέρα τὸν πρωϊνόν = morgendlicher Stern = Phosphoros = Tarik.

Wer Jesus Christus konsequent nachfolgt, schwingt keine Reitpeitsche, wie Klaus Kinski meinte, sondern er zerschmeißt die Vorstellungswelten der Heiden wie eines Töpfers Gefäße.

Das geschieht zur Zeit.

Das ist der wesentliche Punkt, nicht die albernen Spielchen (i.e. Lucifer), welche die christliche Tradition in den letzten gut 1000 Jahren um diese Verse gestrickt hat: Spinnweben sind es, und nur dazu gut, wozu Spinnweben eben gut sind.

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6. Juli 2015

Das Koordinatensystem menschlichen Lebens

Ein Mensch befindet sich in einer Lage, und diese Lage wird dadurch bestimmt, auf was sich seine Mitmenschen einlassen. Sagen wir also, daß sich ein Mensch jederzeit in einem Einlassungsrahmen befindet. Einen konkreten Einlassungsrahmen nennen wir Polis.

Einlassung ist dabei doppeldeutig, denn dadurch, daß sich Menschen auf etwas einlassen, lassen sie genau dies in ihre Polis ein.

Die Begründung eines Einlassungsrahmens besteht in einem gemeinsamen Verständnis der sich in ihm befindenden Menschen, und Verständnis ist die eine Dimension menschlichen Lebens.

Die andere Dimension besteht in der Aufgabe, welche sich aus der Offenheit des Einlassungsrahmen ergibt.

Dabei zerfällt die Aufgabe gleich wieder in Karriere und Realisierung, Karriere beschreibt die Bewegung innerhalb eines bestehenden Einlassungsrahmens und Realisierung seine Änderung.

Dabei kann der Einlassungsrahmen direkt oder indirekt geändert werden. Eine indirekte Änderung des Einlassungsrahmens folgt aus der Änderung der materiellen Gegebenheiten bei gleichbleibendem Verständnis. Und zur Erreichung einer solchen Änderung mag auch eine Karriere gehören, in welchem Fall wir aber auf das Ziel der Angelegenheit sehen und trotzdem von einer Realisierung sprechen. Das Kriterium bei derartigen Unterscheidungen ist, ob jemand sich beweisen will (Karriere) oder etwas realisieren.

Die direkte Änderung des Einlassungsrahmens geschieht durch die Änderung des gemeinsamen Verständnisses.

Betrachten wir an dieser Stelle ein recht instruktives Beispiel, nämlich Musik.

Es gibt Menschen, welche Musik machen, um ihre eigene Karriere zu verfolgen. Das ist bei Licht betrachtet recht lächerlich. Und es gibt Menschen, welche Musik machen, weil sie meinen, daß sie in ihrer Musik etwas realisieren würden, was genauso lächerlich ist.

Musik ist, wie Liebe, ein einlassendes Verständnis, und wie Liebe erfüllt sie zwar eine Aufgabe, nämlich die Begründung und Änderung des Einlassungsrahmens durch die Begründung und Änderung des gemeinsamen Verständnisses, aber wie Liebe sollte sie nicht als Aufgabe verfolgt werden, sondern als Zeugnis.

Die direkte Änderung des Einlassungsrahmens ist nur unter logischen Gesichtspunkten ein zu verfolgendes Ziel, im sonstigen, Willentlichen, aber die Frucht von Empfänglichkeit, also ein Zeugnis.

Wenn wir auf unser eigenes Leben blicken, so werden wir Verständnis und Aufgabe dort unschwer erkennen. Verständnis wurzelt in und herrscht in blutsmäßigen Beziehungen vor, und wem die Dimension der Aufgabe etwas bedeutet, der kennt auch den Horror vor wuchernder Blutsverwandtschaft, einer Welt, in welcher jede Geste etwas kommuniziert und die Essenz des Lebens darin besteht, den Geruch der eigenen Fürze zu rühmen. Wo alles verstanden wird und sich gerade darauf eingelassen, was angedacht, gibt es weder Karriere noch Realisierung. Alles ist, wie es sein sollte und jeder befindet sich dort, wo er hin will. Der Mensch ist ein schleimiges Maß aller Dinge.

Andererseits gründet sich alle Existenz letztlich in diesem Schleim, und wenn wir an unser Alter denken, so hoffen wir wohl, daß wir dann auf dem Fundament blutsmäßiger Beziehungen stehen, welche einzig verbürgen, daß die Aufgaben, an welchen wir gewirkt haben, jemanden finden, welcher sie auf irgendeine Art und Weise fortführt, wobei, je spezifischer die Aufgabe, desto spezifischer auch die blutsmäßigen Beziehungen. Daher auch der Spruch über große Männer, welcher letztlich aber doch sehr albern ist: Wer einerseits für Volk oder Menschheit wirkt, andererseits aber seine Lebensfrucht in seinen Kindern aufgehen sehen will, ist doch schlicht das. Besser sich seine Vielschichtigkeit klar machen. Dabei ist es schon im Ehelichen so, daß wir uns Aufgaben stellen, welche wir nicht überblicken, um letztlich darin Befriedigung zu finden, jemanden zu unserer Ausgangslage zurückgeführt zu haben, damit er seinen eigenen Platz im Koordinatensystem von Verständnis und Aufgabe finden kann.

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4. Juli 2015

Remagnetisierung

Es ist nur natürlich, daß die Abweichler ins Private fliehen, wenn der Dienst stark ist.

Aber was tun sie nun, da er schwach ist?

Jene, welche den Aufruhr in sich tragen, werden ihn nicht länger eintauschen müssen, doch jene, welche sich bereits ins Private geflüchtet haben, sind für ihn verloren.

Es scheint, als sollten sie den schwächelnden Dienern zur Seite springen, sich der Figur nach mit ihnen aussöhnen, doch der Substanz nach ist es ein Umzug der Untoten.

Eine Weile wird es scheinen, als gäbe es nirgends mehr ein frisches Lüftchen.

Doch der Glaube orientiert sich nur, und die Willkür wird nicht länger um sich greifen, als er dazu braucht.

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1. Juli 2015

Glaubenslagen

Wenn ein Mensch seinen eigenen Glauben gefunden hat, so mag er sich in verschiedenen Lagen wiederfinden. Eine davon ist der Aufruhr. Im Aufruhr versucht er gegen den Widerstand der Öffentlichkeit ins Offene durchzubrechen. Aber so muß sich seine Lage nicht gestalten.

Zunächst einmal ist danach zu fragen, ob sein Glaube Öffentlichkeit verlangt oder nicht. Und anschließend danach, ob er sich in die bestehenden Umstände einfügt oder nicht.

Die erste Frage führt zur Unterscheidung öffentlicher und privater Glauben, die zweite zur Unterscheidung additiver und disruptiver Glauben, um hier nicht gleich von fortführenden und zurücksetzenden Glauben zu sprechen, was wohl dabei versucht wird, indes oftmals in geradezu lächerlich aussichtslosen Lagen.

Ein öffentlich disruptiver Glaube ist eben ein Aufruhr, für welchen ich im Beitrag Philip Kindred Dick's Metaphysik zwei Beispiele angegeben habe, wobei Dick's Fall darüberhinaus auch noch zeigt, daß die Öffentlichkeit sich keineswegs im Einklang mit dem institutionellen Rahmen befinden muß: Die manifestierte Öffentlichkeit in einer Gesellschaft ist ihr informaler Konsens, bestehend aus all den Verhaltensregeln, welche im Offenen bereitwillig befolgt werden; Öffentlichkeit hier also im Sinne von wie man sich öffentlich gibt.

Ein öffentlich additiver Glaube ist ein Dienst. Er zeichnet sich dadurch aus, daß man innerhalb der Öffentlichkeit ausreichend Gelegenheit findet, ein öffentliches Gut zu befördern, an welches man glaubt. Beispiele dafür gibt es natürlich viele: Unsere Öffentlichkeit erlaubt die verschiedensten Dienste, sie begrenzt die Dienstbarkeit der Menschen nicht durch Verbote, sondern durch Inkonsequenz, also dadurch, daß sie die Säue in den Menschen weckt, welche alle Arten von Diensten zertreten.

Bleiben die privaten Glauben. Ein additiver privater Glaube ist ein Beitrag, wie ihn etwa ein Förster in einem entlegenen Forst empfinden mag. Er lebt in seiner Welt und trägt auf diese Weise zur Welt im Ganzen bei.

Und ein disruptiver privater Glaube ist ein Doppelleben.

Daß die Protestanten sich nicht von der funktionalen Phase des Glaubenszykels lösen mögen, heißt in diesem Zusammenhang, daß sie zu allen Zeiten davon überzeugt waren und auch weiterhin davon überzeugt sind, daß es sich bei der Öffentlichkeit um einen Sauhaufen handelt, welchem gesellschaftliche Vorschriften auferlegt werden müssen, damit er sich ordentlich verhält. Sie glauben nicht daran, daß der bestehende Gesetzesrahmen Dienste erlaubt. Und das ist eben auch ganz wesentlich wahr.

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30. Juni 2015

Klang und Art

Musik kann viel aussagen, wenn die Georgier singen, beschreiben sie sich selbst, wie sie nun einmal sind, vor dem Hintergrund der Welt, wie sie nun einmal ist, wenn die Armenier singen, beschreiben sie, was ihnen in der Welt widerfahren ist und wenn die Deutschen singen, beschreiben sie, wo in der Welt sie hinwollen.

Die georgische Musik arbeitet geschickt mit harmonischen Brüchen, rhythmischen und melodischen Korsetten, ausgesprochen aufgesetzten Stimmlagen. Sie bildet einen Kanon gesellschaftlich akzeptierter Innerlichkeit, Temperament und Berührtheit zu einem Ausgleich zu bringen versuchend. Sie ist große Kunst, denn sie versucht den Menschen sowohl realistisch als auch erhaben darzustellen, sie ist es deshalb, weil im Bekenntnis alle Güter und Übel in sich zu tragen, der Schlüssel zu wahrem Adel liegt: Nicht nach Erklärungen zu suchen, um sich zu rechtfertigen oder abzufinden, sondern nach Kraft und Maß die eigene Natur in die Welt treiben zu lassen.

Freilich, der georgische Kosmos ist statisch, die Sterne an seinem Himmelszelt sind nicht nur gezählt, sie sind durchnumeriert. Die georgische Kultur ist authentisch antik, von ihrer Haltung aus sind die Araber ins Jammern verfallen und die Griechen ins Frivole abgeschwiffen, und doch sind diese beiden noch klar als ihre Ableger erkennbar, denn auch sie sind statisch, wohingegen das Leid, welches die klagenden Töne des Duduks heraufbeschwören, in der schieren Zeitlichkeit der Geschichte besteht: Die Georgier wählen die Zeit, in welche sie wollen, die Armenier verfolgen sie.

Und die Deutschen malen sie sich im wesentlichen aus, gewiß, bald da zu sein, nicht leidend, sondern munter: Wo der Armenier das Gewicht der Vorkehrungen sieht, da sieht der Deutsche die Möglichkeit zu sinnerfüllter Beschäftigung, der Weg ist nicht unbedingt sein Ziel, aber er kennt auch keine klare Trennlinie zwischen Weg und Ziel.

Dies alles spricht klar aus den Liedern der betroffenen Völker.

Und auch aus den Stimmen der Menschen spricht klar, wie sie in der Welt suchen.

Wenn ich mich höre, meine Stimme ist nicht außergewöhnlich, ich hatte sogar einen Freund in meiner Klasse, dessen Stimme meiner zum Verwechseln ähnelt, und wenn ich meine Wirkung aus einigem Abstand bedenken möchte, muß ich nur an ihn denken, also wenn ich mich oder ihn höre, so begegnet mir jemand, welcher davon überzeugt ist, daß es zahllose Menschen gibt, welche ihm gleichen, und welcher alles, was er in die Hand nimmt, daraufhin ansieht, wie es ihm und seinesgleichen wohl von Nutzen sein könne, wobei er gerne bei dem verweilt, was er gerade in seinen Händen hält, aber auch nicht zu lange, jemand, der in die Sonne blickt, wie sie im Meer versinkt und denkt: Und morgen ist auch wieder ein Tag.

Ich bin den Georgiern nicht ganz unähnlich, auch wenn ich ein ziemlich typischer Deutscher bin, es liegt an meinem Hang zum Episodischen, das heißt weniger an einem Drang zu neuen Ufern, als vielmehr an meiner Weigerung, irgendein Ziel für längere Zeit beizubehalten, nicht im Sinne von Orientierungslosigkeit, sondern im Sinne des Vermeidens mentaler Krämpfe: Ich vertraue darauf, daß mein Wille mich schon wieder an den verwaisten Arbeitsort zurücktreiben wird.

Man kann nicht sagen, daß ich meine Zeit wähle, sie wählt eher mich, und ich mache mich auf ihren Weg, nach deutscher Art, für eine Weile. Und doch, in dem Maße, in welchem mir die Geschichtlichkeit des Zieles egal ist, und die augenblickliche Erwähltheit alles, nehme ich das Statische wahr: Es bestimmt mein Denken nicht, aber im Laufe der Zeit orientiert es mein Denken.

Ich stehe seit ein paar Tagen vor dem Problem, mich mit mir selbst anstatt mit der Welt beschäftigen zu müssen, letztlich, weil auch ich in der Welt bin, viel habe ich heute nicht dabei gewonnen und doch etwas. Und morgen ist auch wieder ein Tag. Nun, gegen Mittag werde ich diesen Beitrag veröffentlichen müssen - den Rest des Tags hab' ich frei.

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27. Juni 2015

Elementare Betrachtungen zur Verteilung der Primzahlen

100010 : 2 in 6 = 2*3

100000 100010 100010 100010 000010 : 8 in 30 = 2*3*5

-7; -19; -17; -1, -29; -13; -11; -23 aus jeweils 30 : 48 in 210 = 2*3*5*7

-0*30-11, -4*30-1, -4*30-23, -6*30-7, -6*30-29; -1*30-13, -3*30-19, -4*30-11, -6*30-17; -1*30-1, -1*30-23, -3*30-7, -5*30-13; -0*30-19, -1*30-11, -3*30-17, -5*30-1, -5*30-23; -0*30-29, -2*30-13, -4*30-19; -0*30-17, -2*30-1, -2*30-23, -4*30-7, -4*30-29, -6*30-13; -2*30-11, -4*30-17, -6*30-1; -1*30-7, -1*30-29, -3*30-13, -5*30-19, -6*30-11; -1*30-17, -3*30-23, -5*30-7, -5*30-29; -0*30-13, -2*30-19, -3*30-11, -5*30-17; -0*30-1, -0*30-23, -2*30-7, -2*30-29, -6*30-19 aus jeweils 210 : 480 in 2310 = 2*3*5*7*11

Damit verbundener Satz. In Z2*3*5*...*p gibt es (2-1)*(3-1)*(5-1)*...*(p-1) invertierbare Elemente, oder gleichbedeutend so viele Elemente, welche weder durch 2, 3, 5, ... noch durch p teilbar sind.

Beweis. Es gibt einen Isomorphismus zu Z2 x Z3 x Z5 x ... x Zp, und zwar den durch (01, ..., 0k, 1k+1, 0k+2, ..., 0n) -> p1*...*pk*ek+1*pk+2*...*pn, ek+1=(p1*...*pk*1*pk+2*...*pn)-1 mod pk+1 gegebenen.

Wären die invertierbaren Elemente in Z2*3*5...*p gleichverteilt, d.h. gäbe es bei der Aufteilung der Intervalle keine Divisionsrestphänomene, so wäre die Dichte (d) der Primzahlen in [pn2, pn+12) also durch (2-1)*(3-1)*(5-1)*...*(pn-1) / 2*3*5*...*pn gegeben.

d = 0,5; 0,333; 0,267; 0,239; 0,208; 0,192; 0,181; 0,171; 0,164; 0,158; 0,153; 0,149; 0,145; 0,142; 0,139; 0,136; 0,134; 0,132; 0,13; 0,128; 0,126; 0,124; 0,123; 0,122; 0,12; 0,119; 0,118;

wobei die erste Dichte für das Intervall [4, 9) und die letzte für das Intervall [10609, 11449) gelten würde.

Wenn wir die letzte Dichte auf Z30 anwenden, so erhalten wir dort nur noch 3,54 an Stelle von 8 invertierbaren Elementen, und verliefe diese Reduktion wiederum gleichmäßig, so könnten wir im Intervall [10609, 11449) keine Primzahlzwillinge mehr finden.

Die Abweichung der lokalen Dichte invertierbarer Elemente in Z2*3*5*...*p von der Gleichverteilung läßt sich abschätzen, insbesondere ist sie oszillierend: Fällt sie an einer Stelle stärker als sonst, so fällt sie an den höheren Primzahlvielfachen dieser Stelle schwächer als sonst und umgekehrt, was sich auch schon an den angegebenen Beispielen ablesen läßt, 5 (30) verliert am Rand, 7 (210) um die Mitte, 11 (2310) um die Mitte sehr wenig und in der Mitte sehr viel.

Das soll indes für's erste zu diesem Thema genügen, ich habe es auch nur aufgegriffen, weil ich mit dem Gedanken liebäugelte, von meiner Inspiration in unverfängliche Gefilde geführt zu werden. Selbst ein Garten verlangt weltliche Arbeit, wenngleich vergleichsweise wenig, eine konsequente Reduktion menschlicher Existenz auf das Schöne endete in einem mathematischen Autismus.

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23. Juni 2015

Philip Kindred Dick's Metaphysik

Passend zu Johannisnacht und -tag, eine eingehende Beschäftigung mit Philip Kindred Dick's Interview aus dem Jahre 1979.
I was beginning to sense that what we perceive is not what was actually there. (20:31)
Dick geht von der Empfindung der Unvollständigkeit des Bewußtseins der immanenten Welt aus, welche in ihm gegenüber seiner Mathematiklehrerin, deren Andersartigkeit er durch immanente Betrachtungen nicht hinreichend zu erklären vermochte, aufstieg, um dann aber nicht wie Schopenhauer die Welt der Vorstellung als ausgedehnte Oberfläche zu beschreiben, hinter welcher der Wille in die Tiefe geht, oder wie ich als Welt der Erwägung, hinter welcher die Welt des Beschlusses steht, sondern indem er an der Stelle der gegebenen immanenten Realität eine andere immanente Realität vermutet, im Falle seiner Mathematiklehrerin etwa, daß sie in Wirklichkeit ein Automat sei.

Die Andersartigkeit, welche Dick da ausgemacht hat, ist übrigens das Resultat zweier gänzlich erwägender Bewußtsein, welche innerhalb gänzlich verschiedener Bereiche erwägen, denn es ist ein Charakteristikum der Erwägung, daß ihr Geist, ihre Identität, einzig von den Dingen abhängt, welche sie erwägt, das ist sozusagen beschlossen, und Schopenhauer nennt dieses Phänomen die Selbstentfremdung des Willens. Und auch Dick sieht das trotz seiner mechanistischen Auffassung der Unzureichendheit der immanenten Welt ganz genauso:
If I can make you see the world the way I see it then you will automatically think the way I think, you will come to the conclusions I come to. If I can control your perception. (28:18)
Aber während Schopenhauer das Übel in der Einseitigkeit des Bewußtseins, der Ausblendung des Willens ausmacht, welche die Wahrnehmung der fundamentalen Gemeinsamkeit verhindert (des tat twam asi, das bist du), sieht Dick es in der Angleichung zweier Erwägungen.

Nun, Viele, mich eingeschlossen, kennen sie aus dem ersten Semester Mathematik, wenn man in der Tat das unangenehme Gefühl hat, seine eigene Welt gegen eine andere, nicht unbedingt reichere, einzutauschen. Dennoch, ich habe mich damals überwunden, darauf vertrauend, daß ich schon nicht von meinen eigenen Fragen abgeschnitten würde. Und wenn ich auch über eine gewisse Strecke viele schöne Zusammenhänge, welche ich während meiner Schulzeit gefunden hatte, vergessen hatte, was indes schon während meiner Bundeswehrzeit einsetzte, war mein Denken damals doch zu ungerichtet, zu sehr in alle Richtungen gleichzeitig gehend, als daß ich den Fragen, welche mich damals am meisten interessierten, erfolgreich hätte nachgehen können, also ohne mich hoffnungslos zu verwirren.

Diese Ungerichtetheit des Denkens aufzuheben ist sicherlich auch die edelste Bedeutung, welche man uni-versal, auf eines gerichtet (nämlich die Definition), und damit der Institution der Universität geben kann.

Für Dick überwiegen hingegen die Nachteile der Angleichung, er sieht die politische Dimension, den Staat, welcher das Denken seiner Bürger durchdringt und nach seinen Wünschen formt - eine Gefahr, welche natürlich auch in den portugiesischen Staaten von Amerika (soweit ich weiß, hat der Papst die Linie woanders gezogen, aber egal), im Heimatland des Marketings, durchaus gegenwärtig ist.

Dabei geht Dick vom Unbewußten als der Quelle der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt aus, eine Konstruktion, welche inhärent darauf hinausläuft, daß jeder seine dunklen Flecken besser für sich behalten sollte. Das ist in meinen Augen so allgemein gehalten, daß ich es ehrlich gesagt nicht weiter kommentieren möchte. Dick allerdings knüpft später daran an, wenn er sagt:
The irrational is the primordial stratum of the universe. It comes first in time and it is primary in ontology, in levels of essence, and it evolves from irrationality, chaos and blindness, into rationality, that is the irrational gives birth to the rational, and that the history of the universe is a movement from irrationality, which means chaos, cruelty, blindness, pointlessness, generates evolution out of it, a rational structure, which is harmonious, which interlocks, which is interlinked in a way that it is orderly and beautiful and harmonious, but this comes into existence only fitfully, slowly, sporadically, like lightning discharges, here and there, that is not ubiquitous. (1:20:40)
Und das möchte ich kommentieren. Nicht so sehr inhaltlich, wozu nur zu sagen ist, daß Schopenhauer dies bereits korrekt erklärt hatte, wovon Dick wohl nichts gewußt hat, andernfalls er nicht vier Jahre gebraucht hätte, um das zu formulieren, und der Rest menschliche Subjektivität ist, welche ich Dick, und auch mir selbst, gerne gönne, denn ob das Geschehen in der Natur ordentlich oder chaotisch erscheint, hängt nur davon ab, welche Distanz man zu ihm einnimmt, was sogar popkulturell in dem Song From a distance (God is watching us, from a distance.) zum Ausdruck gebracht wurde, sondern vielmehr auf die religiösen Erfahrungen, welche Dick zu dieser Sicht der Dinge gebracht haben, und die subjektive Notwendigkeit dieser Sicht für Dick bezugnehmend.

Ich mußte den Brunnen vertiefen, das Grundwasser war anderthalb Meter gesunken, also mußte ich den Schacht, in welchem das Wasserrohr verlegt war, ausheben und auch vertiefen. Und neugierig, wie Mäuse so sind, ist eine gleich in den Schacht gelaufen. Ich wollte sie mit dem Spaten rauswerfen, aber als ich in den Schacht gesprungen bin, ist sie mir direkt unter den Gummistiefel gelaufen. Sie war gleich tot, ich kenne den Reflex auch, in Gefahr sofort das Dümmste zu tun, dann geht sie wenigstens vorbei. Um ehrlich zu sein, es mag gut sein, daß ich die Maus im Sinne eines funktionalen voranschreitenden transzendenten Akts hypnotisiert habe. Und ich glaube, Dick hat sich seine Rattenhorrorgeschichte auch selbst erzeugt, aus demselben Grund, aus welchem ich mir einmal einen Autounfall erzeugt habe: Dick hat angefangen, für sein Leben eine Schuld zu empfinden, im Sinne eines Preises, welchen er für es bezahlen müsse. Ich schrieb vor kurzem über den dem zugrundeliegenden Mechanismus, es handelt sich um einen Aufruhr, nämlich den Aufruhr des Beharrens auf dem eigenen Leben unter Fremden, für welchen man gerichtet werden wird, und das beginnt einem irgendwann klar zu werden.

Dick wurde faktisch erlöst, freigesprochen, und aus seiner Stimme spricht die Heiterkeit, welcher derjenige empfindet, der erfahren hat, daß es Grund zur Zuversicht gibt.

Der Mensch lebt nicht, um sich zu ernähren, sondern um Entwicklungsperspektiven aufzudecken. Und Dick hat eine Entwicklungsperspektive für die Menschheit gefunden, an welche er glaubt, und in diesem Glauben wurde er gerichtet und bestätigt.

Meine Lage ist etwas anders. Meine Besorgtheit gilt keiner geschichtlichen Alltagserscheinung wie der Oszillation zwischen Republik und Imperium, sondern der äußersten Krisis der menschlichen Kondition in diesem Zeitalter. Dick hat seinen Aufruhr zum Schiedsspruch gebracht, indem er sich zu einem Krieger der Republik gemacht hat, und ich weiß wohl, für welche Sache ich kämpfe, aber manifeste Gegner, wie Nixon in Dick's Fall, gibt es für mich nicht, ich kämpfe eher... gegen das Nichts. Deshalb fühle ich mich auch nicht von meiner Lust an der Verwicklung, um Dick's Diana einmal so zu nennen - ich bin vielmehr meine Lust an der Verwicklung -, sondern von meiner Anteilnahme geführt (wenn du aber alt wirst...). Diesbezüglich bin ich also wohl das genaue Gegenteil Dick's.

Verwicklung und Anteilnahme sind die beiden Modi sozialer Interaktion, die Anteilnahme fragt, was der andere empfindet, die Verwicklung, was er fortan tun wird, die Anteilnahme betrachtet ihn als gewichtig, die Verwicklung die Reflexe, aus welchen die soziale Dynamik hervorgeht, die Anteilnahme sieht den Einzelnen, die Verwicklung das Netz.

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